Heimatserie

Sprachwissenschaftlerin: Heimat ist mehr als ein Wort

Fahnen, Traditionen, aber auch unterwegs sein mit etwas Eigenem: Heimat ist ein Begriff mit vielen Bedeutungen.

Fahnen, Traditionen, aber auch unterwegs sein mit etwas Eigenem: Heimat ist ein Begriff mit vielen Bedeutungen.

Siegen.   Die Analyse der Siegener Sprachwissenschaftlerin Carolin Baumann zeigt: Wir Deutschen nehmen den Begriff wichtig. Das gibt uns ein gutes Gefühl.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Heimat ist doch auch nur ein Wort. Könnte eine Linguistin sagen. Sagt Carolin Baumann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen, aber nicht.

Zwei Teile

Denn die Heimat zerfällt unter dem gestrengen Blick der Sprachforscherin in zwei Teile: Heim – was ursprünglich für Wohnung und Siedlung stand – und -at. Das ist eine alte Endung zur Bildung von Hauptwörtern, die einst ähnlich funktionierte wie heute -ung oder - keit oder –heit. Mit -at wurden einst Orts- oder Zustandsbezeichnungen gebildet, heute wird die Endung aber nicht mehr verwendet, sondern ist nur noch, quasi als Fossil, in einzelnen Wörtern wie Heimat erhalten. Verwandt sind auch -ut in Armut und -od in Kleinod, was in den älteren, alt- und mittelhochdeutschen Formen heimōti, heimuoti bzw. heimuot(e), heimōt(e) noch deutlicher wird.

Vom Stammsitz zum Zustand

Und was sagt uns das? „Heimat bezeichnete ursprünglich den Ort (-at) der Wohnung bzw. des Heims, den Stammsitz; dass –at auch Zustandsbezeichnungen bildete, spricht für die vergleichsweise Abstraktheit des Konzepts: Heimat als Zustand, als Gefühl des Zuhauseseins“, erklärt Carolin Baumann.

Eine deutsche Spezialität

Und die deutsche Heimat ist einzigartig? „In der Tat gibt es in der Bildung des Wortes keine genaue Entsprechung in anderen Sprachen“, bestätigt Baumann. Andere germanische Sprachen kennen neben dem einfachen Wort hem, hjem oder home (entspricht deutsch Heim) in ähnlicher Bedeutung Zusammensetzungen dieses Wortes mit sted (entspricht deutsch Stätte) oder land. So zum Beispiel dänisch hjemsted oder englisch homeland. Auch im Englischen steht home für ‚Zuhause‘ und homeland eher für den Staat als Heimatland; die Bedeutung von Heimat verteilt sich auf diese beiden Bereiche.

Also wissen andere gar nicht, wovon wir reden? Ohne Wort kein Gefühl? „Die Linguisten sind in den letzten Jahrzehnten vorsichtiger geworden“, meint die Germanistin. Man unterstelle indianischen Völkern, die keine Zeitformen der Verben kennen, nicht mehr, sie könnten gedanklich nur in der Gegenwart leben. Und wenn im Deutschen nicht zwischen dem Schwein als Tier (pig) und dem Schwein als Fleischlieferanten (pork) unterschieden werde, bestünde dennoch keine Verwechslungsgefahr.

Bedeutung und Zufall

Trotzdem hat es eine Bedeutung, wenn eine Sprache ein Wort hat, das andere nicht kennen, betont Baumann: „Es kann zeigen, dass man etwas besonders wichtig nimmt, einer Sache besondere Aufmerksamkeit widmet. Denn um sich in einer Sprache mit reichhaltigerem Vokabular in einem Bereich auszudrücken, muss man die Konzepte auch gedanklich genauer auseinanderhalten.“ Es könne aber auch Zufall sein. Sprachgebrauch und Sprachentwicklung sind nicht völlig eindeutig in den Rückschlüssen, die sie auf die mentalen Prozesse der Sprecher zulassen. Es spricht wenig dafür, dass der Unterschied zwischen Schwein und Schweinefleisch den Engländern wichtiger wäre als uns. Die angeblich so vielen Worte der Inuit für Schnee wurden vor dem Hintergrund der klimatisch bedingten Relevanz im Alltag und eines entsprechenden Unterscheidungsbedarfs gedeutet.

Das Argument der Zahlen

Gegen den Zufall sprechen bei der Heimat aber andere Belege: Im Sprachkorpus, das das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim zusammenstellt (vor allem aus Zeitungsartikeln), kommt Heimat 580 000 Mal vor. Das ist äußerst häufig. Dazu kommen noch Tausende von Wortzusammensetzungen. „Auch das ist ungewöhnlich viel“, analysiert die Wissenschaftlerin.

Sie hat sich auch angeschaut, welche Worte besonders häufig in der Nachbarschaft auftauchen, weil das erklärt in welchem Zusammenhang und in welchem Sinn Heimat verwendet wird. Sie zählt auf: neue, alte, zweite, verlorene. Und: ein Stück, politische, sportliche. Und: enge, geliebte, geistige. Und: finden und sehnen.

Gibt es Heimat eigentlich im Plural? Theoretisch schon. Heimaten steht im Duden. „Aber praktisch wird das kaum gebraucht“, erklärt Baumann. „Und wenn, dann meist nur in Diskussionen darüber, ob es eben diese Form, die Mehrzahl von Heimat, überhaupt gibt.“ Das lässt sich interpretieren: Man kann wohl eine neue oder zweite Heimat finden, wenn man die alte verlassen hat. Aber sie existieren dann nicht gleichzeitig. Nur nacheinander.

Privates und Abstraktes

Heimatland wird überzufällig häufig zusammen mit Staatsbezeichnungen verwendet, was für einen politischen Kontext spricht, und mit 46 000 Belegen wesentlich seltener als Heimat. Oft in Zusammenhang mit zurückführen oder ausliefern, Flucht und Vertreibung. Heim kommt etwas häufiger vor (121 000 Belege), im Zusammenhang mit trautes, neues, eigenes und gemütliches sowie mit wohnen, bauen und errichten. Da geht es um Privates. Die Unterschiede in der Verwendung sind deutlich: „Heimat ist ein abstrakteres, globaleres Konzept“, sagt Carolin Baumann.

Ein gutes Gefühl

Und ein ur-deutsches, so wie Gemütlichkeit? Dafür haben die Dänen immerhin ihre Hygge. In anderen Sprachen wird das Gemütliche übernommen. „Die Singularität ist damit Fakt“, so die Linguistin. Aber weiter will sie ungern spekulieren: „Dass sehr viele Ausdrücke sich nicht hundertprozentig von einer Sprache in die andere übertragen lassen, ist ein Problem, mit dem Übersetzer stets zu kämpfen haben.“ Na gut. Linguistisch betrachtet ist Heimat in Herkunft, Form und Verwendungskontext auf jeden Fall etwas Besonderes, das es so in anderen Sprachen nicht gibt. Ob sich daraus etwas über die Heimatgefühle der Sprecher verschiedener Sprachen ableiten lässt, ist eine andere Frage. Dass es aber im Deutschen ein besonderes Wort gibt für dieses besondere Konzept, ist doch immerhin ein gutes Gefühl.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik