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Vor dem Bunkereingang in Eisenheim starben 41 Menschen

Winfried Gottwald erinnert sich an die Bombenangriffe.

Winfried Gottwald erinnert sich an die Bombenangriffe.

Foto: Ulla Emig WAZ Fotopool

Oberhausen.   Als Sechsjähriger saß Winfried Gottwald im Eisenheimer Hochbunker, als draußen der Angriff eines einzelnen Bombers 41 Menschen tötete. Lange Zeit konnte der Oberhausener über seine Kriegserfahrungen nicht sprechen.

Von einer Nacht und dem folgenden Tag will Winfried Gottwald erzählen. Dieser 30. März 1944 ist auch in den meisten Chroniken der Siedlung Eisenheim eingeschrieben. 20 Minuten Fußweg waren es für den damals sechsjährigen Jungen und seine Mutter von der Wanner Straße. „Wir gingen schon vor dem Alarm, um mit Eintritt der Dunkelheit am Bunker zu sein.“

Die Eltern Gottwald hatten alles versucht, um ihr körperbehindertes Kind heilen zu lassen. Bei der „Zangengeburt“ im November 1937 war ihm die Schulter zerdrückt worden. „Heil Hitler ist bei mir nicht drin.“ Winfried Gottwald meint das nicht nur metaphorisch: Den rechten Arm kann er nicht in die Höhe recken. Hätte sich Hitler noch länger an der Macht gehalten, meint der heute 76-Jährige in seinem Reihenhaus in Tackenberg, er wäre wohl als „unwertes Leben“ ermordet worden.

Sein Vater, ein Techniker bei GHH, war für „kriegswichtige“ Arbeiten nach Berlin abgeordnet worden. „Meine Mutter suchte Gesellschaft“, sagt Winfried Gottwald – und fand Nachbarn, die im Eisenheimer Hochbunker über eine eigene Zelle verfügten: Platz für Stühle und zwei Feldbetten. „Man war unter sich.“

Eine Kiste voller Körperteile

Am Abend des 30. März 1944 gab es keinen Alarm, keine Vorwarnung. „Man unterhielt sich“ – in der Zelle im Obergeschoss des Bunkers, aber auch draußen vor dem Eingang. Winfried Gottwald erzählt: „Dann krachte es fürchterlich. Der Bunker bebte, das Licht ging aus, manche beteten.“ Gerüchte gingen um, als sich das erste Entsetzen etwas gelegt hatte: Ein Flugzeug könnte direkt auf den Bunker gestürzt sein.

Als das Licht wieder anging, hieß es, alle Unverletzten sollten ins obere Bunkergeschoss gehen. Man wolle unten einen Verbandsplatz einrichten. „Wie heute bei einem Unfall auf der Autobahn“, sagt Winfried Gottwald, gab es Menschen, die sehen wollten, was passiert ist: „Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Verletzte, die ganz jämmerlich aussahen.“

Luftminen deckten Wohnhäuser ab

Allerdings war kein Flugzeug auf den Bunker gestürzt: Eine einzelne Bombe war dicht neben dem Bunkereingang eingeschlagen. Von den Menschen, die sich dort sorglos unterhielten, starben 41, darunter vier Kinder. 23 Menschen wurden verletzt. „Sie dachten nichts Böses.“ Winfried Gottwald vermutet, dass die Druckwelle einer Luftmine sie tötete. Die britischen Bomber nutzten Luftminen, um die Dächer der Wohnhäuser für die anschließend abgeworfenen Brandbomben „abzudecken“.

Mit vielen anderen Eisenheimern wollten Mutter und Sohn Gottwald am nächsten Morgen sehen, „was die Bomber angerichtet hatten“. Das Kind sah ein menschliches Ohr am Boden liegen. Männer bargen es in einer Kiste – die sich bereits gefüllt hatte mit weiteren abgerissenen Körperteilen. „Es gab Zeiten“, sagt der heute 76-Jährige, „da hätte ich nicht darüber berichten können“. Seine Frau Christel sagt: „Vor dem Bunker ist auch der Bruder meines Vaters umgekommen, mit seiner Freundin. Sie wollten heiraten.“

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