Bildung

Wie man als Quereinsteiger in Velbert Lehrer wird

Bastian Vollmer ist Lehrer am Berufskolleg Niederberg, obwohl er kein klassisches Lehramtsstudium absolviert hat.

Foto: Uwe Möller

Bastian Vollmer ist Lehrer am Berufskolleg Niederberg, obwohl er kein klassisches Lehramtsstudium absolviert hat. Foto: Uwe Möller

Velbert-Mitte.   Als Seiteneinsteiger die Anstellung in einer Firma gegen das Unterrichten zu tauschen, ist besonders an Berufsschulen nun gängige Praxis.

Zurück an die Schule, aber nicht zum Pauken, sondern zum Unterrichten: Diesen Weg schlugen zwei Lehrer des Berufskollegs Niederberg ein, nachdem sie bereits in einem Unternehmen gearbeitet haben — und das ohne klassisches Lehramtsstudium. Obwohl das Lernen am Anfang des Berufswechsels auch für die gelernten Elektrotechniker und Werkzeugmechaniker auf dem Stundenplan steht. Denn so einfach wird man auch als Fachmann nicht zum Lehrer.

„Es war genau die richtige Entscheidung“

Denkt Bastian Vollmer an die Zeit des Einstiegs in den Lehrerberuf zurück, fällt ihm vor allem eines ein: „Das war sehr zeitintensiv.“ Denn nach der Ausbildung zum Werkzeugmechaniker war sein Bildungsweg lange nicht abgeschlossen. An sein anschließendes Maschinenbaustudium folgte lediglich eine kurze Industrietätigkeit, „vielleicht zwei Monate“, erzählt der 37-Jährige. Früh habe er die Entscheidung getroffen, selbst Lehrer zu werden. Vollmer hat ein zweites Studium angeschlossen, sein erstes Staatsexamen gemacht und dann berufsbegleitend an der Schule gelernt: Seit 2014 ist der Velberter offiziell Lehrer, unterrichtet Maschinenbautechnik und Fertigungstechnik.

Die eigene praktische Erfahrung hilft sehr weiter

„Es war genau die richtige Entscheidung, es macht wirklich Spaß“, findet Vollmer, „vor allem wenn man merkt, dass die Schüler sich in Gespräche vertiefen und ich als Moderator das Ganze begleite. Das ist wohl das spannendste an meinem Beruf.“ Denn 90 Minuten Frontalunterricht, das könnte er nicht: „Es ist besser, wenn Schüler sich über ihr Interesse die Inhalte selbstständig beibringen.“ Dabei achtet Vollmer stets darauf, seine Schüler ernst zu nehmen und dabei authentisch zu bleiben. Die praktische Erfahrung, die er selbst gesammelt hat, hilft ihm genau dabei: „Ich habe ja selbst ein Jahr an den GLW gefeilt, das kennen die Schüler, das schafft Akzeptanz mir gegenüber.“

In den MINT-Fächern fehlt es an Lehrern

Nicht nur die eigene berufliche Erfahrung sei so eine gute Voraussetzung dafür, dass Seiteneinsteiger vom Unternehmen an die Tafel wechseln, sagt auch Frank Flanze, Leiter des Berufskollegs. Besonders für mathematische, naturwissenschaftliche und technische Fächer fehle das Personal: „In den MINT-Fächern ist der Markt wie leergefegt“, erklärt Flanze, der erst letzte Woche wieder einen Seiteneinsteiger eingestellt hat. Denn auch ohne klassisches Lehramtsstudium könne ein Fachmann seine Berufung zum Unterrichten finden, selbstredend unter entsprechender Betreuung: „Wir müssen auf der einen Seite die Seiteneinsteiger schützen, sie unterrichten schließlich zum ersten Mal, und auf der anderen Seite die Schüler, sie verdienen einen hochwertigen Unterricht.“

Eine Bereicherung für alle Seiten

Seit September ist ein weiterer Kollege frisch in der Ausbildung. Dominik U., der nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, ist zwar noch neu an der Schule. Wie er sich als Lehrer künftig fühlen könnte, probierte er aber in den vergangenen zwei Jahren bereits aus: Für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterrichtete er in diesem Zeitraum Schüler in Botswana. Bevor der 36-Jähirge nach Afrika reiste, arbeitete er im Anschluss an eine Ausbildung im Bereich Elektrotechnik, was er später auch studierte. Danach folgten einige Jahre in verschiedenen Firmen, in denen er unterschiedliche Projekte betreute.

