WAZ-Serie

Der Schlachthof in Neviges und sein berühmter Nachbar

Der Schlachthof an der Siebeneicker Straße wurde 1913 in den Gebäuden des ehemaligen Gaswerkes errichtet. Heute stehen auf dem Gelände die Feuerwache Neviges und ein Getränkehandel.

Der Schlachthof an der Siebeneicker Straße wurde 1913 in den Gebäuden des ehemaligen Gaswerkes errichtet. Heute stehen auf dem Gelände die Feuerwache Neviges und ein Getränkehandel.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Neviges.  Mit dem Schlachthof und dem benachbarten Kugelgasbehälter endet die Serie „Verschwunden, aber nicht vergessen“. Beide waren einst hochmodern.

An der Siebeneicker Straße standen auf dem Gelände der heutigen Feuerwache Neviges und des benachbarten Getränkehandels einst zwei Gebäude, die Neviges aus mehreren Gründen über die Stadtgrenze hinaus bekannt machten. Mit dem alten Schlachthof und dem früheren Kugelgasbehälter endet unsere Serie „Verschwunden, aber nicht vergessen“. Im Jahr 1965 wurde der Schlachthof stillgelegt und zusammen mit dem Gasbehälter Ende der 60er bzw Anfang der 70er Jahren abgerissen. Mit dem Verschwinden des Gasbehälters dachte bald niemand mehr daran, dass Gas hier immer eine große Rolle gespielt hat – und die Siebeneicker Straße im 19. Jahrhundert daher auch Gasstraße hieß.

Zwei Fabrikanten brachten Licht in die Straßen

Den beiden einflussreichen Fabrikanten Friedrich Wilhelm Assmann und David Peters ist zu verdanken, dass in Neviges damals abends nicht die Lichter ausgingen. Assmann stellte Knöpfe für Kleider und Uniformen her, David Peters feine Wollstoffe. „Die beiden gründeten 1863 mit einem Stammkapital von 15.000 Talern eine Aktien-Kommanditgesellschaft für Gasbeleuchtung“, erzählt Stadthistoriker Gerhard Haun. „Vor allem wollten sie natürlich Licht für ihre Produktion haben.“ In der Genehmigung der Königlichen Regierung in Düsseldorf hieß es 1863: „In der Fabrik soll das zur Beleuchtung von Neviges erforderliche Gas, und zwar aus Steinkohlen, hergestellt werden.“ Noch im gleichen Jahr, also 1863, baute man an der heutigen Siebeneicker Straße ein Gaswerk. Über Rohrleitungen wurden bereits 1864 in Neviges 25 Straßenlaternen und zahlreiche Privathaushalte mit Gas versorgt. Zum Vergleich: Velbert hatte erst 30 Jahre später, so Haun, ein eigenes Gaswerk, folglich brannten dort auch erst 1893 die ersten Straßenlaternen.

Thyssen übernahm die Versorgung

Doch zurück an die Siebeneicker Straße: „Die Gemeinde kaufte im Jahr 1908 das Gaswerk, durch die Verlängerung der Hauptleitung unter anderem bis nach Tönisheide gab es 322 Anschlüsse“, erläutert Historiker Haun. „Bei einer weiteren Zunahme hätte die Stadt den Betrieb erweitern müssen, das wäre sehr kostspielig gewesen.“ Daher schließt die Gemeinde 1910 einen Vertrag mit der Thyssen GmbH ab, so dass Neviges aus der Leitung nach Barmen versorgt wird. Seitdem bezog Neviges Ferngas und produzierte es nicht mehr selbst: Das Gaswerk wurde überflüssig und 1913 zum Schlachthof umgebaut.

Zerstört im Zweiten Weltkrieg

Was jedoch auf dem Gelände stehen blieb, waren zwei zylinderförmige Gasbehälter: ein größerer mit einem Fassungsvermögen von 1000 Kubikmetern und ein kleinerer mit 650 Kubikmetern. „Die Stadt Neviges hatte 1908 beide übernommen, sie dienten zur Gasspeicherung, Notversorgung und zum Ausgleich von Verbrauchsschwankungen“, erläutert Gerhard Haun. Denn in Konkurrenz zur Elektrizität wurde Gas zunehmend auch weiten Teilen der Bevölkerung zum Heizen zugänglich gemacht, ab Ende der 20er Jahre ersetzte der damals moderne Gasherd mehr und mehr die Kohleöfen. Beide Gasometer waren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Betrieb. Gerhard Haun: „Der größere wurde beim schweren Artilleriebeschuss in der Nacht vom 15. auf den 16. April 1945 völlig zerstört, der zweite erheblich beschädigt.“ Nach der Reparatur konnte er nur noch wenig Gas für den Notfall speichern.

Viel besungene Gaskugel

Ein neuer Behälter musste her: Die 1951 erbaute Gaskugel war mit einem Durchmesser von 19 Metern und einer Höhe von 19 Metern dermaßen imposant und ungewöhnlich, dass sie sogar bei fröhlichen Anlässen im „Nevigeser Heimatlied“ besungen wurde, wie WAZ-Leser Jürgen Oberwinster weiß : „Ne-Ne-Neviges, klein aber fein. Einen Gasbehälter kugelrund, den könnt ihr euch beschauen. Ne Autostraße werden sie in aller Kürze bauen“, heißt es da in der zweiten Strophe. Die hier besungene Umgehungsstraße, also die Verlängerung der Bernsaustraße, wurde jedoch erst in den 70er Jahren gebaut. Gerhard Haun: „Man sagte auch: Sie heißt Umgehungsstraße, weil man sie möglichst lange umgeht.“

Das Besondere an dem mächtigen Kugelgasbehälter, der 182 Tonnen schwer war und mit einem Fülldruck von 4,5 atü sogar 135 525 Kubikmeter Gas in den Ballon drücken konnte, war die extravagante Bauweise: „Die 48 Eisenplatten zu je zwei Tonnen waren mit 36.000 Nieten zusammengefügt“, erzählt Gerhard Haun. Die Kugel, so merkt er weiter an, hätte man durch ihre architektonische Besonderheit heute vielleicht auch anderweitig nutzen können.

Schlachthof wurde nach Tönisheide verlegt

Der liebevoll besungene Gasbehälter fiel der Abrissbirne ebenso zum Opfer wie der 1913 eingerichtete Schlachthof. „Vorher wurde nur auf Höfen und Privateinrichtungen geschlachtet, aber schon 1899 stellte man bei einer Inspektion gravierende hygienische Mängel für die öffentliche Gesundheitspflege fest“, so Gerhard Haun. Der Ruf nach einer zentralen Institution wurde lauter. „Durch einen damals neu eingeführten Schlachtzwang konnte der Schlachthof rentabel geführt werden, 1933 war sogar eine Erweiterung nötig.“Eine acht-köpfige Kommission, darunter auch zwei Bauern, sorgten dafür, dass der Laden lief – was auch bis in die 1960er Jahre der Fall war. 1962 trat die Stadt Neviges dem Zweckverband „Schlachthof Niederberg“ bei, der 1965 an der Neustraße in Tönisheide einen neuen Betrieb errichtete. Damit war der Standort Neviges Geschichte. Gerhard Haun: „Er war bis zu seiner Schließung 1965 der einzige öffentliche Schlachthof im Kreis Mettmann.“

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