Interview

Gabriele Krefting erklärt Sprockhövel Quartiersentwicklung

Einen offenen Bücherschrank - hier in einer Telefonzelle in Haßlinghausen - rief Gabriele Krefting auch für Hattingen ins Leben.

Einen offenen Bücherschrank - hier in einer Telefonzelle in Haßlinghausen - rief Gabriele Krefting auch für Hattingen ins Leben.

Foto: Volker Speckenwirth, Archiv

Sprockhövel.   Krefting ist Quartiersentwicklerin in Hattingen und verrät, wie sie mit den Bewohnern von Oberwinzerfeld und Rauendahl neue Ideen umsetzt.

Zum dritten Mal traf sich Mitte Juli die Zukunftskommission Stadt- und Quartiersentwicklung. WAZ-Mitarbeiterin Eva Arndt sprach mit der Quartiersentwicklerin von Hattingen, Gabriele Krefting, über ihre Erfahrungen.

Seit zwei Jahren entwickeln Sie in Hattingen ein Quartier. Was sind Sie von Beruf und wo leben Sie?

Ich bin Gerontopsychologin, habe einen Abschluss gemacht über das Thema Alternde Gesellschaften und wohne in Sprockhövel.

Welches Quartier entwickeln Sie gerade weiter?

Ich arbeite in Oberwinzerfeld und Rauendahl und helfe, das Quartier generationengerecht zu machen. Es geht nicht nur um Senioren.

Was möchten Sie verändern?

Ich will zunächst gar nichts verändern. Man kann Menschen nicht verordnen, was in ihrer Umgebung passieren muss, damit sie noch lebenswerter wird. Zuerst muss ich mit Betroffenen reden, es geht um deren Gefühle. Was gefällt ihnen besonders gut, was sollte verbessert werden?

Was bedeutet das Viertel für die Menschen?

Das ist völlig unterschiedlich, das müssen die Personen selbst definieren, man kann und sollte das nie verordnen. Dann geht es schief. Ich muss mit den Menschen reden, sie befragen. Für viele ist das Quartier, was in Pantoffelnähe ist. Viele wollen sich selbst versorgen, in den häufig großen Wohnungen bleiben, weil sie sich wohl fühlen.

Was haben Sie zuerst für die Bewohner getan?

Ich habe sie beteiligt. Es geht bei der Weiterentwicklung eines Viertels nicht darum, direkt für viel Geld Neues zu bauen. Das muss häufig überhaupt nicht sein. Ich habe gefragt, wo es hapert und was gut läuft, welche Möglichkeiten es gibt, etwas zu verändern. Denn die Bürger im Quartier sind die Experten.

Wie sind Sie konkret vorgegangen?

Ich hab zuerst eine Infoveranstaltung gemacht und erklärt, dass ich mit den Bürgern zusammen das Viertel verbessern möchte. Ich habe Menschen auf der Straße, im Supermarkt, an der Bude, auf dem Spielplatz angesprochen und sie nach ihren Bedürfnissen gefragt.

Und welche Wünsche gibt es?

Es stellte sich heraus, dass sie ganz unterschiedlich sind. Das ist das Spannende. Ich habe wirklich ganz kleinräumig angefangen, man muss Kümmerer finden, die Menschen mitnehmen. Das ist gar nicht so schwierig. Wir sind es nur gewohnt, alles von oben nach unten zu organisieren. Bei der Politik und der Stadt anzuklopfen und zu fragen, wie die Pläne sind, wieviel Geld es gibt. Ich habe genau den anderen Weg gewählt und mit den Quartiersbewohnern überlegt, was können wir gemeinsam tun, damit das Viertel lebenswerter wird.

War das schwierig, Mitstreiter zu finden?

Nein. Nicht, wenn man mit ganz kleinen Aktionen anfängt. Wir haben überlegt, wer Räume zur Verfügung stellen kann, damit wir uns treffen können. Wir haben überlegt, wer uns mit Spenden helfen könnte, Senioren einbezogen und deren Fähigkeiten, die sie im Beruf hatten, wieder aktiviert. Zum Beispiel ging es um seniorengerechte Bänke, die fehlten, um sich auf längeren Wegen kurz auszuruhen.

Geht es da nicht schnell um Junge gegen Alte, weil die Interessen völlig anders sind?

Wichtig ist es, dass man begreift, dass man voneinander profitieren kann. Wir definieren uns nur noch über Leistung. Aber hier ist anderes Denken gefragt und das kann man schnell lernen. Man kann miteinander unheimlich viel erreichen. Die Älteren haben viel Wissen, sie haben mehr Zeit. Das kann man nutzen. Jüngere haben dafür häufig die Möglichkeit, mal kleinere Dienstleistungen zu erbringen.

Nennen Sie einige Beispiele, was Sie gemeinsam mit den Quartiersbewohnern erreicht haben.

Es kam der Wunsch auf, eine Schmökerbude zu haben, wo man ausrangierte Bücher deponieren kann und ausleihen kann. Jetzt haben wir ein alte umgebaute Telefonzelle und jemanden, der die Verantwortung übernommen hat. Mit Kindern des Jugendtreffs haben wir Kastanien gepflanzt, weil der Wunsch danach von vielen mitgetragen wurde. Wir haben ein Kochen der Nationen gemacht und alle eingebunden.

Gibt es noch andere Beispiele?

Es gab eine Laterne, die mitten auf dem Bürgersteig stand. Da kamen weder Kinderwagen noch Rollstuhlfahrer vorbei. Wir haben die Verantwortlichen angesprochen, einige Zeit später war die Laterne versetzt und alle haben sich gefreut.

Wie fühlt sich Ihre Arbeit jetzt nach zwei Jahren an?

Das ganze Projekt hat richtig Fahrt aufgenommen, jüngere und ältere Bewohner sind stolz, gemeinsam weiterzukommen und betrachten sich nicht als Konkurrenten. Die Mischung macht den Erfolg aus. So werden viele Aktionen zu Leuchtturmprojekten. In einer global agierenden Welt freuen sich viele, ihr Quartier, in dem sie verwurzelt sind, zu verbessern. Das ist erfolgreich und macht wirklich Spaß.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben