Serie "Waldverliebt"

FÖJ in Heiligenhaus – Erst in den Wald und dann zur Uni

Lotta Becker (19) macht zur Zeit ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr im Umweltbildungszentrum.

Lotta Becker (19) macht zur Zeit ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr im Umweltbildungszentrum.

Foto: Heinz-Werner Rieck

Heiligenhaus.   Das Freiwillige Ökologische Jahr schafft Orientierung für junge Menschen. Lotta Becker ist dafür extra von Hamburg nach Heiligenhaus gezogen.

An ihren letzten Arbeitstag mag Lotta Becker noch gar nicht denken. Schließlich fühlt sich die 19-Jährige an ihrem Einsatzort im Umweltbildungszentrum pudelwohl. Um ihren Dienst dort antreten zu können, ist die Abiturientin im vergangenen Sommer eigens von Hamburg nach Heiligenhaus gezogen.

Das Projekt bietet auch viel Raum für eigene Ideen

Der weite Weg von der großen Hanse- in die Kleinstadt im Niederbergischen – für die junge Frau mit den Sommersprossen auf der Nase hat er sich gelohnt. Ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) hat ihr nicht nur berufliche Orientierung gebracht, sie ist selbstständiger und spontaner geworden. Das Jahr mit viel frischer Luft und Raum für eigene Ideen und Projekte hat ihr aber auch gezeigt, dass sie mit ihrer Einstellung nicht alleine ist. Dass es mehr Menschen gibt, die sich wie sie für Umwelt und Naturschutz einsetzen. „Und dass man seinen Mund aufmachen muss, wenn man etwas erreichen will“, sagt Lotta Becker.

Die FÖJler, wie sie sich selber nennen, engagieren sich bundesweit freiwillig in Naturschutzzentren, der Umweltbildung oder der Land- und Forstwirtschaft. In Heiligenhaus ist der Freiwilligendienst seit einigen Jahren an das UBZ angedockt. Zehn Schulabgänger haben in und an der Einrichtung an der Abtskücher Straße bereits ihr FÖJ absolviert. „Ohne ihre Unterstützung könnten hier manche Projekte gar nicht laufen“, freut sich Förster Hannes Johannsen jedes Jahr aufs neue über die tatkräftige Hilfe – und über frische Ideen.

Förster war anfangs skeptisch, ließ sich aber überzeugen

„Ich lasse mich gerne überzeugen“, sagt Johannsen und schmunzelt. So wie vom Gartenprojekt, das Lotta Becker angestoßen hat. Anfangs war der Förster skeptisch. Nun erfreut er sich an dem, was hinter dem Umweltbildungszentrum gereift ist. Und das im wörtlichen Sinne: An die Hauswand schmiegen sich Bohnenpflanzen, im Hochbeet wachsen winzige Paprika und gleich nebenan, in dem Plastiksack voller Blumenerde, glänzt die grüne Schale einiger prächtiger Zucchini.

Urban Gardening oder urbaner Gartenbau war Lotta Beckers FÖJ-Projekt. Gemeinsam mit den Kindern aus dem Entdeckercamp in den Osterferien hat sie die Samen gelegt. Mit dem UBZ-Team betreut die gebürtige Hamburgerin die kleine Anbaufläche weiter.

Es werden viele Erinnerungen an Heiligenhaus bleiben

Die 19-Jährige schüttelt sich selbstbewusst die kinnlangen Haare aus dem Gesicht, ihre Füße stecken in Gummistiefeln: Lotta Becker und Großstadt, das passt nicht recht zusammen. „Meine Großeltern waren Landwirte“, sagt sie. In Hamburg sei sie in einem Randbezirk aufgewachsen. „Ich war noch nie ein Großstadtmensch, sondern immer sehr naturverbunden“, erzählt die FÖJlerin, gräbt die Hände in die Taschen ihres grünen Kapuzenpullis und lächelt.

Dass sie ihr Freiwilliges Ökologische Jahr ausgerechnet in Heiligenhaus absolviert, ist vor allem der Vielfältigkeit der Stelle im UBZ geschuldet. Aber nicht nur die Mischung macht’s, auch das sportliche Angebot der weiblichen Kicker bei der SSVg Velbert war für die Fußball spielende Hamburgerin ein entscheidender Faktor. Mit dem Kicken musste Lotta Becker aus gesundheitlichen Gründen nach wenigen Monaten aufhören, ihr Einsatz für die Natur ist geblieben. Und er soll sie auch auf ihrem weiteren Lebensweg begleiten.

Lotta Becker hat sich in Eberswalde für den Studiengang Landschaftsnutzung und Naturschutz beworben. Heiligenhaus wird sie in diesem Sommer den Rücken kehren. Vergessen wird sie ihr Freiwilliges Ökologische Jahr deshalb nicht. Bevor die junge Frau jedoch so richtig Tschüss sagt, will sie mit den Kindern im Sommer-Camp noch das ernten, was sie im Frühjahr hinter dem UBZ gesät hat.

Freiwillige haben keine Angst vor schlechtem Wetter

Raus aus der Schule, rein in die Natur: Das Umweltbildungszentrum (UBZ) an der Abtskücher Straße nimmt pro Jahr zwei Schulabgänger auf, die das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) absolvieren und sich vor dem Start in den Beruf orientieren möchten. „Für viele ist das ein erster Schritt in Richtung Selbstständigkeit“, sagt Hannes Johannsen. Der Förster betreut die FÖJler nicht nur, er ist dankbar für ihre Hilfe.

Wer sich in Heiligenhaus für den Freiwilligendienst bewirbt, muss sich jedoch auf Kinder gefasst machen. Deshalb ist Erfahrung in der Arbeit mit Knirpsen von großem Vorteil. Ein Praktikum im Kindergarten oder ein Engagement in der Jugendarbeit sind echte Pluspunkte bei der Bewerbung. Zeugnisnoten spielen für Johannsen eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist, dass der oder die Bewerber (in) keine Angst vor ungemütlichem Wetter hat. Denn den größten Teil ihrer Dienstzeit verbringen die freiwilligen Helfer unter freiem Himmel.

Plätze im UBZ sind für das Jahr 2017 schon belegt

Wer jetzt noch Flexibilität und Begeisterungsfähigkeit mitbringt, hat gute Chancen auf einen Platz im Umweltbildungszentrum. „Und man muss mit einem gesunden Chaos leben können“, warnt der Förster schmunzelnd. Wer es durch die Auswahlrunde geschafft hat, habe eine Chance auf ein Jahr voll selbstbestimmter Arbeit. Interessierte für das Jahr 2018 können sich nach den Sommerferien im UBZ informieren und nach Absprache auch zum Probearbeiten vorbeikommen. Die Plätze für August 2017 sind bereits belegt.

>>INFOS ZUM FREIWILLIGEN ÖKOLOGISCHEN JAHR

  • Am FÖJ können alle teilnehmen, die sich im Natur- und Umweltschutz engagieren wollen und zwischen 16 und 27 Jahre alt sind. Das Freiwillige Ökologische Jahr orientiert sich an den Schuljahren und beginnt am 1. August eines jeden Jahres. Den FöJlern wird ein monatliches Taschengeld in Höhe von 300 Euro gezahlt.
  • Die FÖJ-Seminare werden in fünf regionalen Gruppen über jeweils fünf Seminarwochen in verschiedenen Bildungshäusern durchgeführt. Das FÖJ kann in vielen Fällen als Wartezeit auf einen Studienplatz angerechnet werden.

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