Amtsgericht

Hilfe statt Strafe für angeklagten Sprockhöveler

Der Vater des Angeklagten versorgte seinen 32-jährigen Sohn regelmäßig mit Alkohol. Jetzt soll er eine Betreuung bekommen.

Der Vater des Angeklagten versorgte seinen 32-jährigen Sohn regelmäßig mit Alkohol. Jetzt soll er eine Betreuung bekommen.

Foto: Lino Mirgeler, dpa

Sprockhövel.   32-Jähriger erscheint völlig verwahrlost zum Gerichtstermin. Dort muss er sich wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verantworten.

Ein Strafverfahren gegen einen völlig verwahrlosten und alkoholkranken Sprockhöveler wurde jetzt eingestellt. Vor dem Amtsgericht Hattingen verständigten sich Richter Johannes Kimmeskamp, der Angeklagte sowie Staatsanwaltschaft und Verteidigung darauf, für den 32-jährigen Mann aus Hobeuken vielmehr ein Betreuungsverfahren zu eröffnen. Der Tatvorwurf hatte Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gelautet: In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai des vergangenen Jahres hatte der Angeklagte lautstark gegen die Tür eines Hauses in Hobeuken geschlagen und randaliert. Zwei Polizisten näherten sich, forderten ihn auf, das zu unterlassen. Daraufhin beleidigte der Mann die Beamten auf drastische Weise und versuchte, sich seiner Festnahme durch Schläge mit dem Ellbogen zu entziehen. 2,9 Promille Alkohol hatte er damals im Blut, wie eine Untersuchung ergab. „Ich habe keine Erinnerung mehr daran“, sagte er nach den Ausführungen des Vertreters der Staatsanwaltschaft.

Angeklagter führt erbarmungswürdiges Leben

Das Bild, das vom Leben des Angeklagten durch Zeugenaussagen und die Akteneinträge vermittelt wurde, ist erbarmungswürdig. Allein lebt er seit dem Tod seiner Mutter in einem Haus in der Nachbarschaft, die Rollos sind stets heruntergelassen. „Ich habe ihn schon lange nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen“, berichtete ein Zeuge. Zugang zu Mensch und Haus hat allein der Vater, der ihn mit Alkohol versorgt und am Montag auch zur Verhandlung erschien – die benötigte Tagesration des Sohnes liegt bei einer Flasche Whiskey und einigen Flaschen Bier. Beruf? „Dazu möchte ich nichts sagen.“ Post geht ungeöffnet retour, zum Gerichtstermin erschien der kreidebleiche 32-Jährige in Jogginghose, T-Shirt und sichtbar desorientiert in Begleitung von Polizeibeamten.

Zum ersten Gerichtstermin erschien er nicht

Im Oktober 2018 bereits sollte sein Fall verhandelt werden, doch da kam der Sprockhöveler nicht zum Termin. Eine Amtsärztin bescheinigte ihm daraufhin ein ausgeprägtes psychisches Störungsbild, eine nur geringe Konzentrationsfähigkeit und attestierte auch Alkoholsucht – dieser Mann sei nicht verhandlungsfähig. In der letzten Zeit wiederholte sich das auffällige Verhalten, Nachbarn beschwerten sich über Ruhestörungen. „Haben Sie jemals versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen“, fragte der Richter. Der Angeklagte berichtete von einem achtwöchigen Klinikaufenthalt in Niederwenigern, geholfen habe es aber nicht. Kimmeskamp erläuterte, er habe den neuen Verhandlungstermin anberaumt, „um Dynamik in die Sache zu bringen“. Der Auftritt des Angeklagten am Montagmittag bestärkte den Richter dann in der Auffassung, hier müsse eher Hilfe geleistet als eine Strafe verhängt werden. Dem auch unter Sozialphobie leidenden Mann nahm er das Versprechen ab: „Für die Betreuungspersonen öffnen Sie aber Ihre Haustür!“

INFO

Voraussetzung für ein Betreuungsverhältnis ist, dass der Betroffene aufgrund von Krankheit oder Behinderung seine Angelegenheiten nicht besorgen kann.


Das Verfahren zur Feststellung der Betreuungsbedürftigkeit und Bestellung eines Betreuers beginnt auf Antrag des Betroffenen, von dritter Seite oder von Amts wegen.

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