Corona-Pandemie

Wenn die Hochzeitsgäste tausend Kilometer entfernt sind

Nicht immer ganz störungsfrei lief die Übertragung der Hochzeit von der Nordseeinsel.

Nicht immer ganz störungsfrei lief die Übertragung der Hochzeit von der Nordseeinsel.

Foto: Jascha Winking

Velbert/Fanø.  Digitale Hochzeit: Wer es nicht schafft, an der Trauung teilzunehmen, kann immer öfter virtuell dabei sein. Ein Erfahrungsbericht.

Ein Samstag im Oktober. Draußen hängt der grauweiße Schleier, der so typisch ist für den Herbst in Deutschland, drinnen aber, da werde ich in wenigen Sekunden den strahlend blauen Himmel über der dänischen Nordseeinsel Fanø sehen. Ich habe mir ein Hemd angezogen hier in Velbert, es gibt schließlich etwa zu feiern, Kathy wird heiraten, und ich bin eingeladen.

Kathy habe ich vor vier Jahren in einer Bar in Essen kennengelernt, es war zwei Uhr nachts und sie bewarf mich mit den Resten eines Bierdeckels. Wir sind damals, wie auch immer, ins Gespräch gekommen und Freunde geworden, so gute Freunde, dass ich heute zu ihrer Hochzeit kommen darf.

Mitten in der dänischen Nordsee

Deshalb klappe ich um Punkt 10.58 Uhr den Laptop auf, ich will pünktlich sein, gebe die Anmeldedaten für das Zoom-Meeting in die App ein und wie von Geisterhand bin ich da – irgendwie jedenfalls –, auf Fanø, mitten in der dänischen Nordsee. Ich sehe Kathy, die mit ganzem Namen Katherine heißt und aus einer kolumbianischen Stadt mit dem wunderbaren Namen Bucaramanga kommt, in ihrem weißen Kleid und den Blumen im Haar, daneben sitzt ihr baldiger Ehemann, Alex, lässige Hosenträger über dem weißen Hemd. Draußen, das kann ich durch die Fenster erkennen: blauer Himmel.

Immer mehr kommen ins Meeting

Gebannt lauschen die beiden der Frau, die sie vermählen wird. Währenddessen schließen sich immer mehr Leute dem Zoom-Meeting an, Kathys Mama im Osten Kolumbiens ist da, und auch ihre Schwester. Kaum jemand aus dem Bekannten- und Familienkreis hat es an diesem Samstag wirklich nach Fanø geschafft, in Deutschland steigen die Corona-Fälle wie nie zuvor und auch gefühlt das gesamte Ausland gilt als Risikogebiet. Durch die Video-App können aber doch alle dabei sein, denen das Paar die so genannte Meeting-ID und das dazugehörige Passwort hat zukommen lassen. Eine Freundin von Kathy filmt, um uns alle teilhaben zu lassen.

Die Tücken der Uhr

Später wird Kathy erzählen, dass eine Tante gefehlt habe, weil sie statt vier Uhr morgens kolumbianischer Zeit vier Uhr nachmittags verstanden hatte. Das sind die Fallgruben der digitalen Hochzeiten, die in Pandemiezeiten Hochkonjunktur haben. Und auch wenn Kathy das Fehlen der Tante weglacht, ist ihr doch anzumerken, dass sie wenigstens ihre Mutter gerne wirklich dabei gehabt hätte. Die aber konnte nicht kommen, Flüge aus Lateinamerika nach Europa sind im Moment ungefähr so gut zu bekommen wie das Geheimnis des ewigen Lebens. https://www.waz.de/staedte/velbert/jetzt-den-newsletter-mit-velberter-nachrichten-abonnieren-id227896281.html

Mitte in der Nacht aufgestanden

„Es ist sehr traurig, weil die Hochzeit natürlich etwas sehr Spezielles ist, was man mit der Familie teilen möchte“, erzählt Kathy ein paar Tage später am Telefon. „Trotzdem habe ich mich von allen sehr unterstützt gefühlt, meine Familie in Kolumbien ist mitten in der Nacht aufgestanden, sogar meine Oma.“ Kathy denkt kurz nach, dann bemüht sie den vielleicht berühmtesten Kolumbianer überhaupt: „Die Liebe in Zeiten von Corona“, sagt sie und lacht schallend los.

Im körnigen Bild

Meetings oder Kochabende, die gab es während der Pandemie zuhauf über Zoom, mittlerweile aber sind auch Geburtstage und sogar Hochzeiten in die digitale Welt übergewechselt. Für Menschen wie Kathy, deren Familie zehntausend Kilometer entfernt lebt, sind sie ein Segen. Momente, die aus welchen Gründen auch immer genau jetzt stattfinden müssen, können trotzdem geteilt werden – wenngleich die digitale Anwesenheit die physische wohl kaum ersetzen kann; trotzdem dürften Oma und Mama und alle anderen, die nicht dabei sein konnten, glücklich sein, die Trauung wenigstens irgendwie miterlebt zu haben.

Ich jedenfalls bin es, auch wenn ich den blauen Himmel von Fanø lieber wahrhaft über mir gesehen hätte als auf einem körnigen Bildschirm. Aber so scheint sie nun mal zu sein, die neue – hoffentlich nur vorübergehende – Realität. Weitere Berichte aus Velbert lesen Sie hier.

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