Gebietsreform

Im Siegerland werden aus Ämtern kleine Städte

Auch im Siegerländer Norden ist nicht eitel Sonnenschein: Die Ferndorfer wollen nicht

Auch im Siegerländer Norden ist nicht eitel Sonnenschein: Die Ferndorfer wollen nicht

Foto: Stadtarchiv Kreuztal

Siegerland.   Vor 50 Jahren verlieren Gemeinden ihre Selbstständigkeit, doch nicht ohne Widerstand: Freier Grund geht auf die Barrikaden.

Kommunale Neugliederung: Die drei Kernstädte im Hüttental haben sie — schon drei Jahre – hinter sich, als die Welle am 1. Januar 1969 das Umland erreicht. Vor 50 Jahren werden wieder einige Dutzend der einst 114 selbstständigen Gemeinden allein im Siegerland von der Landkarte radiert.

Den letzten Akt wird sechs Jahre später das Sauerland/Paderborn-Gesetz vollziehen: Erst dann, am 1. Januar 1975, ist der Kreis Siegen, der übrigens erst seit 1984 „Siegen-Wittgenstein“ heißt und erst seit 1999 auch die Wittgensteiner Pfähle im Wappen hat, mit seinem neuen Zuschnitt mit nur noch elf Städten und Gemeinden komplett.

Was vorher passierte

Bereits am 1. Januar 1966 trat das erste Siegerland-Gesetz in Kraft. Breitenbach aus dem Amt Netphen wurde in die Stadt Siegen eingemeindet, ebenso Bürbach, Kaan-Marienborn, Seelbach, Trupbach und Volnsberg aus dem Amt Weidenau. Kaan-Marienborn wehrte sich: 94 Prozent der Bürger stimmten gegen die Eingemeindung ab, das Bundesverfassungsgericht gab aber der Landesregierung Recht.

Neu gebildet wurde die Stadt Hüttental aus den restlichen Gemeinden des Amtes Weidenau, hinzu kamen Buchen (bisher: Amt Ferndorf), Langenholdinghausen (Amt Freudenberg) und aus dem Amt Netphen Nieder- und Obersetzen. Im südlichen Stadtgebiet wurde aus dem Amt Eiserfeld die Stadt Eiserfeld; ihr wurden Oberschelden (Amt Freudenberg) und Eisern (Amt Wilnsdorf) zugeschlagen. Die Stadt Siegen selbst verlor ihre Kreisfreiheit, sie wurde Teil des „Landkreises“ Siegen, der ab 1969 folglich nur noch „Kreis“ Siegen hieß.

Der 1. Januar 1969

Das zweite Siegerlandgesetz bedeutete das Ende der „Ämter“ im Siegener Umland. Die Amtsverwaltungen mit ehrenamtlichen Bürgermeistern und hauptamtlichen Amtsdirektoren hatten bis dahin all die Aufgaben übernommen, die die kleinen Gemeinden mit manchmal kaum 100 Einwohnern und ihre Gemeinderäte nicht stemmen konnten — die Kommunalpolitik passte da noch an einen Wirtshaustisch und wurde in der Regel unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt.

Diese Städte und „Großgemeinden“ — so nannten sie sich selbst — entstanden neu:
Kreuztal. . . geht aus dem ehemaligen Amt Ferndorf hervor, übernimmt aus dem Amt Freudenberg Mittel- und Oberhees. Den Stadtteil Kreuztal selbst gibt es unter diesem Namen übrigens erst seit 1928; vorher war das Ernsdorf. Bockenbach und Stendenbach waren bereits 1960 nach Eichen eingemeindet worden.
Hilchenbach. . . ist Nachfolger des Amtes Keppel, größter Stadtteil wird die bisher „amtsfreie“ Stadt Hilchenbach. Der Wunsch, auch noch Kredenbach mit seinem Gewebeflächen dazuzubekommen, bleibt unerfüllt.
Netphen. . . ist eine der neuen „Großgemeinden“. Allerdings sind von einst 32 Gemeinden nur noch 24 unter dem neuen Dach. Die vier Ortsteile im Weißtal (Anzhausen, Flammersbach, Gernsdorf und Rudersdorf) gehen nach Wilnsdorf, Feuersbach zur Stadt Siegen. Und auch die verbliebene Zahl verringert sich noch: Aus Nieder- und Obernetphen wird Netphen, Nauholz und Obernau weichen der neuen Talsperre, mit deren Bau 1968 begonnen wurde. Schon 1966 wollten sich die Dreis-Tiefenbacher lieber der Stadt Hüttental anschließen; der Innenminister kassierte allerdings den bereits unterzeichneten Beitrittsvertrag.
Freudenberg. . . ist als Stadt Nachfolger des Amtes Freudenberg. Neben den Heestal-Gemeinden, die nach Kreuztal gehen, wird auch Meiswinkel neu orientiert — nun zu der drei Jahre zuvor neu gebildeten Stadt Hüttental, bei der auch schon Langenholdinghausen gelandet ist.
Wilnsdorf. . . geht als Großgemeinde aus dem Amt Wilnsdorf hervor, angereichert um die vorher zum Amt Netphen gehörenden Weißtal-Gemeinden.
Neunkirchen. . . war eigentlich erst gar nicht vorgesehen: Die sechs Ortsteile sollten bei Burbach bleiben. Sogar der „Spiegel“ hängt seine Geschichte über die Kommunalreform in Nordrhein-Westfalen am Kampf des Unteren Freien Grundes (Neunkirchen) gegen den Oberen Freien Grund (Burbach) auf: Die Rathäuser im „Untergrund“ treten in Streik, Rechnungen werden nicht mehr bezahlt. „Onkel Willis Gemeinde-Mordkommission“, so benannt nach dem Innenminister Willi Weyer, wird berühmt, der „Grund der freien Männer“ wird vom Spiegel zum „Haupt-Herd der Revolte“ geadelt. In Düsseldorf hat man irgendwann die Nase voll: Über „furchtbar viel Stunk und Ärger“ mit dem Siegerland klagt ein entnervter Regierungsdirektor. Die Geldsammlung für die Klage beim Bundesverfassungsgericht ist nicht mehr nötig.
Burbach. . . heißt die Gemeinde, für die die andere Hälfte des ehemaligen Amtes gleichen Namens übrig bleibt.

Was danach kam

Mit dem Sauerland/Paderborn-Gesetz, das am 1. Januar 1975 in Kraft trat, endete die gerade einmal neunjährige Geschichte der Stadt Hüttental. Sie wird, zusammen mit Eiserfeld, in die künftige Großstadt Siegen eingemeindet. Gleichzeitig werden die Kreise Siegen und Wittgenstein zusammengeschlossen. Eiserfeld wehrt sich vergeblich, das Bundesverfassungsgericht bestätigt 1977 auch dieses Neugliederungsgesetz.

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