Sommerführung

Wie eine Velberter Gießerei der Konkurrenz aus China trotzt

Vorsicht heiß! Hier wird 1600 Grad heißes Eisen aus der Gusspfanne in die Formen gegossen.

Vorsicht heiß! Hier wird 1600 Grad heißes Eisen aus der Gusspfanne in die Formen gegossen.

Foto: Uwe Möller / FUNKE Foto Services

Velbert.  Im SPD-Sommerprogramm konnten sich die Teilnehmer durch eine Velberter Gießereien führen lassen. Hier wird noch viel in Handarbeit gemacht.

Gießereien – auch in Velbert – haben schon bessere Zeiten erlebt. China hat den Markt fast komplett übernommen. „Es gibt jedoch ein Schlupfloch“, sagt der 28-jährige Kevin Knackert, Leiter der Modellierung, Planung und Mustermacherei der Gießerei GEW-Guss in Velbert. „China exportiert nicht unter 100.000 Stück; wir verkaufen auch in geringerer Stückzahl“, sagt er. „Manchmal lohnt sich das mehr, als später über die Hälfte wieder zurückzuschicken“.

Im Rahmen des SPD-Sommerprogramms konnte ein Duzend Interessierte an einer Führung durch die Gießerei teilnehmen. Zusammen mit Vito Calasso (44), Mitarbeiter der Qualitätssicherung, führt Knackert durch die Fabrikhallen.

Vorab jedoch warnt er: „Alles, was mehr als ein Rad hat, hat Vorfahrt“.

5000 Artikel stellen die 80 Mitarbeiter her

Knackert öffnet eine dicke Stahltür, hinter ihr befindet sich die Treppe hinab in die Fabrik. Es gelte äußerste Vorsicht, da die Führung während des normalen Betriebs stattfinde, so Knackert. Der Weg führt durch eine enge Gasse, die Geräusche der schweren Maschinen dröhnen durch die Gießerei. Als erstes geht es in die Modellbau- und Mustermacherei, denn dort starte jedes Produkt, erklärt der Führer. Hier werde noch alles von Hand gearbeitet. Ein Modell werde aus Stahl, Kunststoff, Zinn oder Messing kreiert, daraus dann ein Negativ mithilfe eines speziellen roten Sandes geprägt, und dann abertausende Kopien erstellt, erläutert Knackert. Das geschehe mit jedem der über 5000 Artikel, die in der Gießerei hergestellt werden. Zurzeit beschäftige das Unternehmen etwa 80 Mitarbeiter.

Ein Produkt, das so nur in Velbert hergestellt werde, sei die sogenannte Bodenhülse. Die zylinderförmige Hülse werde in Beton eingegossen und fungiere als eine Art Dübel für Straßenschilder. „Das Gewinde in der Hülse erlaubt es, Schilder einfach in den Boden schrauben“, erklärt Knackert.

1600 Grad heißes Eisen fließt in die Gussformen

Der nächste Schritt der Produktion ist das „Backen“ der sogenannten Kerne. Dort werden die Formen für das spätere Gusseisenprodukt aus Kunstharz und Sand bei 300 Grad hart gebacken. Bis jetzt war es noch angenehm kühl, doch in der nächsten Halle befindet sich der gewaltige Ofen, der das Gusseisen auf 1600 Grad erhitzt und in eine glühende Flüssigkeit verwandelt. Die Luft ist staubig, es ist laut und heiß. Funken sprühen von den Förderbändern und erlöschen auf dem Betonboden. „Etwa 150.000 Artikel werden pro Tag hier aus Temperguss hergestellt“, ruft Knackert.

Das Besondere an Temperguss sei die chemische Zusammensetzung und der Erstarrungsvorgang. Außerdem komme nach dem Gießen und Abkühlen der Guss wieder in einen gasbefeuerten Ofen. Dort erreiche die Temperatur ein Level, das den Kohlenstoff aus dem Eisen „backe“ und eine hohe Dehnbarkeit des Tempergusses ermögliche, so Knackert. Sein Kollege Calasso demonstriert die Eigenschaften des unbearbeiteten und bearbeiteten Eisens mit einer Presse. Tatsächlich bricht der Grauguss schon bei geringer Kraft, während der Temperguss sich in alle Richtungen biegen lässt.

Jeder darf eine gegossene Figur mitnehmen

„Wir haben hier auch unsere eigene Schleiferei“, erzählt Knackert. „Das ist für eine Gießerei heutzutage eigentlich nicht mehr üblich, aber so müssen wir nicht mehr externe Schleifereien ansteuern und können alles hier vor Ort fertigstellen und direkt an die Industrie weiterverkaufen“.

Die Artikel sind fertig – die Führung vorbei. Die Gruppe geht wieder nach oben, stellt sich vor das Gebäude und ist sichtlich beeindruckt von der Produktion. „Bei uns ist es Tradition, dass jeder eine Figur aus Gusseisen mitnehmen darf“, sagt Kevin Knackert und reicht eine Kiste herum.

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