Reitunterricht

Velbert: Reitschulpferden droht derzeit die Arbeitslosigkeit

Der kleine Maximum liebt es geputzt und geritten zu werden. Er ist ganz brav und nimmt sogar als Dressurpony auf Turnieren teil.

Der kleine Maximum liebt es geputzt und geritten zu werden. Er ist ganz brav und nimmt sogar als Dressurpony auf Turnieren teil.

Foto: Alexandra Roth / FUNKE Foto Services

Langenberg.  Gruppenreitunterricht ist derzeit untersagt. Aber: Auch die Schulpferde müssen bewegt werden. Eine Velberter Reitschule lebt mit dem Spagat.

Maximus ist ein ziemlich aufgewecktes Kerlchen: Neugierig schnuppert der hellbraune Shetlandpony-Wallach an der Bürste, mit der Finja ihn gerade striegelt, seine Ohren stehen aufrecht, mit aufmerksamen Augen beobachtet er einen kleine Katze, die an ihm vorbeiläuft. „Maximus ist ganz lieb“, schwärmt Finja, die gerade ein Schulpraktikum am Reitstall Lembeck in Langenberg absolviert, „oft sind die Shetties ziemlich frech, aber er ist einfach toll.“ Britta Berse, die Stallbesitzerin, nickt und lacht: „Er ist auch so mit das beste Pferd im Stall, er geht normalerweise sogar auf Turniere mit unseren kleinen Reitern“. Normalerweise.

Reitunterricht nicht erlaubt

Denn derzeit stellt der Lockdown Light den gesamten Sportbereich ziemlich auf den Kopf und mitunter sind die Auflagen nicht eindeutig formuliert oder definiert. Dazu zählt auch das Kapitel Reitsport. „Eigentlich ist es ja so, Sport ist erstmal verboten, bis auf Individualsport , der ist erlaubt“, fasst es Britta Berse zusammen, „Das heißt, ich kann alleine mit meinem Pferd reiten oder auch gemeinsam mit drei weiteren Reitern in der Reithalle, die so groß ist, da ich die Vorgabe von 200 Quadratmeter Fläche pro Reiter einhalten kann. Ich darf aber keinen Reitunterricht geben. Selbst wenn es nur vier Teilnehmer sind, das ist verboten.“

Bewegung aus Tierschutzgründen

Das müsse man nicht verstehen, könne man aber akzeptieren, erklärt die Reitschulbesitzerin, allerdings „ist ein Pferd kein Fußball, den ich mal eben für vier Wochen in die Ecke kicken kann.“ Ein Pferd ist ein Lebewesen, ein Lauftier, das bewegt werden muss. Aus Gründen des Tierschutzes hat die Landesregierung daher eine Sonderregelung hinsichtlich der Reithallennutzung vorgesehen. „Wir haben sehr viele Ponys, die von uns Erwachsenen nicht bewegt werden können, wir sind zu groß und zu schwer. Daher übernehmen das jetzt unsere Kinder, die hier Reitschüler sind. Sie dürfen zu viert mit den Ponys in die Halle und sie bewegen und ich muss als Aufsichtsperson dabei sein, um die tierschutzkonforme Durchführung sicherzustellen und Unfälle zu vermeiden. Ich darf aber auf keinen Fall Unterricht geben.“

Aufsicht in der Reithalle ist Pflicht

Maximus ist jetzt gesattelt und getrenst, „Tür frei“ ruft Finja und führt das Shetty in die Reithalle. Drei andere junge Mädchen mit ihren Ponys reiten bereits entlang der Bahn in großem Abstand hintereinander her. Petra Simon, ebenfalls ausgebildete Reitlehrerin, steht am Tor und beobachtet das Geschehen. Sie muss jetzt genau aufpassen, was sie den Reiterinnen zuruft. „Richte dich ganz groß auf, wie eine Prinzessin oder ein König“, wäre unzulässig, weil dies als Reitunterricht eingestuft werden könnte, „Das Pony bekommt gleich eine Druckstelle am Rücken, wenn du dein Gewicht nicht verlagerst“, wäre dagegen zugelassen, hier greift der zulässige Tierschutzaspekt.

Manche Kommunen untersagen gesamten Reitbetrieb

„Mitunter ist das ziemlich schwierig“, kommentiert Britta Berse und richtet ihre Schutzmaske ein wenig „aber wir wollen uns nicht beschweren. In anderen Kommunen ist überhaupt nichts zugelassen, da ist der komplette Reitbetrieb eingestellt.“ Und überhaupt: Weil ihre Pferde fast alle in Offenhaltung leben, haben sie zumindest dadurch stets ein bisschen Bewegung. „Aber das kann man natürlich nicht vergleichen. Und gerade bei den Schulpferden ist es ja auch so, dass sie regelmäßig eingesetzt werden müssen, weil sie sonst nach einer monatelangen Coronapause wieder bei Null anfangen und vieles verlernt haben. Da können wir dann nicht nahtlos unsere Schüler wieder drauf lassen können, das wäre viel zu gefährlich Und das wiederum würde wieder zu finanziellen Einbussungen führen.

Lernvideos hochgeladen

Rund 300 Reitschüler hat der große Reiterhof, sie zahlen einen monatlichen Beitrag von jeweils 79 bis 99 Euro, darin enthalten sind vier Reitstunden plus Theorie und Praxis rund um den Umgang mit dem Pferd. Nun, da kein Unterrichts stattfindet sondern maximal das freie Reiten in der Halle, bietet Britta Berse kleine Schulungsvideos an. „Heute habe ich eins hochgeladen zu der Frage, warum Pferde einen Ausbilder brauchen“, erzählt die 48-Jährige, „mir ist es ganz wichtig, dass meine Schüler wirklichen den ganzheitlichen Umgang mit dem Tier lernen.“

Bislang kein einziger Coronafall

Die allermeisten Reitschüler oder auch deren Eltern seien bereit, den kompletten Betrag auch während der Einschränkungen weiter zu zahlen. „Natürlich gibt es auch die, die es einfach aus Kurzarbeit oder anderen Engpässen heraus nicht leisten können“, weiß die Mutter zweier Töchter, „aber ich muss sagen, ich bin total begeistert von dem Verhalten meiner Schüler. Sie alle tragen diesen gemeinschaftlichen Gedanken mit sich und wissen, dass jeder sich jetzt einschränken muss, damit irgendwann die Pandemie vorbei ist. Und ich bin wirklich stolz, wir hatten bislang noch keinen einzigen Coronafall hier in der Familienreitschule auf dem Lembecker Hof.“ Was nicht zuletzt sicher auch an dem umfangreichen Hygiene- und Abstandskonzept liegt, das Britta Berse der Stadt Velbert bereits im März 2020 zu Beginn der Pandemie vorgelegt hatte.

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