Schicksale

Sprockhövelerin sieht nach dem Krebs das Leben anders

Familie Högener aus Sprockhövel: Christian, Stefanie und die Töchter Amy und Romy am Tag vor Heiligabend.

Familie Högener aus Sprockhövel: Christian, Stefanie und die Töchter Amy und Romy am Tag vor Heiligabend.

Foto: Walter Fischer / FUNKE Foto Services

Sprockhövel.  Die Sprockhövelerin Stefanie Högener hat zweimal Krebs-Diagnosen bekommen. Doch die 43-Jährige zog Überlebenskraft auch aus ihrer Familie.

Den alles entscheidenden Anruf bekam Stefanie Högener im Frühjahr ausgerechnet beim Einkaufen im Reschop Center. Ihre Hausärztin war dran und teilte der Sprockhövelerin mit, der Gentest habe ergeben, dass sie kein erhöhtes Krebsrisiko in sich trage. Vor Erleichterung ließ die 43-Jährige die Taschen fallen und weinte hemmungslos. Zwei Krebserkrankungen waren bereits überstanden, alles auf Start – jetzt kann für die Mutter zweier Töchter ein normales Leben beginnen.

Schwere Schatten auf ihrer Existenz

In ihrem Haus in Obersprockhövel werden die letzten Vorbereitungen für Weihnachten getroffen, Stefanies Mann Christian und die Töchter Amy und Romy verabschieden sich in den Baumarkt. Stefanie Höger, eine hochgewachsene Frau, sitzt entspannt auf der Couch. Mit Mitte 40 könnte sie viele Geschichten aus ihrem so reichen Leben erzählen. Doch früher oder später ist es immer der Krebs gewesen, der schwere Schatten auf ihre Existenz geworfen hat. Gerade mal 28 Jahre alt war Stefanie, als sich ihr Bauch zunehmend wölbte. „Bis zur Hochzeit sollte es nicht mehr weit sein, ich dachte an Schwangerschaft“, erzählt sie.

Acht Kilo schwerer Tumor

Die Wahrheit war jedoch anders: „In Ihnen wächst etwas heran, das trachtet Ihnen nach dem Leben“, habe ihr 2004 der Chirurg Dr. Helfried Waleczek vom Evangelischen Krankenhaus in Hattingen eröffnet. Rasch wurde operiert und der jungen Sprockhövelerin ein 51 Zentimeter großer und fast acht Kilogramm schwerer, bösartiger Tumor entfernt. „So etwas hatten meine Ärzte bis dahin noch nicht gesehen, auf dem Bildschirm des Computertomographen war zuvor nur eine weiße Fläche, und keine Organe zu sehen gewesen – alles Krebsgewebe!“, erinnert sich die Frau. Zwar musste eine Niere entfernt werden, doch glücklicherweise waren die übrigen Organe im Bauchraum nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, „und Metastasen hatte die riesige Geschwulst offenbar auch nicht gebildet“, sagt sie.

Das Wunder gesunder Kinder

Ein Hoffnungszeichen! Die Erzieherin konnte wieder ihren Job ausüben, sie heiratete – und ihr Mann Christian und sie waren überglücklich, als 2008 die erste Tochter auf die Welt kam. „Dass das mit der Schwangerschaft klappen würde, war ja nach dieser schrecklichen Bauchkrebs-Geschichte alles andere als sicher“, berichtet sie. Mit der Familiengründung schoben sich andere Prioritäten in ihr Leben, zwar ging sie regelmäßig zur Nachsorge, aber mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit war die scheinbar genesene Frau bei der Familie. 2015 brachte sie erneut ein gesundes Kind zur Welt – wie die erste war auch die zweite Schwangerschaft von Problemen begleitet, aber letztlich gut verlaufen.

Rückschlag im Frühjahr

Im Frühjahr 2019 dann der herbe Rückschlag: Bei einer Routineuntersuchung wurde ein Schilddrüsenkarzinom diagnostiziert. Zwar noch in frühem Stadium, aber Stefanie Högener war mit einem Schlag wieder in ihre Gefühlswelt von vor 15 Jahren katapultiert, „es fühlte sich an wie ein Vakuum, Fahrten auf dem Angstkarussell“. Sie wurde in Wuppertal erfolgreich operiert, und das beteiligte medizinische Personal versicherte der Sprockhövelerin, dass der zweite Krebs viel weniger dramatisch sei als der erste und deutlich bessere Heilungschancen bestünden.

Familie gibt Kraft, muss aber auch geschont werden

Doch es gab einen zweiten wesentlichen Unterschied zur ersten Erkrankung, stellte Stefanie fest. Zum einen stand ihr jetzt Christian zur Seite, eine für sie wunderbare Erfahrung. „Er ist kein Mediziner und versuchte gar nicht erst, mit mir fachliche Gespräche über die Krankheit zu führen.“ Christian „machte überhaupt nicht viele Worte“, sondern stützte die bisweilen tief verzweifelte Ehepartnerin, indem er einfach an ihrer Seite war. Eine Herausforderung war auch die stete Präsenz der Krankheit für die Kinder. „Als Mutter darf ich ihnen nicht einfach meine Angst überstülpen“, sagt sie. Die beiden Mädchen haben jedoch sehr feine Antennen dafür entwickelt, wie es der Mutter geht. „Schauspielern geht da nicht einfach, gespielte Zuversicht wird sofort erkannt.“ Stefanie Högener erklärt ihre Erfahrungen so: „Familie ist ein wunderbarer Rahmen, der mich schützt. Aber sie verlangt auch danach, dass ich mich um seelische Stabilität bemühe, damit ich die Familie nicht überfordere.“

Kein Platz mehr für Belanglosigkeiten

Mit der guten Prognose aus dem Gentest wächst die Zuversicht. Stefanie Högener engagiert sich jetzt in der Krebshilfe Hattingen/Sprockhövel, geht in Teilzeit arbeiten. „Ich bin durch die Krankheit reifer geworden, sehe das Leben anders. Für Belanglosigkeiten habe ich keinen Platz mehr“, sagt sie. An ihre Mitmenschen appelliert sie, bei aller manchmal sogar erklärbaren Distanz zu Erkrankten immer den Menschen hinter einer Krankheit zu sehen. „Es klingt vielleicht seltsam, aber für diese Weitsicht bin ich der Krankheit sogar dankbar.“

INFO
Seit mehr als 15 Jahren unterstützt der gemeinnützige Verein Krebshilfe in Sprockhövel, Hattingen und Umgebung an Krebs erkrankte Patienten und deren Angehörige. Finanzielle Hilfen bei psychoonkologischen Gesprächstherapien, Hilfsmitteln und naturheilkundlichen Verfahren gehören zu seinen Aufgaben.

Eingebunden in ein Netzwerk aus Ärzten, Therapeuten und palliativer Versorgung transportiert der Verein das Wissen um Krebs auch durch Veranstaltungen wie die „Krebsgeschichten“ in die Öffentlichkeit.

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