Jazz in Oberhausen

Weltklasse-Quartett reicht Streicherkost voll Saft und Kraft

Weltklasse auf kleiner Bühne: das polnische Atom String Quartet im Gdanska.

Weltklasse auf kleiner Bühne: das polnische Atom String Quartet im Gdanska.

Foto: Sven Thielmann

Oberhausen.  Das polnische „Atom String Quartet“ jazzt im erfreulich vollen Gdanska auf höchstem Niveau und beweist kammermusikalische Grandezza.

Viertel vor sah es noch ganz so aus, als wolle niemand das grandiose Menü aus zweimal Skrzypce, Altówa und Wiolonczela im großen Konzert-Salon des Gdanska genießen. Schlag acht war es plötzlich bemerkenswert voll – und Eva Kurowski, der gute Geist beim „Jazzkarussell“, ihrer Sorgenfalten ledig. Nun hatte sie aber auch mit dem „Atom String Quartet“ aus Warschau ein ganz besonderes Ensemble im Angebot.

Denn obschon bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert etwa der legendäre Altsaxophonist Charlie Parker, aber auch der berühmt-berüchtigte Chet Baker den Jazz mit seidigen Streicherklängen fütterten, was später Gunter Schuller zum sogenannten „Third Stream“ ausbaute, sind Kammermusik-Ensembles in der improvisierten Musik immer noch ein recht rares Vergnügen. Und genau dieses boten die beiden virtuosen Geiger Dawid Lubowicz und Mateusz Smoczyński mit dem hünenhaften Bratschisten Michał Zaborski und dem in sich ruhenden Krzysztof Lenczowski am Cello in überbordender Opulenz.

Huldigung für Polens großen Avantgardisten

Wobei sie, was man in seiner Konsequenz bewundern muss, ausschließlich „Polska muzyka“ ihren atemlos staunenden Zuhörern servierten. Rhythmisch vielschichtige und mit raffinierter Artistik farbenreich inszenierte Kompositionen zunächst aus eigener Feder, die etwa bei einer hinreißenden Hommage die Klangsprache des famosen Altsaxophonisten Zbigniew Namysłowski in elegant-flirrende Streicher-Seligkeiten transformierten. Oder in pointierten Pizzicati zu sonorer Cello-Grundierung folkloristische Einflüsse aus dem ländlichen Polen mit urbanen Sound-Elementen zu spannungsreicher Intensität führten.

Das war bereits schwer beeindruckend, doch wirklich grandios geriet dann dem Atom String Quartet ihre dreiteilige Huldigung für den großen polnischen Avantgardisten Krzysztof Penderecki, der am Samstag seinen 86. Geburtstag feiert, mit zwei ursprünglich für Piano und Klarinette geschriebenen Miniaturen sowie einer „Aria in barockem Stil“. Technisch ungemein anspruchsvoll, in faszinierender Präzision umgesetzt und mit strahlender Kraft durchgezeichnet. Man staunte und bewunderte die klangliche Brillanz ihrer Performance, für die neben den vier Streichern auch Jörg Hüttemann am Mischpult bravourös sorgte.

Hörabenteuer mit der sanften Horrorfilm-Melodie

Auch nach der für die Ohren wie Musiker dringend erforderlichen Pause setzte sich der Überwältigungszauber fort. Wieder funkelten erst eigene Kompositionen wie „First Breath“ oder „Manhattan Island“ dynamisch schillernd. Und dann kredenzte das Atom String Quartet jenes ikonische Meisterwerk, ohne das ein polnisches Jazz-Konzert keines wäre: „Sleep Safe and Warm“ von Krzysztof Komeda für Roman Polanskis Horrorfilm „Rosemary’s Baby“. Ein Hörabenteuer sondergleichen, denn ohne die berühmte Melodie zu zerstören, gaben die vier Streicher diesem anrührenden Wiegenlied einen unheimlichen Unterton, der das kommende Grauen der satanischen Story vorwegnahm. Ganz großes Kino!

Mit zwei Werken des Krakauer Geigers Zbigniew Seifert – noch so eine Legende des polnischen Jazz – und einer heftig geforderten Zugabe drehte sich das Jazzkarusell schwungvoll aus, bei dem das Atom String Quartet eindrucksvoll bewies, das es sich hinter dem ungleich berühmteren Kronos Quartet aus San Francisco nicht zu verstecken braucht.

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