Reittherapie

Raus aus dem Rolli, rauf aufs Ross

Hippopädagogin Stefanie Baumann leitet die Reittherapie.

Hippopädagogin Stefanie Baumann leitet die Reittherapie.

Foto: Caritasverband

Die „Maria Günster Stiftung“ des Caritasverbandes Moers-Xanten unter­stützt schwerst erkrankte Kinder. Auch mit einer Reittherapie in Borth.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Rheinberg-Borth. Nellis ängstliches Gesicht wandelt sich zuerst zu einem Lächeln und dann wenig später zu einem Lachen, als sie sich nach der Aufsteige­prozedur auf dem Bauch liegend an Inteks Rücken schmiegt. Die Muskeln der siebenjährigen Schülerin sind verkrampft, ihre Hände wie zu Fäusten geballt, doch das wird sich in einigen Minuten ändern. Intek ist ein gutmütiger Wallach, 29 Jahre alt, ein stattliches Pferd. Ganz sicher aus dem Blickwinkel eines kleinen Mädchens.

Intek ist Teil eines speziellen therapeutischen Teams, das aus ihm und der Hippopädagogin Stefanie Baumann besteht. Flankiert von Nellis Mutter und einer weiteren Begleiterin setzt sich Intek in der Halle des Polderhofes in Borth langsam in Gang. Das Mädchen schaukelt ein wenig auf dem Pferderücken. Es hebt nach einer Weile den Kopf – und strahlt. Seit Geburt leidet die Siebenjährige unter einer Spastik der Skelettmuskulatur. Sie kann sich nur mühsam selbst bewegen, ist daher auf einen Rollstuhl angewiesen. Nur hier, auf dem Rücken des Pferdes löst sich die Spannung nach und nach. „Dieser entspannende Effekt der Reittherapie ist einzigartig“, erklärt Hippopädagogin Stefanie Baumann. „Er lässt sich nicht durch Geräte oder andere physio­thera­peu­tische Maßnahmen erreichen.“

Positive Wirkung

Die positive Wirkung, die die Reittherapie auf Menschen mit Behinderung hat, ist seit Jahrzehnten bekannt. So hilfreich ein Rollstuhl für die Mobilität eines körperbehinderten Menschen auch ist, die Muskeln trainiert er nicht. Im Gegenteil. „Wer sich nicht bewegen kann, dessen Muskulatur verkümmert immer weiter, was die Beweglichkeit noch weiter einschränkt.“ Raus aus dem Rolli, rauf aufs Ross ist hierbei eine vielversprechende Strategie. „Das Pferd überträgt beim Reiten Schwingungsimpulse, die der Mensch als dreidimensionale, rhythmische Bewegung erfährt“, erklärt Stefanie Baumann. Und die wirkt sich fördernd auf den Muskeltonus, die Körperstabilität, die Motorik und die Atmung aus. Eine Art ganzheitliches Fitnesstraining also. „Ich habe einen kleinen Jungen als Klienten, einen Rolli-Fahrer, der es nur auf dem Rücken von Intek schafft, eine halbe Stunde aufrecht zu sitzen.“ Während die körperlichen Aspekte der Reittherapie sofort einleuchten, wirkt sie weitergehend auf den ganzen Menschen ein, auch auf sein seelisches und psychisches Erleben. „Eine meiner Stammklientinnen ist eine erwachsene Frau, die eine leichte Behinderung hat und immer wieder an Depressionen leidet“, berichtet Reittherapeutin Baumann. „Sie kommt zweimal in der Woche, oft völlig niedergeschlagen. Aber nach einer halben Stunde Reiten geht es ihr richtig gut.“ Das Pferd als Joker bei einer ganzen Reihe von Beeinträchtigungen: Die Reittherapie hilft unter anderem Menschen mit geistigen Behinderungen, bei Entwicklungsverzögerungen, bei motorischen Entwicklungsbeeinträchtigungen und bei Wahrnehmungsstörungen. Sie unterstützt aber auch bei Defiziten in der Sprachentwicklung, bei Auffälligkeiten im Verhalten, bei psychischen Erkrankungen und bei mangelndem Selbstvertrauen. Allerdings wird die Reittherapie nicht von Sozialversicherungsträgern finanziert. Trotz der positiven Wirkung übernehmen weder die Krankenkassen noch die Rentenversicherung oder die Landschaftsverbände die Kosten. Und hier kommt die Maria-Günster-Stiftung des Caritasverbandes Moers-Xanten ins Spiel. Maria Günster war eine wohlhabende Moerserin, die dem Caritasverband nach ihrem Tod 1988 eine Summe in Höhe von 100.000 DM vermachte, verbunden mit der Auflage, sie für krebskranke und behinderte Kinder zu verwenden. Mit diesem Startkapital wurde die Maria-Günster-Stiftung gegründet. „Dies ermöglicht uns beispielsweise die Finanzierung einer Reittherapie zu unterstützen“, erklärt Regina Wortmann vom Caritasverband Moers-Xanten.

So werden auch Angebote zur Tanz- und Musiktherapie unterstützt sowie die Anschaffung von speziellen orthopädischen Geräten oder andere anderer Hilfsmittel. Eltern von betroffenen Kindern können sich an Regina Wortmann wenden. Informationsflyer liegen in Praxen, Frühförderstellen der Krankenhäuser und Sozialpädiatrischen Zentren aus.

Zurück zum Polderhof in Borth. Die Reitstunde ist vorbei. Nelli wirkt gelöst. Ihre Hände sind nicht mehr zur Faust geballt und liegen unverkrampft auf Inteks Rücken. Sie lächelt. Der Effekt der Reittherapie sei tiefgreifend, sagt ihre Mutter. „Sie ist jedes Mal danach überglücklich!“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben