Gesellschaft

Die offene Tür nimmt vielen Besuchern die erste Scheu

Marion Meichsner, links, Vorsitzende des Vereins Die Brücke, empfängt die Besucher im Eingangsbereich am Stand mit den Erzeugnissen aus den Werkstattbereichen. Fotos:Socrates Tassos

Marion Meichsner, links, Vorsitzende des Vereins Die Brücke, empfängt die Besucher im Eingangsbereich am Stand mit den Erzeugnissen aus den Werkstattbereichen. Fotos:Socrates Tassos

Wattenscheid.  Sommerfest bei der Brücke, Freunde psychisch Erkrankter: Viele „neue“ Gesichter. Auch mit Martin-Luther-Patienten und Kollegen der Diakonie.

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„Es sind nur noch fünf Würstchen da, gleich ist Feierabend“, der Alarmruf kommt aber doch zu früh. Schon kurze Zeit später heißt es dann: „Ist wirklich schon um fünf Uhr Schluss?“ - „Nein, kann auch später werden, wenn noch Leute da sind“, denn es ist Sommerfest und Tag der offenen Tür an der Westenfelder Straße bei der „Brücke“, und es herrscht reger Betrieb. „Und es kommen nicht nur Bekannte“, bilanziert Angelika Koch feinsinnig lächelnd, die Leiterin der Einrichtung für psychisch Erkrankte.

Hemmschwelle für Besuche liegt zunächst hoch

Ziel erreicht, könnte das heißen, wenn Angehörige, Partner, Freunde, Familienmitglieder einfach einmal vorbeischauen. Und sehen wollen, was ihre Leute so den ganzen Tag machen in den Gruppen und Kreisen. Die Hemmschwelle für Besuche liegt hoch, aber bei Gesprächen zwischen Grill, Kuchentheke und Getränkestand im Garten sinkt sie schon deutlich. Immerhin sind alle freiwillig hier, als Gäste sowieso, als bekannte Besucher in der Tagesstätte oder in der Kontakt- und Beratungsstelle aber auch.

Selbst schon betroffen

Ein gedehntes „ja, auch schon“, das haben Koch und Volker Willuhn für das Team der Brücke als Antwort auf die Frage, ob die neuen Gäste denn gedankliche Umwege suchen. Nicht offen und direkt fragen. Dass sie da einen Freund haben, einen flüchtigen Bekannten, der so komisch ist, irgendwie, oder irgendwo was gelesen haben. Wissen wollen sie also tatsächlich aber mehr über psychische und psychosomatische Auffälligkeiten. Und sind wohl selbst schon betroffen.

Die Zahl der Erkrankungen und Krankschreibungen steigt gerade wieder deutlich, und für die Brücke hat Koch festgestellt, dass die Menschen nicht „härter“ werden, sondern „weicher“, anfälliger unter vielfältiger Belastung, aber auch empfindsamer. „Und aus weichen Beschwerden nicht harte Fälle werden müssen“, beschreibt sie den Ansatz und die Arbeit der Brücke.

Zum Essen muss man sich anmelden

„So 30 bis 70“ überschlägt das Team spontan die Zahl der regelmäßigen Besucher, 20 davon in der Tagesstätte. Diese wird vom Landschaftsverband finanziert, und der macht auch Vorgaben. Vier Tage die Woche, etwa fünf Stunden täglich feste Teilnahme lauten sie für die „tages- und wochenstrukturierenden Angebote“. Und so mancher nimmt die ein halbes Jahr an, mancher auch ein paar Jahre. Und die Tagesstätte ist „gut ausgelastet“, wie alle im Umkreis.

Die Kontakt- und Beratungsstelle wird von der Stadt getragen. Es gibt keine Platzbegrenzung, alle Angebote sind offen, ob in der Redaktionsgruppe, der Frauen-, Männer- oder der Kochgruppe. Schmunzelnd unterstreicht die Leiterin, dass die „weit gefasste Hausordnung“ auch schon mal etwas rustikaler wird. „Zum Essen muss man sich anmelden, den Obolus bezahlen, und auch mal den Küchendienst übernehmen.“

Obolus und Küchendienst

Wenn die Besucher oder die Betreuer zu der Frage kommen, ob das Angebot der Brücke für den Einzelnen reicht, kann über die Möglichkeiten der Diakonie gesprochen werden, etwa per Betreutem Wohnen, über Hilfen des Sozialpsychiatrischen Dienstes oder Hausbesuche bei Betroffenen.

Der Austausch über die Warnsignale, die Krankheitsbilder, die Erfahrungen und Angebote der Unterstützung gilt für jeden Interessierten. „Und wir sehen immer wieder auch welche, die erst nach ein paar Jahren noch mal wiederkommen“, schiebt Volker Willuhn ein. Vielleicht beim Sommerfest.

„Tschüss dann, wir sehen uns auf ‘n Kaffee“

„Selbstverständlich“ ist ein dehnbarer Begriff, reicht von der Ausrede bis zur Pflicht, ist längst nicht immer auch gleich. In einer Cafeteria gibt’s Brötchen, Schokoriegel, Kaffee, Cola, selbstverständlich. In der Cafete des Klaus-Steilmann-Berufskollegs auch. Aber die heißt „Brücke“, und die Damen hinter dem Tresen schmieren die Brötchen im Rahmen des Arbeits-Erprobungsprojektes der Brücke, Vereins der Freunde und Förderer psychisch Beeinträchtigter.

„Unter realistischen Bedingungen“ nennt es der Fachjargon, der Betrieb zwischen 6.30 und 13 Uhr mit Schlange stehenden Schülern und Lehrern nimmt dem die theoretische Komponente. Denn „hier wird auch gemeckert“, beschreibt Betreuer Volker Willuhn, „ganz normal“. Und das Team aus Besuchern der Kontaktstelle und der Tagesstätte ist in der Pflicht, denn knurrende Mägen fordern hier täglich zwischen 500 und 600 Brötchenhälften, belegt nach Wahl.

„Arbeit verleiht Perspektive und Identität“

Pro Schicht sind es vier bis fünf der Damen (nur ein Mann zählt zum festen Stamm), und wer früh merkt, dass es seine Tagesform heute nicht zulässt, setzt eine Telefonkette in Gang. Im Team selbst wird Ersatz gesucht, denn die ersten Brötchen wollen längst geschmiert sein, bis das Büro von Kontaktstelle und Tagesstätte besetzt ist.

Leiterin Angelika Koch unterstreicht: „Arbeit verleiht Perspektive und Identität als Mitglied einer Gemeinschaft, sie ist Anlass zum Aufstehen, um mit anderen in Kontakt zu treten. Sie bewahrt davor, perspektivlos in den Tag hinein leben zu müssen.“

Und wenn sich die Damen des Cafeteria-Teams in die Ferien verabschieden mit „wir sehen uns auf’n Kaffee in der Brücke“, so weiß Volker Willuhn, „ganz bestimmt nicht. Die kommen erst nach den Ferien wieder hierher.“ Zur Arbeit, selbstverständlich.

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