Friseurhandwerk

Weg mit alten Zöpfen: Junge Friseure kämpfen gegen Klischees

Die Azubis proben für ihren großen Tag am 28. Oktober.

Die Azubis proben für ihren großen Tag am 28. Oktober.

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE FotoServices

Oberhausen.  Friseure sind ungebildet und können nur Haare schneiden? Klischees wie diese sorgen für Nachwuchsprobleme in der Branche. Das soll sich ändern.

„Wenn du nicht weißt, was du werden willst, dann werd’ Friseur.“ Dünne Klischees wie dieses über den Beruf des Haarspezialisten gibt es viel zu viele: Ein bisschen schneiden, kurz föhnen und am Ende zusammenfegen – mehr ist’s ja angeblich nicht. Ärgerlich für eine Branche, wenn Vorurteile fest verankert sind – und für große Probleme sorgen.

„Manche Leute denken, Friseur wird nur, wer einen Hauptschulabschluss hat“, sagt Celine Garns. Ihre Freunde rieten der 17-Jährigen zunächst vom Job an der Schere ab. Sie hat sich trotzdem dafür entschieden – und bereut nichts. Im Gegenteil: Sie will mit neun anderen Azubis auf der Bühne beweisen, was sie gelernt hat: Am 28. Oktober präsentieren sie im Käthe-Kollwitz-Berufskolleg Frisuren, Make-up und Mode. Sie wollen sagen: „Friseur? Ein geiler Job!“

Vor „Yvonne’s Hairstyling“ wartet kein Kunde, aber die Ladentür ist weit offen. Generalprobe für den großen Tag. Celine und die anderen Auszubildenden proben für den Laufsteg: Welches Kleid? Wie passt der Lippenstift zur Haarfarbe? Lieber die blond frisierte Perücke? Oft sind es Nuancen, die einen guten Auftritt ausmachen. Die Aufregung der Azubis ist spürbar.

Meister übergeben die Schere

Der Friseurladen an der Dümptener Mühlenstraße ist brechend voll. Denn die Azubis haben jeder mindestens ein Model mitgebracht. Ein letztes Mal das Handwerk schärfen für den großen Auftritt. Jahrelang haben die Chefs bei den regelmäßigen Frisurenshows selbst Hand angelegt – bis die Friseurinnung einen Cut machte. Zum ersten Mal stehen nun die Azubis im Rampenlicht. So will die Innung die Probleme der Branche angehen.

Welche Probleme genau? Erstens: Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt, weil die Bewerber fehlen. Zweitens: Viele Friseure bilden keinen Nachwuchs mehr aus. Was also tun? „Ich hatte das Geheule der Betriebe über die Nachwuchssorgen satt“, erklärt Bianca Görg-Parth, Mitglied im Fachbeirat der Handwerksinnung. Neue Kollegen fehlen? Dann muss eben eine neue Idee her: „Wer Nachwuchs haben will, der muss die Auszubildenden zeigen lassen, dass unser Job mehr als Waschen, Föhnen und Fegen ist!“

Haarsträubend: Was sich wirklich ändern muss

Sind es wirklich nur die Klischees, die jungen Menschen vom Friseurberuf abhalten? Nein, meint Bianca Görg-Parth. Die jetzige, sogenannte Generation Z habe die Qual der Wahl: Lehre oder Studium? Die Entscheidung falle vielen schwer. „Wenn wir den Jungen aber früh deren eigene Stärken aufzeigen, sind sie fleißig und engagiert und im besten Fall Botschafter unseres Berufs!“

Gleichwohl haben auch die Betriebe der Stadt offenbar Nachholbedarf. Denn von 62 angeschriebenen Friseuren in Oberhausen haben bis vor vier Wochen lediglich sieben Friseure auf ihre Anfrage für die Show geantwortet, bedauert die Organisatorin das mangelhafte Interesse der Kollegen. „In meiner Lehrzeit haben noch doppelt so viele Friseure ausgebildet wie heute“, erinnert sich die 52-Jährige.

Seit ihrer Lehrzeit hat sich noch etwas getan: Die Aufgaben sind gewachsen, nur Haare schneiden reicht schon lange nicht mehr. Die Kunden sind anspruchsvoller, erwarten neben dem Haarschnitt auch einen Cappuccino und eine Kopfmassage. Manche Wünsche waren immer schon knifflig und bedürfen eines besonderen Fingerspitzengefühls: Wie bringe ich dem Kunden bei, dass man mit Halbglatze nicht aussehen kann wie David Beckham?

Friseure brauchen ganz besonderes Fingerspitzengefühl

Hinzu kommt die immer noch maue Bezahlung: Im Vergleich zu anderen Handwerkern bekommt der Friseur am wenigsten. Nach der Ausbildung verdient ein Friseur in NRW laut Tarif monatlich 1.667,25 Euro oder 9,75 Euro die Stunde. Brutto. Ab dem 1. Januar 2020 steigt das Entgelt zwar auf 10,10 Euro pro Stunde an – verlockend sind die Zahlen dennoch kaum.

Friseurmeisterin Bianca Görg-Parth weiß das und ist dennoch mit Leib und Seele Friseurin. Friseure seien viel mehr als nur Haarspezialisten. „In der Regel sind wir Kummerkasten, Psychologe und einfach ein guter Zuhörer – gerade die körperliche Nähe zum Kunden wird oft unterschätzt.“

Friseurazubi Celine Garns dagegen hofft, dass die Show ihr Netzwerk erweitert. Ihr Traum: Irgendwann mal Friseur auf einem Kreuzfahrtschiff sein. Bis dahin teilt sie weiter Bilder ihrer kreativen Schnitte und Farben in den sozialen Medien – und bekommt viel Lob. Ihre Freundinnen haben schon vor Monaten aufgehört, über ihren Job zu meckern; jetzt wollen sie Tipps von Celine. Und die gehen weit über Waschen, Föhnen, Fegen hinaus.

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