Bundestagswahl 2013

Der Zugvogel

Sascha Wagner geht für die Linke in den Wahlkampf.

Sascha Wagner geht für die Linke in den Wahlkampf.

Foto: WAZ FotoPool

Rheinberg/Alpen/Xanten/Sonsbeck.   Mit 33 Jahren hat Sascha Wagner bereits eine bewegte berufliche Vita, die andere mit 65 nicht haben. Heute ist er Landesgeschäftsführer der Linken und ihr Kandidat für den Bundestag

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Politik ist sein Leben. Sein junges Leben, um ganz genau zu sein, denn Sascha Wagner ist erst 33 Jahre alt. Aber er hat sich früh für Politik interessiert. Angefangen hat das im pazifistischen Jugendbund „Zugvogel“. Folgerichtig verweigerte er den Kriegsdienst, machte seinen Zivi, erlernte verschiedene Berufe und ist heute Berufspolitiker. Als Landesgeschäftsführer der Linken und als Kandidat für den Bundestag. Und inzwischen haben sich auch seine Eltern damit ausgesöhnt, dass ihr Sohn sich für die Linke engagiert. Wagner kommt aus bescheidenen Verhältnissen, „bei uns wurde SPD gewählt, und wenn’s gar nicht anders ging, ein bisschen grün.“

Wie wird ein Arbeiterjunge aus Essen Landesgeschäftsführer der Linken und Bundestagskandidat, entschiedener Kriegsgegner und Mindestlohnbefürworter? Sascha Wagner sagt es nicht so direkt, aber wenn er aus seinem Leben erzählt, dann wird sehr schnell deutlich, wie sehr ihn eigene Erfahrungen geprägt haben.

Zum Beispiel damals, als er im Alter von zehn Jahren mit dem „Zugvogel“ auf dem Weg nach Griechenland war. Mit dem Zug, und der fuhr durch das ehemalige Jugoslawien und durch den Kosovo. Der kleine Sascha sah die Panzer, die dort fuhren, ein Bild, das er nicht vergessen hat. Kein Wunder, dass er später lieber Zivi war als zum Bund zu gehen.

Er hätte gerne studiert. „Aber ich war kein fleißiger Schüler.“ Also ab in die Lehre, der Vater, selbst Textilarbeiter, schickt seinen Sohn in die Industrie, in eine Ausbildung zum Textilmaschinenführer. „Das war aber überhaupt nichts für mich, sehr unkommunikativ. Ich arbeite lieber im Team.“

Als Zivi hatte ihm die Arbeit in der Altenpflege gut gefallen, er sattelte anschließend um, arbeitete in der Krankenpflege, ist außerdem Heilerzieher und kümmerte sich um Menschen mit Behinderungen. Zwischenzeitlich gab es noch ein Intermezzo bei einem elektronischen Marketing-Dienstleister. In diesen Jahren hat er Erfahrungen gemacht, wie sie typisch für seine Generation sind: Zeitverträge, die nicht verlängert werden, Arbeitsbedingungen, die nicht immer optimal waren und politisches Engagement war nicht überall gern gesehen.

Und noch eine Erfahrung, die ihn geprägt haben dürfte: Er kommt aus sehr bescheidenen Verhältnissen und kann sich noch gut daran erinnern, wenn er früher am Wochenende zu Aldi zum Einkaufen geschickt wurde. „Mit zehn Mark, mehr war nicht drin.“

Missen möchte Sascha Wagner die vielen verschiedenen Jobs und Ausbildungen nicht. „Ich habe immer gerne Neues gemacht und habe viele Interessen.“ Aber wenn ihm vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich hauptamtlich Politik mache, „hätte ich ihm einen Vogel gezeigt“. Parteiarbeit habe ihn damals überhaupt nicht gereizt. Seit 2005 ist Sascha Wagner Parteimitglied, zuerst in der PDS, als die dann in der Linken aufging, ging er mit. Dass er überhaupt eingetreten sei, beschreibt er so: „Du meckerst immer viel, aber du musst auch was machen.“ Die Linke lag nahe, „vom Gefühl her war ich immer links.“ Im Jugendbund sei er geprägt worden, in der evangelischen Jugendarbeit, bei seinem Engagement gegen Rechts. „Rosa-grün“, wie er es ausdrückt, „ist mir in vielerlei Hinsicht zu weich“.

