Soziales

Familie flieht vor den Fassbomben

Neue Heimat Haßlinghausen: Zafer und Rasha Alyousif mit ihren Kindern Hamza und Sara. Hinten sitzt Dolmetscherin Huda Rifaie.

Neue Heimat Haßlinghausen: Zafer und Rasha Alyousif mit ihren Kindern Hamza und Sara. Hinten sitzt Dolmetscherin Huda Rifaie.

Foto: Fischer

Sprockhövel.  Vater Zafer, Mutter Rasha, Tochter Sara und Sohn Hamza kommen aus Syrien und leben nun in Haßlinghausen. Sie wollen nicht betteln, sondern sich integrieren.

Irgendwo in einer kleinen Stadt ließen die Schlepper sie gehen. Es war ein warmer Nachmittag. Die Sonne schien und die Familie setzte sich in ein Café. Die Bedienung lächelte, sie bestellten sich etwas. „Wie fühlst du dich“, fragte er seine Frau. „Sicher“, antwortete sie.

Ihre Flucht war vorüber. Sie waren in Deutschland angekommen. Die vierköpfige Familie wurde noch ein paar Mal herumgereicht, war mal hier, mal dort untergebracht. Jetzt lebt sie in Haßlinghausen. Vater Zafer, Mutter Rasha, Tochter Sara und Sohn Hamza kommen aus Syrien. Vor dem Krieg hatten sie dort ein sehr gutes Leben. Das neue Haus war fast fertig. Das Geld stimmte. Er arbeitete in einem Labor und in einem Krankenhaus. Sie waren wohlhabend.

Vor dreieinhalb Jahren änderte sich alles. Und das Leben, das sie dann führen mussten, erscheint unvorstellbar. Das neue Haus glich bald nur noch einem Kasten mit Tür. Aus Angst vor Querschlägern mauerten sie ihre Fenster zu. Und es gab Zeiten, da konnten sie tagelang nicht auf die Straße, hörten um sich herum die Fassbomben einschlagen und wie die Kampfjäger ihre Raketen abfeuerten. „Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass jeder auf der Straße erschossen wird, ganz gleich, ob er eine Waffe trägt oder nicht.“

Schon bald war der Punkt erreicht, da habe er verstanden, was es heißt, genug Brot zu Hause zu haben. Doch der Familienvater wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Seine Arbeit war gefragt, mehr denn je. Er unterstützte die Hilfsorganisation Roter Halbmond, versorgte Verwundete. Es ging ihm nicht ums Geld, er machte die Arbeit ehrenamtlich. Bezahlen konnte ihn sowieso keiner mehr. Er habe vor dem Krieg etwa 8000 Dollar monatlich verdient. Als der Krieg tobte, waren es nur noch 300 Dollar, mit denen er seine und zwei weitere Familien unterstützen musste.

Dann kam der Abend, vor wenigen Monaten, der ihn überzeugte, dass seine Familie in Syrien keine Zukunft mehr hat. Wieder fielen die Bomben. „So haben wir das noch nicht erlebt“, erinnerte sich Zafer. Die Erschütterungen ließen die Gläser aus den Schränken fallen, die Kinder hatten Angst. Und sein dreijähriger Sohn habe ihn gefragt: „Warum lässt du uns hier leben?“ Immer und immer wieder habe er gefragt, erzählt der Familienvater. Was sie noch hatten, verkauften sie. Die Laborausrüstung, sogar die Ohrringe der Tochter. Mit dem Geld finanzierten sie die Flucht, nur ein paar Kleider und wichtige Papiere im Gepäck, versuchten es über die Balkan-Route, kauften sich bei Schleppern ein, überquerten mit viel zu vielen Menschen das Meer in einem Schlauchboot, sahen sich an Grenzen Panzern gegenüber. „Die waren zum Schutz, doch die Kinder haben das nicht verstanden.“

Das alles war eine Odyssee mit glücklichem Ende. Der Asylantrag ist mittlerweile gestellt, sie haben eine kleine Wohnung, die Kinder gehen in den Kindergarten. Und Vater Zafer war sogar wieder zu Scherzen aufgelegt. „Ich habe festgestellt, dass ich meinen Führerschein in Syrien vergessen habe.“ Doch den zu holen, sei ihm einfach zu teuer. Er wird wieder ernst. „Wir können nicht mehr zurück, wir haben dort nichts mehr.“

Hier in Deutschland will er neu anfangen. „Ich bin nicht hier, um zu betteln. Ich werde die Sprache lernen und mich integrieren. Aber das braucht Zeit, dafür bitte ich um Verständnis.“ Und er könne für die Hilfe, die er in Deutschland schon bekommen habe, gar nicht genug danken. Doch vergessen ist der Krieg nicht. Als in Haßlinghausen der Nachtschlag gefeiert wurde, die Menschen das Feuerwerk genossen, mussten Zafer und Rasha ihren Sohn beruhigen.

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