Handel

Kunden besuchen Kaufhaus Gassmann in Neviges zum letzen Mal

Das Aus der Filiale an der Bernsaustraße betrübt vor allem viele ältere Stammkunden, die in dem Kaufhaus hier Kurzwaren, Wolle, Wäsche und alles mögliche für den täglichen Gebrauch kauften.

Das Aus der Filiale an der Bernsaustraße betrübt vor allem viele ältere Stammkunden, die in dem Kaufhaus hier Kurzwaren, Wolle, Wäsche und alles mögliche für den täglichen Gebrauch kauften.

Foto: Alexandra Roth

Neviges.   Das Kaufhaus Gassman schließt am Abend des 4. Januar 2019. Kunden fanden hier Ware, die es in kaum einem Geschäft zu kaufen gibt.

Friedeburg Cebulla hat sich noch mal mit Staubsaugerbeuteln eingedeckt. „Die gibt’s nämlich nicht überall. Aber hier, hier bekamen Sie alles, was es in großen Geschäften nicht gibt. Meinen Stöpsel fürs Waschbecken zum Beispiel.“ Die 79-Jährige ist „sehr, sehr traurig“: Seit gestern ist Gassmann Geschichte.

„Wir haben hier unsere Elektrogeräte gekauft“

Neviges ohne Gassmann, das mögen sich auch Edeltraud und Kurt Nasilowski nicht vorstellen. „Ich sag immer: Hier gibt’s alles, vom rostigen Nagel bis zur Dose Farbe“, schmunzelt der 84-Jährige und schaut wehmütig auf die halb leeren Regale. „Sehr traurig ist das alles Wir haben hier viel gekauft, auch unsere gesamten Elektrogeräte, Raclette, Fondue. Was man brauchte, das hatten die.“ Wissen die Nasilowskis schon, wie es weitergeht? Was macht das Ehepaar in Zukunft ohne Gassmann? Der 84-Jährige: „Ein dummes Gesicht.“

Kunden zünden Kerzen an für die Mitarbeiterinnen

Wie die Nasilowskis kommen die meisten an diesem Tag nicht, um Schnäppchen abzustauben, sondern um sich zu verabschieden. Von einem vertrauten Sortiment, vor allem auch von lieb gewonnenen Verkäuferinnen. „Eine Kundin will sogar eine Kerze für mich anzünden“, sagt eine Kassiererin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie gehört zu den sechs von acht Mitarbeiterinnen, denen Unternehmens-Chefin Christiane Gassmann-Berger kündigen musste. Schweren Herzens, wie die Chefin in dritter Generation beteuert.

Unternehmens-Chefin bedauert die Schließung

„Natürlich, das ist ein trauriger Tag, ich kenne die Mitarbeiterinnen ja alle. Zwei gehen in nahegelegene Filialen.“ Der Schritt sei ihr nicht leicht gefallen, doch der gute Kundenstrom in den letzten Tagen, auch bedingt durch kräftige Rabatte, ändere nichts an der Tatsache: Gassmann in Neviges rechnet sich einfach nicht mehr, das Aus nach 20 Jahren an der Bernsaustraße ist unumstößlich.

Einkaufscenter Am Rosenhügel zog Kunden ab

„Ein Kollege sagte einmal: Traditionskaufhäuser muss man nicht nur lieben, man muss auch bei ihnen kaufen.“ Mit dem Einkaufscenter Am Rosenhügel habe das Dilemma angefangen. „Die Leute kommen nicht mehr in die Stadt, und der Leerstand hier in Neviges wird immer größer.“

Es gibt noch keinen Nachfolger für Gassmann

Einen Nachfolger für das 400 Quadratmeter große Geschäft nebst 185 Quadratmeter Lager in der ersten Etage gibt es noch nicht: „Wir sind dran, aber es muss natürlich auch passen“, sagt Immobilienbesitzer Claus Murjahn. „Wir versuchen, etwas Vernünftiges zu finden. Eine Sisha-Bar muss es ja nun nicht gerade sein.“

Sortiment von Feuerzangenbowle bis Blumenkübel

Die Stammkunden, die an diesem letzten Tag noch einmal Spielzeug für Enkel, Glühbirnen, Clips für Hosenträger oder den „Fingerhut mit Anti-Rutsch-Kante“ kaufen, sind sich jedenfalls einig: Gassmann ist unerreicht: „Das hier ist ein Juwel, eine Gold- und eine Fundgrube“, schwärmt Lothar Häger. Sein letzter Beweis: „Die Ringe für den Schnellkochtopf, die kriegen Sie nirgendwo.“ Hier liegen sie unweit von Unterwäsche, Gehörschutzstöpseln, Feuerzangenbowle und Blumenkübel.

Die Handarbeitsabteilung hat einen Ruf wie Donnerhall

Ingrid Weinand (78) stürmte jahrelang die Handarbeits-Abteilung „Ich bin fast jeden Tag hereingehuscht, wenn mir was fehlte. Hier hatten sie immer meine Wolle.“

Auch Marianne Bergen kommt wegen Wolle „immer freitags, leider gibt’s ja den Kaufpark nicht mehr.“ Iris Biewald kaufte hier für die ganze Familie: „Socken, Haushaltswaren, was man so braucht.“

Seniorin mit Rollator will jetzt im Internet einkaufen

Energisch schiebt Edith Marx ihren Rollator durch die Tür. „Für mich ist das ganz fürchterlich, dass die schließen, ich komme doch mit dem Ding nirgendwo hin.“ Die kluge Frau baut vor: „Hier, für den Balkon im Sommer“, dabei fischt sie aus dem Netz im Wägelchen Plastik-Unterteller für Blumenkübel. „Die hatten ja einfach alles.“ Und jetzt? „Internet“, meint die 85-Jährige. „Ich hab ein Tablet, skype ja auch immer mit meiner Enkelin in New York. Damit werd ich dann jetzt wohl auch einkaufen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben