Hilfe für Mutter und Kind

Tandemprojekt: gut für Flüchtlingsmütter – und ihre Kinder

Spaß funktioniert immer – auch ohne Sprachkenntnisse.

Spaß funktioniert immer – auch ohne Sprachkenntnisse.

Foto: Wolfgang Krause

Rheinberg.   Das Tandemprojekt in Rheinberg unterstützt Flüchtlingsfrauen. Sie lernen Deutsch und Arbeitsmarktgegebenheiten, Kinder bekommen Gruppenerfahrung.

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Manchmal braucht es Sprache nicht wirklich. Der kleine Flüchtlingsjunge kann dem etwas begriffsstutzigen Journalisten durchaus nachdrücklich und ohne Worte klarmachen, dass er einmal durch dessen Kamera blicken will. Aber natürlich geht alles viel besser, wenn man sich miteinander unterhalten kann. Und genau dabei hilft, unter anderem, das Tandemprojekt der Tuwas-Genossenschaft in Zusammenarbeit mit der Grafschafter Diakonie und der Agentur für Arbeit.

Seit dem 4. Oktober 2016 lernen in den Räumen an der Rheinstraße Flüchtlingsfrauen nicht nur die deutsche Sprache, sondern werden gleichzeitig auch an die Gegebenheiten des deutschen Arbeitsmarkts herangeführt. Parallel dazu gibt es im 1. Stock des Hauses eine Betreuung für die Kinder der Frauen. Genau diese Kombination macht das Projekt so einzigartig – und sie ist gleichzeitig Voraussetzung dafür, dass es überhaupt Teilnehmerinnen gibt, erklärt Koordinatorin Katharina Pausch von der Grafschafter Diakonie: „Ohne diese zeitgleiche Betreuung wäre das nicht vorstellbar.“ Die elf Frauen aus Syrien, Afghanistan, Sri Lanka und Aserbeidschan sind fast alle Mitte 20 Jahre alt. Und sie kennen es nicht, von ihren Kindern getrennt zu sein – umgekehrt gilt das genauso.

Keiner von ihnen besitzt Gruppenerfahrung, weder Kinder noch Mütter. „Die Loslösung voneinander funktioniert hier ganz sanft“, erzählt Pausch. „Die Mütter können sich im Zweifelsfall vergewissern, dass es ihrem Kind gut geht. Und die Kinder wissen ganz genau, dass Mama da ist.“ Den acht bis neun Kindern der Flüchtlingsfrauen – es gibt in der Betreuung noch drei bis vier andere Kinder von Frauen in schwierigen Lebenslagen – wird in der Gruppe das Befolgen von Regeln beigebracht. Pausch: „Das geht aber sehr niederschwellig.“ Und natürlich lernen sie ganz nebenbei auch Deutsch.

Das ist eine Etage tiefer auch das Hauptanliegen bei den Müttern. Ouafe El Azime wurde dafür als Dolmetscherin eingestellt. „Sie beherrscht fünf Sprachen“, freut sich Birgit Kraemer, Projektleiterin bei den Frauen. Nach Startschwierigkeiten habe es in den vergangenen beiden Wochen bei den Flüchtlingsfrauen einen richtigen Schub gegeben. „Zunächst wurde untereinander oft noch hin- und herübersetzt, aber jetzt wird nur noch Deutsch geredet. Und aus dem ursprünglich geplanten Sprachunterricht zweimal in der Woche ist mittlerweile tägliches Lernen geworden“, so Kraemer. Die Sprache sei eben das Wichtigste. Ohne sie gäbe es keine Möglichkeit, ein Praktikum zu machen.

Praktika gab es an der Montessorischule in Borth, nachmittags bei deren Theatergruppe. Auch beim Martinimarkt in Ossenberg und Adventsmarkt in Rheinberg waren die Frauen aktiv, haben dort zum Beispiel selbst hergestellte Ponchos verkauft. Pausch lobt in diesem Zusammenhang die Unterstützung durch Rheinberger, aber auch anderen Menschen. „Wir haben Material und Kleidung gespendet bekommen, ein Bastelbedarfsladen schenkte uns Wolle und Pappreste und vom Bochumer Schauspielhaus haben wir eine Industrienähmaschine geschenkt bekommen.“

Die Idee zu diesem Projekt kam von der Stadt, erzählt Pausch. „Die Sozialdezernentin Rosemarie Kaltenbach ging auf Bernard Bauguitte, den Leiter der Diakonie hier in Rheinberg, zu. Und weil die Diakonie mehr für Flüchtlinge tun wollte, war er sehr davon angetan.“ Offiziell handele es sich bei dem Projekt um eine Flüchtlingsintegrationsmaßnahme, so Pausch. Der Bund hatte dafür 300 Millionen Euro bereitgestellt. „Wir hier in Rheinberg waren mit die Ersten, die Geld beantragt haben.“ Tuwas engagiere sich, die Arbeitsagentur und das Jugendamt mit dem Landschaftsverband seien dabei. „Ich finde es toll und großartig, dass sich insgesamt sechs Institutionen beteiligen!“

Nicht jede Flüchtlingsfrau mit Kindern kann an dem Projekt teilnehmen. Sie müssen im Asylverfahren sein, dürfen noch keine Duldung oder Anerkennung haben. Und die Maßnahme ist auf ein halbes Jahr beschränkt. Reicht das? „Vielleicht in dem einen oder anderen Fall“, hofft Pausch. „Aber wir werden versuchen, für die anderen eine Verlängerung zu bekommen.“ Das ist allein deswegen sinnvoll, weil das Projekt für die Kinder aus der Tandemmaßnahme über ein Jahr geht. Und dann sind die Mütter möglicherweise eben nicht mehr in der unteren Etage. „Dabei ist das das Herzstück – das, was dieses Projekt ausmacht“, beschreibt Kraemer die unglückliche Situation.

Vier Mitarbeiterinnen gibt es in der Kinderbetreuung. Eine von ihnen, Gaby Renk, ist ausgebildete Musik-, aber auch Traumatherapeutin. Sie kümmert sich unter anderem darum, mit den Kindern traumatische Erlebnisse von der Flucht oder aus der Zeit davor spielerisch aufzuarbeiten.

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