Stahlbetonbau

Warum das Europahaus in Oberhausen sein Potenzial verschenkt

Das Europahaus am Friedensplatz: Was einen klangvollen Namen hat, kommt zeitweise ganz schön trist daher.

Das Europahaus am Friedensplatz: Was einen klangvollen Namen hat, kommt zeitweise ganz schön trist daher.

Foto: Gerd Wallhorn

Oberhausen.  Seit 1955 prägt das Europahaus am Friedensplatz das Oberhausener Stadtbild. Von der früheren Euphorie ist wenig geblieben, doch Chancen sind da.

„Bienvenue! Willkommen! Welcome! Bienvenido!“ – viele Sprachen, eine Botschaft: Treten Sie ein, fühlen Sie sich wohl. Jedenfalls, wenn es nach der grauen Fußmatte geht, auf der der Willkommensgruß in allerhand Sprachen und Schriftarten abgedruckt ist. Doch wer derart freundlich und international empfangen werden will, der muss schon sehr genau hinschauen – und zunächst einmal fünf oder gar sechs Stockwerke hinaufsteigen.

Hier oben also, in einem dunklen Flur, erinnert zum ersten Mal etwas an Europa, an Offenheit und Vielfalt. Und das inmitten des Gebäudekomplexes mit dem so klangvollen Namen „Europahaus“ – im Herzen Oberhausens gelegen, zwischen Friedensplatz, Elsässer Straße und Langemarkstraße.

Früher noch Dreh- und Angelpunkt

Rund 170 Wohnungen, dazu Büro- und Geschäftsräume, 15 Ladenlokale und eine Tiefgarage – seit 1955 prägt das vier- bis neungeschossige Europahaus die Oberhausener City. Der Düsseldorfer Architekt Hans Schwippert, Erbauer des Bonner Bundestags-Plenarsaals, ließ es gemeinsam mit Erich Schöllgen zwischen 1955 und 1957 im Stile der klassischen Moderne errichten. Die Multifunktionalität des Stahlbetonbaus sollte dem Stadtkern seinerzeit eine neue Attraktion, einen neuen Anziehungspunkt hinzufügen.

Und tatsächlich: Gerade in den Anfangsjahren war der Gebäudekomplex ein lebendiger Wohn- und Geschäftsort, ein Dreh- und Angelpunkt in der Oberhausener Innenstadt. Noch bis 1985 war hier auch das legendäre Europa-Palast-Filmtheater beheimatet – mit seinem großen, einarmigen Balkon, einem Foyer über drei Etagen und knapp 1200 Sitzplätzen über Jahrzehnte das Vorzeigekino der Stadt.

Seither jedoch hat sich vieles verändert im und um das Europahaus: Mieter – in den Wohnungen wie auch in den Ladenlokalen – kamen und gingen, ebenso die Eigentümer, zuletzt immer öfter. Aus dem Kino wurde noch für eine Weile der „Star Club“, dann gar nichts mehr. Seit 2014 steht auch das Hotel im Mitteltrakt leer. Geblieben ist bis heute eigentlich nur eines – der stolze Name: Europahaus.

Ein Name, der für Hoffnung steht

Einer, den all das nicht abschreckt, ist Gianni Virgallita. Seit November ist der 20-Jährige Vorsitzender der örtlichen Jusos, seit Dezember weiß er, dass er noch diesen Monat eine Wohnung im Europahaus beziehen wird. Nach seinem Abitur möchte er nun „auf eigenen Beinen stehen“, das Hochhaus am Friedensplatz bietet aus seiner Sicht ideale Bedingungen dafür.

„Die Lage ist super“, sagt Virgallita, „direkt in der Innenstadt, aber auch in der Nähe des Hauptbahnhofs, was das Pendeln nach Essen erleichtert.“ Dort studiert der gebürtige Oberhausener Englisch und evangelische Religion auf Lehramt. Aber auch der Name seiner neuen Bleibe, „Europahaus“, sei „ein schöner Nebeneffekt“, so der 20-Jährige. Denn: als Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter hat er die europäische Identität geradezu in der DNA.

„Hier in Oberhausen bin ich oft der Italiener“, erzählt er, „vor allem wenn die Leute meinen Namen lesen. In Italien wiederum bin ich natürlich der Deutsche.“ Wenngleich er über beide Staatsangehörigkeiten verfügt, begreift Virgallita sich weder als das eine, noch als das andere: „Mir wäre lieber, wenn es einen europäischen Pass gäbe“, meint der Juso-Vorsitzende, für den Europa und die EU heute vor allem für Frieden und Solidarität stehen.

