Sprockhövel

Theatergruppe Schnick-Schnack brilliert mit „12 Geschworenen“

Mit jeder neuen Stimme gegen die Todesstrafe für den 18-jährigen Angeklagten wächst die Aggression gegen die „Abweichler“.

Mit jeder neuen Stimme gegen die Todesstrafe für den 18-jährigen Angeklagten wächst die Aggression gegen die „Abweichler“.

Foto: Manfred Sander

Sprockhövel.   Begeisterung beim Publikum in Sprockhövel für die neue Produktion der Theatergruppe Schnick-Schnack. „Die zwölf Geschworenen“ ist eine Glanzleistung.

Nach sechs Verhandlungstagen ziehen sich zwölf Geschworene in ein Zimmer des Gerichts zurück, um ein einstimmiges Urteil über einen 18-jährigen tatverdächtigen Slum-Bewohner zu fällen, dem der Mord an seinem Vater zur Last gelegt wird. Alle rechnen mit rascher Übereinkunft und der Verurteilung des Jungen zum Tod durch den elektrischen Stuhl, doch Geschworener Nr. 8 stimmt als einziger für nicht schuldig – das ist die Ausgangslage für eine mehrstündige hitzige Diskussion um den Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“.

Bühne als Kampfarena

Die Sprockhöveler Theatergruppe Schnick-Schnack hat das berühmte Gerichtsdrama des amerikanischen Autors Reginald Rose von 1954 als Kammerspiel im Gemeindehaus am Perthes-Ring gespielt und bei der Premiere und zwei Folgeaufführungen am Samstag und Sonntag enthusiastischen Beifall bekommen. „Ein Jahr lang haben wir für das Stück geprobt“, berichtet Anja Jensen, eine der beiden Projektleiterinnen. Das hieß für die zwölf Laiendarsteller, einmal wöchentlich zur regulären Probe zu kommen, „später dann zweimal, dann ein intensives Probenwochenende in Münster“, so Jensen. Das zweieinhalbstündige Theaterstück stellte für die preisgekrönte Truppe ohne Zweifel eine ihrer größten Herausforderungen dar: „Die zwölf Geschworenen ist sehr textlastig, da war für alle Mitwirkenden viel zu lernen, bevor es an die Ausgestaltung der unterschiedlichen Charaktere ging“, sagt Regisseurin Marion Zabel.

Die gesamte Handlung trägt sich im Beratungszimmer zu – zwölf Personen, zwölf Stühle, ein Tisch mit Wasserflaschen und Bechern. „Eigentlich sitzt das Dutzend um einem langen Tisch, doch ich wollte mehr Bewegungsfreiheit für die Darsteller. So kam das Möbelstück weg, die Bühne sollte eher eine Kampfarena sein“, erklärt Zabel. In Reginald Roses „Die zwölf Geschworenen“ agieren ausschließlich männliche Protagonisten, in Sprockhövel stehen fünf Frauen (gespielt von Anette Hegenberg, Anja Jensen, Antje Mülders, Miriam Mülders und Christine Niephaus) sieben Männern (Reiner Zabel, Julius Schwörer-Böhning, Jonas Klein, Jürgen Priwall, Volker Priemer, Jens Stöcker und Thomas Schwörer-Böhning) gegenüber.

Die Zweifel des Geschworenen Nr. 8, sehr überzeugend von Jens Stöcker verkörpert, der keine eindeutige Schuld beim mutmaßlichen Täter erkennen kann und die übrigen elf Geschworenen immer wieder daran erinnert, man entscheide hier über ein Menschenleben, lösen im Verlaufe der Geschichte die Front der Verurteilenden auf. Da sind bei den Geschworenen 3 und 10 (beeindruckend: Reiner Zabel und Thomas Schwörer-Böhning) gleichsam in Beton gegossene Vorurteile gegenüber sozial Benachteiligten wie dem Angeklagten („verkommenes Subjekt“, „Müll“) zu überwinden. Andere möchten ein Baseballspiel nicht verpassen oder vertrauen nachlässig der schlampigen Beweisführung vor Gericht. Choleriker treffen auf Rationalisten, Rassisten auf Menschenfreunde. „Es ist eben ein Spiegel der Gesellschaft, der den Zuschauern gezeigt wird“, sagt Regisseurin Marion Zabel.

Doch die Saat des Zweifels und des Hinterfragens von trügerischen Zeugenwahrheiten geht letztlich auf: Ablesbar an den Ergebnissen immer wieder neu durchgeführten Durchzählens kippt die Mehrheit zugunsten eines Freispruchs. Die Darsteller von Schnick-Schnack haben eine Glanzleistung gehobener Theaterkunst geboten.

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