Gedanken kreisen

Bis zum letzten Türchen

Das große Krippenspiel in der Friedenskirche.

Das große Krippenspiel in der Friedenskirche.

Foto: Gero Helm

wattenscheid.   Unterwegs zu Stationen des „Lebendigen Adventskalenders“ in der Wattenscheider City: Ein paar Gedanken kurz vor dem Heiligabend.

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Zwei kleine Windlichter flackern auf der Schwelle der geöffneten Tür, unten An der Kirchenburg, oben dagegen hell angestrahlt die Propsteikirche St. Gertrud. Ein kleiner Kreis ist es, der der Einladung zum „Lebendigen Adventskalender“ diesmal gefolgt ist. Irgendwo im Haus ist das Klavier zu hören, Probe für die Weihnachtsgottesdienste. Passt: Beethoven, „Ode an die Freude“, Advent, Freude auf Weihnachten. Kurz darauf übertönt der Stundenschlag vom Turm die Klänge. Pünktlich, natürlich.

Die Liederhefte auf dem Tisch sind schon etwas abgegriffen, gern genutzt offenbar. Auch wenn die Melodie, vielleicht auch der Text sowieso bekannt sind: „Es ist für uns eine Zeit angekommen“, dann ein Gedicht aus Irland vom „Licht im Dunkel“, passt auch alles.

„Bei den Liedern sind es ja doch immer noch die Klassiker“, kommentiert Gemeindereferentin Renate Aßheuer. Wie in den Gottesdiensten zu Weihnachten, wenn viele kommen, die seltener da sind. Auch unter den Besuchern bei den Stationen dieses Adventskalenders sind eher alte Bekannte, aber wenige, die jedes Mal dabei sind.

Es soll kein Stress, kein Zwang dahinter stecken für die, die einladen und ein Türchen öffnen. Die ersten Termine sind schnell festgemacht, bei den späteren wird’s spärlicher. Die Wochenenden sind frei geblieben. Stress entsteht nur am Anfang: „Leute, meldet euch!“, dann geht’s schnell. Bei manchen ist viel los, wie in den Kindergärten, bei manchen kommen nur die Nachbarn, dann gibt’s auch mal Currywurst. Hier nun Plätzchen und Punsch, wer will. „Wir beginnen mal mit einer Marzipankartoffel“, eröffnet einer, greift zu und kommentiert: „Köstlich!“

Der Alltag guckt im Advent sowieso noch um die Ecke, auf einige wartet heute noch die Gemeinderatssitzung, dazu noch die konstituierende. Und sonst, Stress? „Nein, nicht so“, meint Aßheuer, „Außer, vielleicht, da wären auf einmal noch drei Beerdigungen.“ Alltag, professioneller Umgang, Pflicht. Unsentimental, vielleicht.

Die Gedanken kreisen an diesen Tagen, und nicht nur um Weihnachten, nicht nur um Einkaufsstress, nicht um Postkartenidylle von pudergezuckerten Tannenbäumen vor frostklarem Himmel, wenn tatsächlich kaum jemand auf der Straße ist im Nieselregen. Die letzte Station macht der „Lebendige Kalender“ im Kolumbarium in St. Pius. Paradox, möchte man meinen, und doch sind da Leben und Tod nah beieinander.

„Ich möchte ganz einfach beerdigt werden,“ erzählt eine Dame resolut. Sie will ihren Namen nicht „schon wieder in der Zeitung lesen will“, sagt sie in der gemütlichen Plauderrunde bei der Kalender-Etappe in der evangelischen Friedenskirche, im Eine-Welt-Laden. Sie will keinen Stress für ihre Lieben, „wenn ich mal nicht mehr bin“, und sie darf das unsentimental sagen, bestimmt, mit 76, seit 54 Jahren Mutter, seit 15 Jahren Oma, stolz. Auch auf ihre Schwiegersöhne.

Eine andere aus dem Kreis der Kalender-Gäste hat schon fast verschmitzt vorweg geschickt: „Ich such’ mir schon die Rosinen raus, wo ich überhaupt hinkomme zu den einzelnen Türchen,“ mit ihrem Rollator. Wie viele ist sie froh, „vielleicht einfach mal eine halbe Stunde raus zu kommen.“

Draußen hat der Fiesel-Nieselregen nachgelassen, wärmer geworden ist es auch, trotzdem ungemütlich. Gegenüber geht das Licht in einem dreistöckigen Wohnhaus an, schimmert grün durch die Fenster auf den Gehweg. Sicher ungewollt bilden die Fensterflügel ein Kreuz. Für den, der es sieht.

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