Grundsätze, die indes schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs Kern des Europa-Gedanken sind – und somit auch wesentlich zur Namensgebung des Neubaus im März 1955 beigetragen haben. Passend zum angrenzenden Friedensplatz transportierte der Name „Europahaus“ nämlich vor allem eines: die Hoffnung auf bessere, auf friedvollere Zeiten. Oder, wie es Sabina Gierschner vom LVR-Amt für Denkmalpflege beschreibt: „Eine bewusste Hinwendung zur Internationalität.“

Im Europahaus leben Bürger vieler Nationalitäten

Dass ihn im Europahaus tatsächlich Nachbarn unterschiedlicher Nationalität erwarten, ist Virgallita bewusst: „Dort leben sicher so ziemlich alle Bevölkerungsgruppen, die wir in unserer Stadt zu bieten haben.“ Doch auch wenn dies bei so manchem Oberhausener zu Vorbehalten führe, freue er sich auf sein neues Zuhause. Skeptisch sehe er vielmehr die jüngere Entwicklung des Hauses – und dessen verschenktes Potential: Abgesehen von einem kleinen, weißen Schild in der Elsässer Straße weise nichts auf dessen so bedeutsamen Namen hin.

Von der zuletzt scharf kritisierten Verwaltung des Europahauses, der in Duisburg sitzenden „Zentral Boden Vermietung und Verwaltung GmbH“, erhofft er sich durch Renovierungsarbeiten bald eine optische Aufwertung: „Man könnte stärker darauf hinweisen, dass es sich um das Europahaus handelt“, schlägt Virgallita vor. „Eine Europaflagge wäre etwas, das sich schon in kurzer Zeit umsetzen ließe.“ Eine weitere Chance für das Haus sieht er zudem im geplanten Umbau des alten Kinos zu einem Mehrzwecksaal und öffentlichem Kulturraum.

„Keine EU-Farben, keine Infos, nichts“

Wie die aktuellen Bewohner ihr Europahaus erleben, wie sie zu dessen Namen stehen und was sie sich für die Zukunft wünschen, war bei einem Besuch allerdings nur schwer herauszufinden. Die meisten Wohnungstüren blieben verschlossen. Jene Mieter wiederum, die zum Gespräch bereit waren, wussten zwischen Haus und Name auf Anhieb keine Verbindung herzustellen.

So auch Rainer Vorhoff, Leiter der Psychiatrischen Tagesstätte der gemeinnützigen Intego GmbH, die an der Langemarkstraße 10 ansässig ist. Dass die Einrichtung sich ausgerechnet im Europahaus befindet, sei Zufall: „Ausschlaggebend waren für uns die große Gebäudeeinheit und die zentrale Lage.“

Linken-Ratsherr verkauft fair gehandelte Pasta

Doch davon abgesehen könne er – rein optisch zumindest – auch keinerlei Zusammenhang zur Bezeichnung des Hauses herstellen. „Ich sehe hier ja keine EU-Farben, keine Symbole, keine Infos, gar nichts“, so Vorhoff. Dabei eigneten sich die häufig ungenutzten Schaufensterkästen im Innenhof des Gebäudes doch ideal für solche Zwecke. „Warum nicht dort die Geschichte des Europahauses erzählen?“, fragt er.

Auch für Lühr Koch war allein die Lage entscheidend, wie er sagt. Seit 2014 betreibt der 68-Jährige den „fairen Laden“ an der Elsässer Straße 19, ebenfalls Teil des Europahauses. Doch hat sein kleines Geschäft – wenn auch durch Zufall – überraschend viel gemein mit dem Gebäudenamen: Der Linken-Ratsherr verkauft hier unter anderem fair gehandelte Pasta aus Italien sowie Seife und Olivenöl aus Griechenland – und am Eingang weisen bunte Flyer, etwa von der „Seebrücke Oberhausen“, auf eine aktuelle, ganz und gar europäische Aufgabe hin.

Generalanzeiger titelte: „Stolzer Name: Europahaus“

Am 9. März 1955 schrieb der Oberhausener Generalanzeiger, bis Ende 1966 die größte Zeitung der Stadt, über die Taufe des noch im Bau befindlichen Europahauses: „Sie wollten dem stattlichen Haus, das da mit vielen Geschäften und Wohnungen, mit einem Kino, einer Großgaststätte, einem Tages- und einem Konzert-Café, einer Bar, einer Kegelbahn und sonstigen Überraschungen errichtet wird, einen würdigen Namen geben. Sie haben ihn gefunden: Es soll ‚Europahaus’ heißen.“

Und weiter: „Vielleicht mag manchem der Name für ein Geschäftshaus ein bißchen zu großartig klingen, doch man wird zugeben müssen: Europahaus am Friedensplatz klingt nicht schlecht und könnte beinahe symbolisch sein. Nomen est omen, Name ist Vorbedeutung, sagten die alten Lateiner, und es ist nicht zu leugnen, daß man Europas Haus sich nirgendwo lieber wünschen möchte, als an des Friedens Platz.“ Ein Name wie ein Wunsch – er sollte in Erfüllung gehen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben