Weniger Verpackungsmüll

Wissenschaftler erforschen neue digitale Verpackungen

Die bunte Warenwelt in Supermärkten, Einkaufszentren, Elektronik- oder Haushaltswaren-Läden sieht in Zukunft vielleicht grau in grau aus – sie erscheint farbenfroh nur noch auf dem Handy, auf Monitoren oder durch eine Spezialbrille.

Die bunte Warenwelt in Supermärkten, Einkaufszentren, Elektronik- oder Haushaltswaren-Läden sieht in Zukunft vielleicht grau in grau aus – sie erscheint farbenfroh nur noch auf dem Handy, auf Monitoren oder durch eine Spezialbrille.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jochen Tack / picture alliance / imageBROKER

Oberhausen.  Das Oberhausener Fraunhofer Institut will helfen, den überbordenden Verpackungsmüll zu reduzieren – mit einer verblüffenden Idee.

Das Oberhausener Fraunhofer Institut Umsicht arbeitet in den nächsten sechs Monaten auf den ersten Blick verblüffende Ideen aus, wie man in Geschäften aufwändige Glitzer-Verpackungen rund um die angepriesenen Produkte stark verringern kann.

„Um Produkte zu bewerben, existiert oft eine besonders materialintensive und grafisch aufwändige Verpackung, die deutlich über die reine Schutzfunktion hinaus geht“, sagt Jochen Nühlen, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fraunhofer Institut Umsicht. Mit der in Gronau sitzenden Software-Firma Videro AG will Umsicht eine Machbarkeitsstudie erstellen, ob der völlige Verzicht von bunten Plastik-Verpackungen mit ihrem hohem Energie- und Rohstoffverbrauch möglich ist – allein durch den Einsatz digitaler Techniken.

Einheitsverpackung verwertbar

Künftig sollen Geschäfte in der Innenstadt oder im Einkaufszentrum nur noch Waren anbieten, die eine schnöde blasse, aber wiederverwertbare Einheitsverpackung umhüllt. Doch wer will die dann noch kaufen? Deshalb sollen die Kunden dieser Geschäfte gleich am Eingang des Ladens eine Spezial-Computerbrille erhalten, ausgestattet mit „Augmented Reality“-Software („erweiterte Realität“).

Diese bewerkstelligt, dass man den Raum und die Produkte sieht – mit originalen Werbeverpackungen. Sie sind also nur virtuell vorhanden, auf die Brille selbst werden auch noch Zusatzinfos zu den Produkten gespielt – so soll auch künftig im Zeitalter schmuckloser Produktverpackungen der Kaufanreiz für Kunden erhalten bleiben.

Überzeugungsarbeit für eine zügige Umsetzung

„Insgesamt soll das Produkterlebnis verlustfrei in den digitalen Bereich verschoben werden, um die Verpackung zu reduzieren“, erläutert Nühlen. Er ahnt bereits, dass die Umsetzung nicht nur aus technischen Gründen schwer durchzusetzen sein wird. „Dazu muss Überzeugungsarbeit geleistet werden.“ Man befinde sich in Gesprächen mit der Industrie, die sich für neue Erfindungen für Verpackungen aufgeschlossen zeige. Das liege auch daran, dass schärfere Vorschriften im Verpackungsbereich seit Januar gelten.

Doch die Hürden für das neue System sind hoch: Zunächst einmal muss Fraunhofer Umsicht das ideale Material für die Einheitsverpackungen finden, die auch noch das Produkt schützen sollen. Ob pilzbasiertes Material, Bio-Kunststoff oder simple Kartonage verwendet wird, ist noch nicht klar.

Scannen der Produkte auch per Handy möglich

Dann müssen mehrere mögliche Verfahren geprüft werden: Kunden scannen den Laden per Digital-Brille, QR-Codes auf den Verpackungen zeigen Infos und farbenfrohe Produkthüllen auf jedem Handy oder Monitore stehen neben den Verpackungen im Laden und präsentieren Bilder sowie Info-Filme.

Vielen Normalkunden von heute mag der vom Land NRW geförderte Fraunhofer-Vorstoß als ferne Zukunftsmusik erscheinen, doch zumindest der Probelauf soll zügig in den nächsten zwei Jahren starten. „Ich glaube, es wäre unrealistisch zu sagen, dass es in NRW binnen der nächsten Jahre nur noch solche Geschäfte geben wird. Aber wir würden gerne gemeinsam mit interessierten Partnern aus dem Handel mit ein oder zwei Demonstrationsorten starten. Das würde dem stationären Einzelhandel helfen, in der Konkurrenz zum Onlinehandel zu bestehen“, meint Nühlen.

Zunächst Mehrkosten für Handel

Die Nachteile am Anfang der Entwicklung der neuen Verpackungen für den Handel verschweigt der Wissenschaftler allerdings nicht. Zunächst würden Mehrkosten auf die Unternehmen zukommen, die sich erst langfristig wiedereinspielen werden. Außerdem stelle ein Werbungsverzicht auf den Verpackungen im Wettbewerb einer gesamten Branche ein enorm hohes Risiko dar.

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