Forschung

Unterwegs in Siegener Unterwelten mit Forscher Markus Jung

Siegener Unterwelten: Markus Jung vom gleichnamigen Forschungsprojekt im einzigen Tiefbunker der Oberstadt an der Burgstraße.

Foto: Hendrik Schulz

Siegener Unterwelten: Markus Jung vom gleichnamigen Forschungsprojekt im einzigen Tiefbunker der Oberstadt an der Burgstraße. Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Markus Jung erforscht die Geschichte der Stadt Siegen unter der Oberfläche: Er steigt in Keller, Gewölbe und Tunnel, kartografiert und fotografiert.

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Vor Spinnen, sagt Markus Jung, ekelt er sich besonders. Leider gibt es sie reichlich hier unten; diese dicken, knotigen Viecher, die offenbar gerade dann besonders widerlich werden, wenn man sie nicht zu Gesicht bekommt: im Dunkeln. Unter der Oberfläche. Deutlich größer als der Ekel aber ist Markus Jungs Faszination für das Verborgene; für die Geschichte, für die Keller, Höhlen und Gänge Siegens. Also steigt er hinab in die Unterwelt: Um sie zu erforschen und zu dokumentieren.

„Siegener Unterwelten“ heißt sein Forschungsprojekt – was folgerichtig ist –, und das Jung mit großem Aufwand betreibt. Eine möglichst vollständige Karte der verborgenen Welt unter der Erde soll irgendwann dabei herauskommen – was ambitioniert ist. Als mittelfristiges Ziel möchte Jung seine Ergebnisse in einem Buch veröffentlichen. Was hoch interessant zu werden verspricht. Denn Jung kennt die dunklen Löcher unter der Siegener Oberfläche wie kaum sonst jemand – und ihre Geschichten.

Der Rundgang

1. Station. Eine Stützmauer in der Oberstadt. Stromkasten, Stahltür, Mülltonnen, Kellerfenster. Dahinter: der einzige Tiefbunker des Siegbergs. Der damalige Bürgermeister Alfred Fißmer ließ Dutzende Bunker bauen, die heute noch das Bild auch der Oberstadt prägen. „Er hatte wohl geahnt, was kommt“, sagt Jung. Markus Jung schließt die Tür auf und wischt den Rahmen sauber. Die Spinnen. Es riecht muffig-feucht, wie Keller nun mal riechen. Stufen führen hinab, Markus Jung knipst eine Taschenlampe an.

„Hier stand ein Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert“, sagt er: 1911 sei das abgerissen worden – aber das Gewölbe blieb. Und wurde im Zweiten Weltkrieg zum Bunker umgebaut. Das Tonnengewölbe aus Bruchstein wurde verputzt, zur Straße hin sind die Ziegel noch erkennbar. Das Haus gehörte vermutlich einem reichen Kaufmann, darauf deuten Lage und spätgotische Verzierungen an alten Balken hin, die in dem Keller gefunden wurden. Vermutlich lagerten hier Waren. 1942 dann der Umbau: Splitterschutzschleuse, handbetriebene Lüftungspumpe, zweiter Fluchtweg falls der Haupteingang verschüttet wird. Vermutlich reichte das Gewölbe früher weiter unter die Straße, wurde aber im Zuge der Verbreiterung teilweise verfüllt.

2. Station. Hinterhof einer Mehrfamiliensiedlung, unweit des Oberen Schlosses. Aus einem Rasenstück ragt ein Lüftungsrohr. „Der Klausborn, um 1400 urkundlich erwähnt“, sagt Jung. „Born“ bedeutet Brunnen; dieser ist so tief, dass der Schein seiner Taschenlampe nicht bis zum Grund reichte, als Markus Jung den Schacht erkundete. „Ein riesiges Tonnengewölbe“, sagt er.

3. Station. Noch ein Brunnen: der Mühlenborn, unter einem Parkplatz am Parkhaus Oberstadt. Auf alten Scheiner-Gemälden sieht man das Gebäude der früheren Salzmühle, sagt Jung.

Der Forscher

Eines Tages entdeckte der Elektrotechniker ein Foto bei Facebook: Ein altes Fachwerkgebäude, Geburtshaus Adolph Diesterwegs. Darunter stand, dass der Gewölbekeller noch existiere. „Das war die Initialzündung“, sagt Jung, „das wollte ich sehen.“ Er beschloss, das Ganze professionell aufzuziehen, pflegte Kontakte und schaffte es, Hobbys wie Fotografie und Grafikdesign mit seiner Leidenschaft für Geschichte zu verbinden.

Vom Verborgenen geht eine Faszination aus, „Reisen in die Vergangenheit, Geschichte zum Anfassen“, nennt Jung seine Abstiege mit Lampen, Fotoapparat, Lasermessgeräten und Millimeterpapier. Jung muss Klinken putzen, Hausinhaber bitten, ob er in ihre Keller hinabsteigen darf. Viele fragen, ob er von der Uni komme. Nein, aber er hat gute Kontakte zu offiziellen Stellen. Immer wieder spürt er Dokumenten im Stadtarchiv nach, studiert Baupläne im Rathaus. Für vieles gibt es keine Pläne: zu alt, zu zerstört, verschollen. „Dann muss ich die Pläne schaffen“, sagt er.

Sein Wissen will Jung nicht privat halten. Er betreibt eine Homepage, postet Fotos aktueller Erkundungen bei Facebook. Ziel: Ein Buch, das dem Begriff „Siegener Unterwelten“ gerecht wird. „Ich habe ein paar Keller, Brunnen und Gänge gesehen – vielleicht fünf Prozent vom Ist-Zustand“, sagt Jung. „Das wird noch ein paar Jahre dauern“, sagt er. Etwa einmal pro Monat schafft er eine weitere Begehung. Unter dem Unteren Schloss war er schon, unter Radio Siegen, unter dem Roten Haus.

Die Pläne

Markus Jung hat Ideen. Er steht in Kontakt mit der Siegener Denkmalbehörde, mit dem Arbeitskreis Stadtbild. Die verborgenen Orte, sie haben Potenzial, findet er: Eine Kellerbar im historischen Gewölbe – das hätte doch was. Die Wiese obendrauf ließe sich auch verschönern. „Im Moment ist das totes Kapital.“ Der Brunnen am Rathaus ließe sich wunderschön naturieren, ein Gitter, Beleuchtung zum hineinschauen – „der Hausmeister müsste einmal im Jahr runter und das ganze Geld aufheben“, sagt Jung grinsend. Und nicht nur der: Im Mittelalter habe ein hochkomplexes System aus Wasserläufen und Bassins die Oberstadt mit Wasser versorgt. Das wäre renaturierbar – und touristisch wertvoll. „Andere Städte würden sich die Finger lecken nach solchen Brunnen.“

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