Stadtgeschichte

SPD Sprockhövel will altes Wiegehäuschen retten

Das sogenannte Wiegehäuschen an der Hauptstraße 91 in Niedersprockhövel ist zurzeit in der Diskussion. Foto:

Das sogenannte Wiegehäuschen an der Hauptstraße 91 in Niedersprockhövel ist zurzeit in der Diskussion. Foto:

Foto: Fischer / Funke Foto Services GmbH

Sprockhövel.  Die SPD in Sprockhövel konnte alle Mitglieder des Denkmalausschusses davon überzeugen, dass das Wiegehäuschen nicht abgerissen wird.

Man muss schon zweimal hinschauen, um die beiden nach hinten versetzten ockerfarbenen Gebäude an der Hauptstraße mit Überdachung, grünen Türen und Fensterrahmen entdecken zu können, die hinter geparkten Autos und einem betörend duftenden Geflügelbräter regelrecht verschwinden. Und auch im Stadtentwicklungsausschuss rangierte der Bauantrag des Eigentümers „Abbruch eines ehemaligen Wiegehäuschens“ unauffällig an Position 19 von 31. Allein den SPD-Ratsherren Holger Hiby und Udo Unterieser fiel das Wiegehäuschen bei der Durchsicht der Unterlagen auf. „Das ist ein stadtbildprägendes Bauwerk, das früher eine wichtige Funktion in Niedersprockhövel hatte. So etwas kann man nicht einfach abreißen“, kommentierte Unterieser. Im Ausschuss für Stadtentwicklung, Denkmalschutz und Wirtschaftsförderung sahen die anderen Fraktionen das nach Unteriesers Plädoyer genau so und die Verwaltung wurde beauftragt, sich mit dem Eigentümer in Verbindung zu setzen.

Stadt hat Eigentümer zu einem Gespräch eingeladen

Das geschieht auch bald; Susanne Görner vom Planungsfachbereich der Stadtverwaltung hat den Eigentümer, der in Sichtweite eine Pizzeria betreibt, bereits angeschrieben und ihn zu einem Bauberatungsgespräch eingeladen. „Es ist besser, über die Zukunft des Wiegehauses erst einmal zu sprechen, als auf formalem Weg zu kommunizieren“, sagt sie. Zurzeit lässt die Stadt Fotos von dem Wiegenhäuschen machen, „wahrscheinlich lassen wir auch den Denkmalwert prüfen“, so Görner. Der Eigentümer teilt mit, er habe nicht den kompletten Abbruch des Hauses, das er vor etwa zwei Jahren gekauft hat, geplant. „Die Überdachung ist marode, die sollte weg. Sowohl die Waage im Boden als auch das Gebäude will ich renovieren“, so die Auskunft. Eine neue Nutzung habe er noch nicht geplant.

Ortsgeschichtliche Bedeutung

Karin Hockamp vom Stadtarchiv weiß einiges zum historischen Hintergrund beizutragen, sie sieht eine „ortsgeschichtliche Bedeutung dieser Objekte“ – und zählt zum Wiegehäuschen auch die dahinter liegende ehemalige Feilenhauerei Schaub dazu. Ihre Expertise: „Das Haus Hauptstraße 51, ehemalige Gaststätte und Fahrschule sowie die ehemalige Werkstatt, die ehemalige Fahrzeug- und Viehwaage und die ehemalige Tankstelle dokumentieren auf engem Raum die Entwicklung des Wirtschaftslebens in Sprockhövel, speziell die des Verkehrs- und Transportwesens und der Motorisierung im 20. Jahrhundert.“ Noch im beginnenden 20. Jahrhundert sei die Ansiedlung von Produktionsanlagen am und im Wohnhaus und im dicht besiedelten Ortskern selbstverständlich, urteilt die Stadtarchivarin. Anschaulich belegt werde hier die frühere enge Verbindung zwischen Wohnen, Produktion und Vertrieb sowie die Erscheinungsform sehr kleinteiliger Tankstellen.

KOMMENTAR

Die neue Wirtschaftsförderin Myrjam Passing, die wir in der gestrigen Ausgabe vorgestellt haben, sieht es auch als ihre Aufgabe, Tourismus zur Imagebildung zu betreiben. Sie will auch nach innen aktiv sein, um „Wohlfühleffekte“ bei den Bürgern zu bewirken.

Der Pflege von Heimat, und nichts anderes ist die Rettung von historischer Bausubstanz, stärkt die Beziehung von Bürgern zu ihrer Stadt. Eine beruhigte Hauptstraße, auf der künftig die Verweilqualität gesteigert werden soll, könnte als einen Baustein das runderneuerte Wiegehäuschen gut vertragen.

Und der Großvater könnte den Nachfahren beim Schlendern durch die Innenstadt mit leuchtenden Augen zeigen, wo er einst seinen DKW mit Benzin hat betanken lassen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben