Flüchtlingsdrama

Eine Urlaubsidylle – und 366 Tote

Foto: Socrates Tassos/FUNKE Foto Servi

Langenberg.   „Ein Morgen vor Lampedusa“: Die szenische Lesung der Windrather Talschüler im AlldieKunsthaus Langenberg über eine wahre Geschichte ging den Zuhörern unter die Haut.

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Dem Opfer eine Stimme geben – nicht nur im übertragenen Sinn: Das haben fünf Schüler der Windrather Talschule (WTS) bei der szenischen Lesung von „Ein Morgen vor Lampedusa“ im AlldieKunst-Haus getan. 40 Besucher bekamen einen nachhaltigen Eindruck von jenem 3. Oktober 2013, an dem ein Boot mit mehr als 500 Flüchtlingen vor der Mittelmeerküste der italienischen Hafenstadt Lampedusa kenterte. Man fand 366 Tote.

Schönstes Wetter, idyllische Urlaubslandschaft und wohlklingende Musik auf der einen Seite, betroffene Stimmen, nüchtern berichtende Schüler, die von dem Unglück, den Tagen kurz vorher und danach berichten. So erzählt Cagdas (18): „Eine lange Reise durch die Wüste hatten sie schon hinter sich…“. Aljoscha (16) löst ihn mit seinem Bericht aus der Ich-Perspektive ab: „Abraham, ein Sudanese, hat unsere Reise organisiert. 3400 Dollar habe ich ihm gegeben.“ Es werden nicht nur Überlebende zitiert. Fischer, die zur Hilfe eilten, berichten von ihren Erlebnissen, von den Traumata, die ihnen blieben.

Der Geruch von Diesel und Salz

„Immer wenn mein Bruder Raffele mich ruft, um gemeinsam fischen zu gehen, bricht mir der kalte Schweiß aus.“ Seans (14) Stimme hallt durch den Raum, begleitet von überfüllten Booten auf dem Bildschirm. Der Geruch von Diesel und Salz, den Hannah (13) beschreibt, wird nachvollziehbar.

„Krieg und Feuer verzeihen nicht, mit der Angst im Nacken stirbt die Menschlichkeit“: Auf der Leinwand sind Worte zu lesen, sie beschreiben die Situation, wie sie heute noch ist. Wer hilft, Leben zu retten, macht sich strafbar. „Wir haben unsere Vorschriften“. Cagdas berichtet von einem sizilianischen Kapitän, der für seine Hilfe für zwölf Jahre ins Gefängnis kam. Diese Gesetze gelten heute noch, ein Transparent klagt an: „Schäm’ dich, europäische Union“.

Schüler erzählten von eigener Flucht

Vier Schülerinnen der WTS sitzen bei der Aufführung im Zuschauerraum. Lehrer Ramon Diaz erklärt anschließend in der Diskussion, dass sich alle Schüler in der Projektwoche im Dezember intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben und dass es noch weitere Aufführungen in der Schule geben wird. Außerdem: „In der neunten Klasse sind vier Flüchtlinge“, die hätten den Mitschüler „live“ erzählt, wie ihre Flucht war, welchen Gefahren sie ausgesetzt waren.

„Wer hat denn die Musik ausgesucht?“, fragt Georg Baberkoff, für den die eher fröhliche, heitere Musik unstimmig war. Lesung und Musikuntermalung wechseln sich zu den Bildern ab. Baberkoff sieht die Ernsthaftigkeit des Projektes damit in Frage gestellt. Paul Wallraff weiß von italienischen Beerdigungen, die so ganz anders gestaltet seien, als deutsche, weshalb die Musik aus italienischer Sicht bestimmt sehr passend sei.

Mut beeindruckt die Zuhörer

Die meisten Besucher sind beeindruckt vom Mut der vortragenden Schüler und von der Art der Präsentation, durch die die sogenannten „Unpersonen“ (Flüchtlinge) ihre Stimmen bekommen haben. Auch Ulrike Hilgers beeindruckte die szenische Lesung: „Das hat sehr berührt, zum Nachdenken angeregt.“ Mitschülerin Wasja (12) konnte letztlich nur feststellen: „Es wäre cool gewesen, wenn ich mich in der Themenwoche selber dazu eingetragen hätte.“

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