Soziales

Schnelle Hilfe für Südost-Europäer in der Muttersprache

Sie kümmern sich in der Beratungsstellen im Neuzugewanderte aus Südosteuropa (v.l.)  Doroteya Doncheva-Shtereva, Boryana Hingst und Jasemin Baysal.

Sie kümmern sich in der Beratungsstellen im Neuzugewanderte aus Südosteuropa (v.l.) Doroteya Doncheva-Shtereva, Boryana Hingst und Jasemin Baysal.

Foto: Uwe Möller / FUNKE Foto Services

Velbert.  Im Projektbüro für Menschen aus Südosteuropa wird Zugewanderten auf Bulgarisch und Türkisch geholfen. Mindestens bis Ende 2022 gibt es das Büro.

Die Glastür ist geschlossen, eine Beratung wird hier jetzt nicht stattfinden, das machen die Beraterinnen vom Projektbüro für Menschen aus Südosteuropa ihren Gästen vor den Fenstern mit Zeichensprache klar. Alle paar Minuten schaut jemand durch die geschlossene Tür, klopft an oder winkt. Normalerweise findet hier, in der Thomasstraße mitten in der Velberter Innenstadt, „eine Beratung von A bis Z“ statt, wie Koordinatorin Yasemin Baysal sagt. Kostenlos können Zuwanderer aus dem südöstlichen Europa hier Hilfe finden, Beratungen zu allen Themen, bei denen sie unsicher sind: Existenzsicherung zum Beispiel, Wohnen, Gesundheit oder Sprache.

Bulgarien ist seit 2007 in der EU

Wahrgenommen wird das Angebot vor allem von Bulgaren, deren Land seit der EU-Osterweiterung von 2007 zur Europäischen Union gehört und die nun dank der Freizügigkeit in jedem EU-Land arbeiten und wohnen dürfen. „Es kam schon vor“, erzählt Petra Henning, bei der Stadt Abteilungsleiterin für Jugendförderung, „dass die Menschen hier mit einer Plastiktüte voller Amts-Schreiben ankamen und das Team das alles erstmal sortieren und übersetzen musste“.

Knapp 400 Familien werden betreut

Bulgaren gibt es in Velbert viele: knapp 400 Familien betreuen die Sozialarbeiterinnen in der Schloss-Stadt. „Bei durchschnittlich drei, oft aber auch mehr Familienmitgliedern, kann man ausrechnen, wie viele das sind“, sagt Boryana Hingst. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Doroteya Doncheva ist sie es, die den Hilfesuchenden auf Bulgarisch helfen kann.

Yasemin Baysal und Ahu Isik tun das auf Türkisch, denn viele der Zugewanderten gehören einer türkischen Minderheit in Bulgarien an. „Die Sprache ist natürlich Grundvoraussetzung“, sagt Petra Henning. Deshalb sei es großes Glück, auf vier Sozialarbeiterinnen zurückgreifen zu können, die die Sprachen sprechen.

Niederschwellige Sozialarbeit

Entstanden ist die Beratungsstelle, nachdem der Kreis in Kooperation mit der Stadt einen Antrag beim Land gestellt hatte. „Wir wollten niederschwellige Sozialarbeit anbieten“, erzählt Armin Römer, Leiter des Mettmanner Kreisintegrationszentrums. Das Land NRW genehmigte schließlich die Fördermittel, auch deshalb, weil, wie Römer sagt, „Velbert ein Zuwanderungsschwerpunkt für Menschen aus Südosteuropa“ sei. 2017 wurde das Büro eröffnet, seitdem haben Koordinatorin Baysal und ihre Kolleginnen viel Sozialarbeit betrieben, sind teilweise ganze Straßenzüge abgelaufen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Vertrauen aufbauen

„Der Schwerpunkt für uns war, Vertrauen aufzubauen“, sagt Boryana Hingst. „Das klappt jetzt gut.“ Zuvor aber habe es immer wieder kuriose Szenen gegeben: Für Spione der Staatsgewalt seien sie etwa gehalten worden. Mittlerweile aber sind die Frauen in der Gemeinschaft anerkannt: „Über Mundpropaganda wurde weitergegeben, dass wir wirklich helfen.“

Großteil kommt aus Plovdiv

Dass die bulgarischen Velberter Neu-Bürger zuerst skeptisch waren, mag auch mit deren Herkunftsgeschichte zu tun haben: 90 Prozent von ihnen, schätzen die Sozialarbeiterinnen, kämen aus Plovdiv, ein Großteil von ihnen dort aus dem Viertel Stolipinowo, einer marginalisierten und verarmten Vorstadt, deren Bewohner hauptsächlich türkischsprachige Roma sind und unter massiver Diskriminierung leiden.

Schlechte Erfahrungen gemacht

„Wir mussten uns vorher auch erstmal Videos auf YouTube anschauen, um überhaupt zu sehen, wie die Menschen dort leben“, erzählt Yasemin Baysal. „Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht und bringen ihre Ängste natürlich mit.“ Mittlerweile aber sei das Vertrauen so weit vorhanden, dass die Menschen den Sozialarbeiterinnen erlaubten, ihnen auch bei gewichtigen Fragen zu helfen. „Zum Beispiel haben wir auch schon über Schwangerschaftsabbrüche gesprochen“, erzählt die Koordinatorin. Für die vier Frauen sei ihre Arbeit sehr erfüllend. „Ich genieße das“, erklärt Hingst und Baysal sagt: „Die Menschen sind sehr dankbar.“ Deshalb kommen sie selbst, wenn die Glastür geschlossen ist – um zu klopfen und zu winken. Hier lesen Sie weitere Berichte aus Velbert

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