Bürgerbarometer

Einkaufen in Rheinberg - Bürger bemängeln Branchenmix

Preisgünstig kann man auch noch in Rheinberg einkaufen – trotz des zunehmenden Online-Handels.

Preisgünstig kann man auch noch in Rheinberg einkaufen – trotz des zunehmenden Online-Handels.

Foto: WEIßKOPF

Rh  Die Rheinberger vergeben mittelmäßige Note für das Einkaufen in der Stadt. Wilhelm Bommann vom Einzelhandelsverband Niederrhein gibt Entwarnung.

Sicher ist es die Aufgabe einer Stadt für ihren Wirtschaftsstandort zu werben. Die Stadt Rheinberg macht dies auch auf ihrer Homepage. Sie preist die gute Anbindung, die vielen mittelständischen und internationalen Unternehmen sowie den hohen Stellenwert des Einzelhandels für die ehemalige Zoll- und Festungsstadt an. Wie das NRZ-Bürgerbarometer jetzt herausfand, teilen aber nicht alle Rheinberger diese Euphorie des Stadtmarketings.

Die Rheinberger geben nämlich nur durchschnittliche Noten(2,76) für das Einkaufen. Obwohl die Tendenz bei der Zufriedenheit steigend ist, liegen die Werte nur im Mittelmaß – seit Jahren. „Kein Wunder“, sagt Wilhelm Bommann, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Niederrhein.

Typisches Bild für Mittelzentren

„Es ist nicht anders in anderen Städten der Größe Rheinbergs. Und nicht untypisch für ein so genanntes Mittelzentrum wie Rheinberg, denn viele Branchen fehlen mittlerweile, die es früher noch gab. Heute gibt es keine TV-Läden, keine Boutiquen oder keine großen Herrenausstatter mehr“, erläutert der Chef des Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbandes. Bommann erklärt es mit dem einsetzenden Strukturwandel und der zunehmenden Attraktivität von großen Einkaufszentren im Umkreis von Rheinberg – wie Düsseldorf, Duisburg oder Oberhausen. Auch dürfte die Konkurrenz aus dem Internet – mit Amazon sitzt ein sehr prominenter Onlineriese vor Ort – dazu beitragen, dass sich das Einkaufsverhalten in Rheinberg verändert hat. Dass die Stadt nicht mit Einkaufsstädten wie Düsseldorf verglichen werden kann, ist logisch. Dennoch fehle es besonders an einem ausgewogenen Branchenmix, meint Wilhelm Bommann. Ob Rheinberg jemals wieder über die Breite an verschiedenen Geschäften verfügen wird, wie vor 20 Jahren, ist indes eher unwahrscheinlich.

Dennoch stellt mit 42 Prozent mehr als ein Drittel der Rheinberger dem Einzelhandel sowie den Einkaufsmöglichkeiten ein gutes Zeugnis aus – 24 Prozent sagen, sie seien (sehr) unzufrieden. Kurios: Insbesondere unter den jüngsten Befragten, jenen von 14 bis 19 Jahren, kommt der Einzelhandel in Rheinberg gut bis sehr gut weg. Obwohl es die Generation ist, die mit dem Online-Shoppen aufwächst wie keine andere zuvor. Auch auffällig ist, dass Männer die Einkaufssituation nochmals etwas besser als Frauen bewerten.

Diplom-Ökonom Bommann lobt die frühere Berka-Stadt durchaus – auch, wenn es nicht direkt ums Einkaufen geht. „Der schöne Stadtkern Rheinbergs sowie die ansprechende bauliche Architektur wie in Orsoy und der Marktplatz in der Rheinberger Innenstadt laden zum Shoppen ein. Die Gelderstraße mit ihren Fachgeschäften sorgt zudem noch für Flair.“

Trotz der angeblich gesunden Wirtschaftsstruktur, die die Stadt online verkündet, hat der Stadtrat im Juli 2006 das „Lokale Einzelhandelskonzept Stadt Rheinberg“ beschlossen. Zentrale Versorgungsbereiche und die wohnungsnahe Grundversorgung sollten damals verbessert werden. Wenn es also schon vor mehr als zehn Jahren Grund zur Verbesserung der Einkaufssituation gab, kann diese kaum so gut sein wie von der Stadt behauptet.

Probleme in Orsoy

Auch die Werbegemeinschaft Orsoy beklagt, dass es in ihrem Ort kaum noch Geschäfte gibt. „Wenn eine der drei Bäckereien schließt, was bald der Fall sein kann, kommt sicherlich keine neue mehr hinzu. Die ist dann weg“, sagt Udo Bonn, ersten Vorsitzenden der Orsoyer Werbegemeinschaft. Dass Orsoy aktuell angeblich nur noch über drei Bäckereien, einen Lotto-Laden, eine Postfiliale sowie über zwei Gaststätten verfügt, ärgert Udo Bonn sehr. „Hier ist kaum noch Einzelhandel.“ Das sehen aber viele Einzelhändler anders.

Viele Geschäfte sind noch inhabergeführt

„Wir in Orsoy“ und die Rheinberger Werbegemeinschaft setzen sich für das Einkaufen vor Ort ein

Werbegemeinschaften sollen die lokale Wirtschaft beleben, neue Kontakte herstellen und das Bild des Ortes aufbessern. In Orsoy versucht dies die Werbegemeinschaft „Wir in Orsoy“. „Leider ist unsere Gemeinschaft nur sehr klein und unsere Mittel begrenzt“, sagt deren erster Vorsitzender Udo Bonn. Zudem hat die 1982 gegründete Werbegemeinschaft aktuell mit vielen Problemen im Stadtteil zu kämpfen. „Es gibt kaum noch Einzelhandel bei uns“, sagt Bonn. Dies merke auch sein Verein, der derzeit 27 Mitglieder hat. „Unser Verein wird hauptsächlich von Handwerkerbetrieben von Jahr zu Jahr getragen. Wenn von jetzt auf gleich sechs Mitglieder wegbrechen würden, könnten wir schließen“, sagt auch Norbert Kubik, Schriftführer des Vereins. Und das wäre sehr schlecht für Orsoy, denn der Verein veranstaltet trotz seiner geringen finanziellen Ausstattung noch den Vatertagfrühschoppen.

Dazu bringt der Verein, bald in der achten Auflage, einmal im Jahr den Orsoyer Kurier, ein Werbemagazin für den Stadtteil heraus. „Wir sorgen auch für die Illumination des Ortes während der Weihnachtszeit“, sagt Kubik.

Deutlich größer mit 68 Mitgliedern ist die Rheinberger Werbegemeinschaft. 17 Jahre stand der jetzige Bürgermeister Frank Taztel an der Spitze der Werbegemeinschaft, die offiziell 1998 als eingetragener Verein geführt wird. Seit etwa zwei Jahren ist nun mit der Unternehmerin Ulrike Brechwald erstmals eine Frau zur ersten Vorsitzenden gewählt worden.

Sie wird weiterhin die vielen Aktivitäten mitorganisieren wie das Weihnachtsgewinnspiel, das Weihnachts-Shoppen oder auch das Füllen der Schultüten für die I-Dötzchen. Die Werbegemeinschaft unterstützt ebenfalls die NRW-weite Kampagne „Heimat shoppen“ aktiv mit. „Der Vorteil ist der historische Altstadtkern, der viele anzieht“, sagt Ulrike Brechwald. Für sie sei Rheinberg zudem im Vergleich zu anderen Städten noch nicht uniformiert. „Es gibt noch viele inhabergeführte Geschäfte und vergleichsweise wenig Ketten.“

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