Nach Aufgaben und Jobs in der Kommunal- und Kreispolitik der Linken ist Wagner heute Landesgeschäftsführer seiner Partei. Als Bundestagskandidat mag er zwar den Begriff Zählkandidat nicht, „aber es heißt eben so“. Denn ein Ticket nach Berlin gibt es für ihn nicht, bei den Linken wird die Trennung von Amt und Mandat strikt gehandhabt. Doch es sei wichtig, in einem solchen Wahlkampf flächendeckend anzutreten, um die Linke vor Ort zu repräsentieren.

Dort, wo er sich auskennt. Den Kreis Wesel und seinen Wahlkreis kennt Wagner gut, mit seinen Jugendgruppen ist er bereits überall am Niederrhein gewandert. Oder mit Bahn und Bus gefahren. Sascha hat kein Auto, „bewusst nicht“, und auch keinen Führerschein. Er ist sehr naturverbunden, umweltbewusst, wenn er mit der bündischen Jugend unterwegs ist, dann handelt es sich um richtig zünftige Ausflüge, mit Rucksack und Schlafsack.

Allerdings hat er im Wahlkampf auch gemerkt, dass es auf dem platten Land mit Bus und Bahn Probleme geben kann. Nach einer Infoveranstaltung in Voerde wäre sein nächster Termin in Hamminkeln gewesen. Dachte er, wegen unzureichender Angaben auf der Einladung hätte er aber nach Mehrhoog gemusst. Nur: Der nächste Zug wäre erst in ein paar Stunden gefahren. „Da habe ich ein Taxi nehmen müssen.“ Und auch, wenn es ihm nicht wirklich in den Kram passt: Er denkt zurzeit darüber nach, doch noch seinen Führerschein zu machen. Der Wahlkampf ist zwar so gut wie vorbei, aber auch ein Landesgeschäftsführer muss in NRW in entlegene Ecken, sprich zu seinen 53 Kreis- und viel mehr Ortsverbänden, kommen - und wieder zurück...

Die Politik macht ihm Spaß. „Der Job als Landesgeschäftsführer ist total abwechslungsreich.“ Auf der einen Seite das rein Technische, die Verwaltung und Organisation, auf der anderen Seite die Chance, „ganz konkret etwas zu tun, wie Neonazis in Dortmund zu blockieren.“ Außerdem könne er seine Kreativität ausleben, bei Aktionen, Projekten und, und, und. Auch den Wahlkampf hat er genossen, obwohl er fast nur unterwegs gewesen ist. Zuhören ist etwas, das er in den vergangenen Wochen gelernt hat, sagt er. Und dass es schade sei, wenn zum Beispiel politische Diskussionsrunden nur im Wahlkampf angesetzt werden, solche Veranstaltungen müssten auf die gesamte Legislaturperiode verteilt werden. „Politik würde dann auch transparenter werden und die Menschen würden mehr über die Arbeit von Politikern erfahren.“

Wenn am Sonntag die Wahllokale geschlossen und die Ergebnisse ausgezählt sind, hat Sascha Wagner auch wieder etwas mehr Zeit für seine Hobbys. Wandern mit seinen Gruppen, Radfahren, Schwimmen, oder auch Lesen. Vor allem Historische und Politisches interessiert ihn. Wenn er Filme schaut, dann ist er weniger ernsthaft, er hat ein Faible für Horror- und Science-Fiction-Filme.

Wie geht’s weiter bei dem jungen Mann, der schon so viel gemacht hat? Seine Amtszeit als gewählter Landesgeschäftsführer dauert noch bis zum Sommer 2014. Was danach passiert, „das entscheidet die Partei“.

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