Tag der Arbeit

Velbert: IG Metall pocht auf Joberhalt und faire Bezahlung

Die Fahnen blieben dieses Jahr im Schrank, denn auch die traditionelle Maikundgebung fiel flach. Zum Tag der Arbeit stellten sich der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Velbert mit zwei Betriebsratschefs zum Gespräch.

Die Fahnen blieben dieses Jahr im Schrank, denn auch die traditionelle Maikundgebung fiel flach. Zum Tag der Arbeit stellten sich der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Velbert mit zwei Betriebsratschefs zum Gespräch.

Foto: Oliver Dietze / dpa

Velbert/Mettmann/Wülfrath.  Sichere, gute Jobs und eine faire Bezahlung stehen bei der IG Metall Velbert obenan. Sie sieht viele Firmen auf den Wandel schlecht vorbereitet.

Wenn nicht das bis dato eigentlich Undenkbare eingetreten wäre und die Mai-Kundgebung nicht hätte Corona-bedingt abgesagt werden müssen, dann hätte Hakan Civelek dem Ganzen einen viel stärkeren regionalen Bezug verpasst und Lage und Probleme der heimischen Wirtschaft beleuchtet. Denn der Erste Bevollmächtigte der IG Metall-Geschäftsstelle Velbert wäre heuer selbst als Mai-Redner an der Reihe gewesen. Sein Befund und Vorwurf: Viele Unternehmen hätten sich seit 2009/10, „als es dann wieder kräftig boomte“, auf ihrer Markt(führer)position ausgeruht „und ihre Hausaufgaben nicht gemacht“.

Wertvollstes Wissen in Köpfen der Mitarbeiter

„Ganz deutlich, diese Firmen sind auf den Prozess der Transformation, der rasant und tiefgreifend ist, nicht vorbereitet“, mahnt der Gewerkschafter. Zudem gehe der Umbruch bei den Entwicklungs-, Produktions- und Arbeitsabläufen auch mit einem gesellschaftlichen Wandel einher, ergänzt Halit Efetürk. Der Betriebsratschef von Fondium (vormals Gießerei Georg Fischer/Mettmann) macht sich dafür stark, bei dem notwendigen Transformationsprozess die Belegschaft nicht nur mitzunehmen, sondern eng einzubeziehen: „Das wertvollste Wissen ist in den Köpfen der Mitarbeiter.“

Kurze Pause von der Kurzarbeit

Zur Situation in Mettmann bei dem Kfz-Zulieferer mit „noch rund 1000 Leuten“ berichtet Efetürk von Auftragsrückgängen, fortschreitender Automatisierung und „schleichendem Arbeitsplatzabbau“; man sei jetzt zu 100 Prozent in Kurzarbeit gewesen, nächste Woche werde wieder produziert, danach folge weiter Kurzarbeit.

Verlagerungen sind Dauerthema

Nicht wenige Firmen, hieß es in der Runde, seien „doch recht angeschlagen“, und zwar unabhängig von Corona. Bei Knorr-Bremse (Wülfrath) wiederum – dort ist Ahmet Yildiz Betriebsratschef, der ebenfalls an dem Gespräch mit der WAZ zum Tag der Arbeit teilnahm – seien „erste Kollegen“ der früher 350- und jetzt nur noch 125-köpfigen Belegschaft bereits seit 2019 in einer Transfergesellschaft. Der Rest folge in der zweiten Jahreshälfte; der Wülfrather Standort des „Zulieferers für Bahn und Nutzfahrzeuge“ werde voraussichtlich Ende Juni geschlossen. Yildiz treibt – genau wie auch Civelek und Efetürk – als latentes Problem das Thema der Betriebs- bzw. Produktionsverlagerungen, zumeist ins Ausland, um.

Großfamilie wird zerrissen

„Wenn etwas Eins-zu-Eins zugemacht und verlagert wird, fühlen wir uns verlassen und hilflos.“ Für viele Arbeitnehmer, so Yildiz weiter, sei ihre Betriebszugehörigkeit geradezu eine komplette und eigentlich auch alternativlose Lebensbiographie. Die Verlagerung ins Ausland stelle einen ungeheuren Bruch dar, setzt Hakan Civelek fort. Dadurch werde vielfach die Großfamilie der Kollegen zerrissen und häufig eine Generationenfolge abgebrochen, weil ja der Vater auch schon im selben Betrieb gearbeitet habe.

Gewachsene Kontakte und ein besonderer Zugang

Eindeutig positiv, hierin sind die drei IG Metaller sich ebenfalls einig, sei jedoch, dass auch viele Firmen „mit uns gemeinsam gucken, was zu tun ist, etwa bei der Qualifikation“. Man knöpfe sich gemeinsam einzelne Abteilungen und Bereiche vor und erstelle so genannte Betriebslandkarten, erläutert der Metaller-Chef. „Wir haben auch externe und interne Unterstützer und sind teils tagelang zusammen.“ Dabei seien die in der Regel über Jahre gewachsenen Bindungen und Kontakte überaus hilfreich. „Dabei geht es auch ganz maßgeblich um den Zugang“, erklärt Efetürk. Man habe eben ein ganz anderes Vertrauen und auch einen anderen Blick als Menschen, die völlig von außen kämen.

Offen für Neues sein

Befragt nach Wünschen für die Zukunft antwortet er prompt „sichere und gute Arbeitsplätze“, die seien nämlich systemrelevant, und appelliert, dass die Arbeitnehmer offen für Neues sein müssten. „Wenn viele Menschen in Brot und Arbeit sind, funktioniert auch die Gesellschaft besser.“ „Joberhalt“ hat auch für Ahmet Yildiz Priorität. „Gewisse Arbeitgeber“, findet er, „sollten nicht nur den Staat in die Pflicht nehmen, sondern in erster Linie sich selbst.“ Man müsse beim Ankurbeln der Wirtschaft auch an die Einkommen der Arbeitnehmer denken, damit diese ihren Verpflichtungen nachkommen könnten, betont schließlich Hakan Civelek. Zudem gehe es dabei um die ebenso wünschenswerte wie in der jetzigen Lage auch bitter notwendige Kaufkraft.

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