Wendezeit

Über die Prager Botschaft nach Sundern-Stockum ausgereist

Frank (61) und Kerstin (58) Helmecke wohnen seit 20 Jahren in Stockum, sie gehörten zur dritten Belegung der Prager Botschaft im Oktober/November 1989.

Frank (61) und Kerstin (58) Helmecke wohnen seit 20 Jahren in Stockum, sie gehörten zur dritten Belegung der Prager Botschaft im Oktober/November 1989.

Foto: Matthias Schäfer / WP Sundern

Stockum.  Frank und Kerstin Helmecke kehrten der ehemaligen DDR wenige Tage vor der Maueröffnung den Rücken. Heute sind sie glücklich im Sauerland.

Im November steht bei Frank und Kerstin Helmecke eigentlich immer ein Besuch in Prag an. Die Stadt an der Moldau markiert für die Familie eine echte Wende im Leben.

Denn die Helmeckes gehörten im Herbst 1989 zu der dritten Belegung der deutschen Botschaft in Prag. Frank Helmecke feierte am 3. November 1989 seinen 31. Geburtstag in der Botschaft, einen Tag zuvor waren sie dort mit ihrem Trabi angekommen.

Aus Dankbarkeit Blumen für das Botschaftspersonal

Vor zehn Jahren waren die Helmeckes auch Anfang November in Prag: „Natürlich waren da ganz andere Mitarbeiter in dem Botschaftsgebäude“, erzählt Kerstin Helmecke. Aber nach 20 Jahren hatte sie Blumen gekauft und wollte sie dort aus Dankbarkeit für die Hilfe an das Personal übergeben: „Wir haben freundlich angeklopft, durften aber die Botschaft nicht betreten, da wir nicht angemeldet waren.“

Kerstin Helmecke: „Und dann habe ich mich eingemischt“

Aber das Personal deutete an, dass man in den Garten gehen könne: „Dort steht jetzt ein Trabi aus Beton“, berichtet Frank Helmecke. Zufällig traf man eine Schulklasse aus Bremen und hörte zu, was den Jugendlichen über den Oktober und November 1989 berichtet wurde.

„Und dann habe ich mich eingemischt“, erzählt Kerstin Helmecke: „Wir waren damals dabei!“ Danach gab es viele Fragen an die beiden Zeitzeugen: „Wir waren sehr gerührt, wieder dort zu sein.“

Ein langer Weg von Leipzig nach Stockum

Der Weg von Leipzig, wo Frank und Kerstin Helmecke aufwuchsen, nach Stockum ist ein langer. Frank, der zunächst Maurer, später Volkspolizist war, verließ die staatliche Behörde schon einige Jahre vor der Wende: „Ich merkte, dass da etwas grundlegend falsch lief.“

Er war auch von Anfang an bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig dabei. Und als ihm, als Kenner der Leipziger Polizei, einige kritische Veränderungen in der Stadt auffielen, wurde der Fluchtgedanke ganz stark.

Am 2. November 1989 erreichte die Familie Helmecke die Prager Botschaft

„Ich hatte bis da immer gebremst“, sagt Kerstin Helmecke. Aber am 2. November erreichte die Familie die Prager Botschaft: „Wir waren die dritte Belegung und mussten nicht mehr über den Zaun klettern, konnten durch die Tür herein. Das Prozedere der Aus- und Einbürgerung hatte man da schon aufgegeben“, erinnert sich 30 Jahre später das Ehepaar. Die Botschaft in der Botschaft war: „Ruhig, hier kommen alle raus.“

Als es dann zur Einteilung in den bereit stehenden Zügen ging, wählte die Familie den NRW-Zug: „Klaus Stierwald, ein Verwandter, der schon 14 Tage vorher geflüchtet war, hatte uns über sein Ankommen im Raum Arnsberg/Sundern informiert.“

Zunächst im alten Schwesternhaus in der Allendorfer Altstadt untergebracht

Der Rest war wie ein Traum: Am 5. November geht es mit dem Sonderzug nach Marktredwitz in Bayern, von dort über Paderborn, Eringerfeld nach Schöppingen weiter. „Mit den Maltesern hat man uns dann mit den Kindern ins alte Schwesternhaus in der Allendorfer Altstadt gebracht“, berichtet Kerstin Helmecke. Und dann kommt der 9. November, die Grenze geht auf: „Ich wollte es nicht glauben“, sagt die 58-Jährige noch heute.

War alles umsonst, die Strapazen, die Angst, die Unsicherheit? „Wir haben es nie bereut“, versichert das Ehepaar, das nach einem Zwischenstopp in einer Wohnung in Stockum 1999 das eigene Haus am Ehu in Dörnholthausen bezogen hat: Die Sachsen-Fahne hängt dort immer am Fahnenmast.

Der gelernte Maurer Frank arbeitet heute nach einer Selbstständigkeit seit vielen Jahren bei einem Sunderner Unternehmen, Kerstin ist seit 26 Jahren in einer Sunderner Metzgerei tätig: „Man hätte einiges anders machen können, aber es ist gut, wie es ist“, ziehen beide ein Fazit 30 Jahre nach ihrer Flucht: „Nach Leipzig wollten wir nie zurück.“

„Das ist unser Stockumer mit dem etwas anderen Dialekt“

Beide fühlen sich wohl, und die Mannschaftskollegen bei den Alten Herren beim SSV Stockum sagen immer: „Das ist unser Stockumer mit dem etwas anderen Dialekt.“

Darauf ist Frank Helmecke stolz. Ohnehin sieht er mit einem Augenzwinkern Dörnholthausen als Heimat an: „Alle Orte mit Hausen gehen auf die Zeit der fränkischen Landnahme zurück, in deren Folge auch die Sachsen sich überall ausbreiteten.“

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