Justiz

Frau in Siegen-Achenbach verletzt: Acht Jahre Haft gefordert

Einig sind sich Staatsanwalt und Verteidiger vor Gericht nur in der Frage der Unterbringung in einer Drogenklinik.

Einig sind sich Staatsanwalt und Verteidiger vor Gericht nur in der Frage der Unterbringung in einer Drogenklinik.

Foto: Volker Hartmann

Siegen.  Landgericht Siegen: Staatsanwalt und Verteidiger halten Plädoyers. Anwalt kritisiert dünne Beweislage – die Tat habe sein Mandant nicht begangen.

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18 Taten waren einmal angeklagt, nach drei Einstellungen sind es noch 15. Die zentrale Frage am Dienstag, 3. Dezember, im Siegener Landgericht: Hat der 29-jährige S. am 10. März eine junge Frau in der Achenbacher Furt von hinten angesprungen, sie erheblich verletzt und ihre Handtasche geraubt?

Der Staatsanwalt: Extremes Suchtverhalten, Gefahr für die Gesellschaft

Staatsanwalt Waldemar Gomer beantwortet diese Frage mit Ja und beantragt insgesamt für das ganze Taten-Konvolut acht Jahre und zwei Monate Freiheitsstrafe. Er geht davon aus, dass S. vor der Therapie noch mindestens vier Jahre Haft absitzen soll.

Der Anklagevertreter hat S. zumindest zu Gute gehalten, dass alle Taten auf sein extremes Suchtverhalten zurückzuführen seien. Dagegen steht für Gomer die Vielzahl der Taten, die erheblichen Vorbelastungen und auch die anhaltende Gefährlichkeit für die Gesellschaft, wenn S. unbehandelt bleibt.

Der Verteidiger: Die Beweislage sei ziemlich dünn

Christoph Rühlmann macht auf die dünne Beweislage aufmerksam, glaubt ausdrücklich an die Unschuld seines Mandanten. Entsprechend fordert er für diesen Vorwurf einen Freispruch und ansonsten drei Jahre und drei Monate. Die Unterbringung in einer Drogenklinik soll sofort beginnen. Sein Mandant sei zwar „dissozial gefärbt“, Rühlmann ist sich aber sicher, dass die Hauptverhandlung etwas mit dem Bild des Angeklagten als Intensivstraftäter aufgeräumt habe.

Nach einer durchgehaltenen Therapie habe er bei aller Schwierigkeit des Charakters vielversprechende Ansätze gezeigt, das Wohlwollen der Betreuer gefunden, sei am Ende an Bürokratie und anderen Hindernissen gescheitert, sei aber nicht so unwillig, wie er oft beurteilt werde – auch sei seine kleine Tochter ein Anreiz für ein vernünftiges Leben.

Verwunderung über geringen Strafantrag für Überfall in Achenbach

Der Verteidiger ist überrascht, dass der Staatsanwalt für den angeblichen Überfall auf die junge Frau nur drei Jahre beantrage, im Vergleich das Eindringen „in eine Junkiewohnung“ wegen womöglich sogar gerechtfertigter Geldforderungen und das Rammen eines Messers in eine Tür mit fünfeinhalb Jahren sanktionieren wolle. Das gehe ja in Richtung Bankraub wundert sich Rühlmann und hält den Antrag für einen „Knaller“. Für ihn habe der Überfall in Achenbach eine ganz andere Qualität, grenze an versuchte Vergewaltigung oder Mord.

Sein Mandant habe diese Tat immer bestritten, „er schlägt keine Frauen“. Für Rühlmann ist das glaubwürdig, die Tat passe nicht zur Persönlichkeit und zu allen anderen Aktionen des Angeklagten. Schließlich seien die Beweise fragwürdig, was vor allem an der Arbeit des verantwortlichen Ermittlers liege. Der habe die erste Aussage des Opfers, der Täter sei „ein südländischer Typ“ gewesen, völlig ignoriert.

Vorwurf: Der Siegener Ermittler habe das Opfer manipuliert

Dafür habe der Beamte die stark traumatisierte junge Frau geradezu manipuliert, etwa durch das Vorspielen einer Sprachnachricht des Angeklagten, ohne diese in einen Auswahlkontext mit anderen Stimmen zu setzen. Rühlmann bezeichnet die Beweismittel als „nah am Rand der Unverwertbarkeit“, hat allerdings Verständnis für den Beamten: Auch er selbst entwickle hin und wieder einen Beschützerinstinkt für seine Mandanten.

Den Zeugen, der bei der Polizei angab, die Handtasche des Opfers bei S. gesehen zu haben, kennt der Anwalt aus früheren Verfahren, hält ihn für leicht beeinflussbar und wenig zuverlässig. Dessen Aussage vor Gericht sei zudem abgewandelt gewesen, da wolle er die Tasche nur noch bei der Lebensgefährtin des S. gesehen haben. Auch die Frau sei vom Ermittler beeinflusst. Sie habe nicht nur ausgesagt, dass S. in der Tatnacht bei ihr war, sondern dass er sich durch eine schmerzhafte Hodenentzündung kaum bewegen konnte. Für den Fall einer Verurteilung beantragt Rühlmann, Fotos des geschwollenen Organs vorzulegen und notfalls begutachten zu lassen, dass sie tatsächlich in der Nacht auf den 10. März entstanden sind.

Der Angeklagte schämt sich für seine Vergangenheit

S. selbst schämt sich für seine Vergangenheit, will alles tun, um sich zu ändern, „und irgendwann wieder mit meiner Frau und Tochter zusammen zu sein“. Er wünsche sich, seine Erfahrungen als Warnung „für die Kids“ weitergeben zu können, wolle nie wieder „Scheiße bauen“ im Gefängnis und wisse, dass er sich auch bei Durchsuchungen durch Beamte schlecht verhalten habe. Die machten ja nur ihren Job, „das waren alles die Drogen“. Er werde jedenfalls künftig „anders kämpfen“ und sich bessern. Selbst dann, wenn er acht Jahre in Haft müsse.

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