Enge Verzahnung mit den Betrieben in der Region

„Ich konnte mir aber nicht vorstellen, das mein Leben lang zu machen“, erzählt U., „jetzt unterrichte ich Jugendliche, was wirklich Spaß macht. Das kann ich mir auch für das restliche Arbeitsleben vorstellen.“ Fünf Jahre habe der 36-Jähige noch vor sich, momentan hospitiert und unterrichtet er am Berufskolleg, zweimal in der Woche besucht er die Universität in Wuppertal, absolviert seinen Master of Education.

Im Anschluss folgt eine Art Referendariat, ähnlich wie bei Vollmer eine berufsbegleitende Zusatzqualifikation, bis er schließlich ebenfalls Lehrer ist: für Elektro- und Automatisierungstechnik. „Wir leben von der engen Verzahnung mit den Betrieben in der Region“, betont Flanze, Lehrer zu haben, die selbst aus diesen Betrieben kämen, sei einfach toll und eine Bereicherung für alle.

Mehr Stellen für Seiteneinsteiger 

Die Nachfrage nach Lehrern ist groß, besonders in den sogenannten MINT-Fächern: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Den passenden Bewerber für ausgeschriebene Stellen zu finden, das ist aber nicht einfach: Geöffnet sind die Stellen deswegen auch immer häufiger für so genannte Seiteneinsteiger. Im letzten Ausschreibungsverfahren waren in Velbert nach Auskunft der Bezirksregierung Düsseldorf insgesamt 22 Stellen ausgeschrieben – 13 davon für den Seiteneinstieg geöffnet. Der Löwenanteil davon ist in Grundschulen und der Berufsschule, eine Stelle davon auch an der Gesamtschule.

Quereinsteiger vor allem bei Vertretungsunterricht

An den Gymnasien sind keine Stellen für die Quereinsteiger ausgeschrieben – am Geschwister-Scholl-Gymnasium gehört auch keiner zum Kollegium, am Nikolaus-Ehlen-Gymnasium berichtet Schulleiter Michael Anger: „Einen Kollegen, der Bio und Physik unterrichtet, haben wir. Er ist seit fünf Jahren dabei.“ Auch dieser Seiteneinsteiger absolvierte ein berufsbegleitendes pädagogisches Studium.

„Solange es Bewerber mit erstem und zweitem Staatsexamen gibt, kommen keine Seiteneinsteiger“, erklärt Jürgen Rodermund, der selbst nach langjähriger Anstellung in einem Sportverein in den Schulbetrieb gewechselt ist. „Betriebe und Schulen, das sind zwei ganz unterschiedliche Bereiche“, weiß der stellvertretende Leiter der Gesamtschule deswegen genau.

„Die Nachfrage wird auch immer weiter steigen“

An der Realschule schätzt man Seiteneinsteiger vor allem im Rahmen des Vertretungsunterrichts. „Ich denke, die Nachfrage wird auch noch weiter steigen“, sagt Schulleiter Olaf Korte. Er höre von immer mehr Kollegen, dass es an passendem Personal fehle. Generell hält er den Quereinstieg in den Lehrerberuf für gut: „Es gibt Menschen, die von der Berufung her Lehrer sind, die einen Zugang zu Schülern und Thematik mitbringen.“ Notwendig werde die Alternative zur klassischen Lehrerausbildung jedoch vor allem wegen des Mangels an passenden Bewerbern.

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