Schule

Türkeithema bringt Hitze in Polittalk am Bertha-Gymnasium

Die meiste Zeit über zahm gaben sich (v.l.) Niema Movassat, Patrick Voss, Dirk Vöpel, die Moderatoren Moritz und Max, Marie-Luise Dött,  Roman Müller-Böhm, Uwe Kamann. Verschwurbelte Politik-Sprache war leider trotzdem viel zu hören.

Foto: Kerstin Bögeholz

Die meiste Zeit über zahm gaben sich (v.l.) Niema Movassat, Patrick Voss, Dirk Vöpel, die Moderatoren Moritz und Max, Marie-Luise Dött, Roman Müller-Böhm, Uwe Kamann. Verschwurbelte Politik-Sprache war leider trotzdem viel zu hören. Foto: Kerstin Bögeholz

Oberhausen.   Das Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Oberhausen setzt sein politisches Format fort. Schüler fragen fair – Politiker antworten sachlich.

Der große Aufreger beim zweiten Polittalk 2017 am Bertha-von-Suttner-Gymnasium war nicht die Schulpolitik, wie sich zu Beginn der dreistündigen Diskussion abzuzeichnen schien, sondern etwas Außenpolitisches: Die Beziehungen zur Türkei ließen die rund 350 Oberstufenschüler zur Höchstform auflaufen – und gaben den Kandidaten von SPD, CDU, Grünen, Linken, FDP und AfD die Chance, vor der Bundestagswahl Stellung zu beziehen.

„Wir haben viel zu lange zugeschaut“, wettert Niema Movassat (Linke). Er fordert „keine Beitrittsverhandlungen, keine Zollunion, alle Soldaten abziehen, politische und wirtschaftliche Beziehungen einfrieren“. FDP-Kandidat Roman Müller-Böhm findet es „witzig“, dass er mit der Linken einer Meinung ist, fordert auch wirtschaftliche Sanktionen und Dirk Vöpel (SPD) wirft im Gedankenexperiment das Land gar aus der Nato – „zumindest müsste man es mit einem Fragezeichen versehen“. Nur Marie-Luise Dött (CDU) mahnt, man müsse im Gespräch bleiben. „Wir tun das Geschäft für Erdoğan. Er arbeitet damit, dass er von Feinden umgeben ist.“

Kontroverse schon seit Monaten

Applaus, Zwischenrufe, die souveränen Moderatoren Max Baum und Moritz Howe müssen zur Ruhe ermahnen. Das liegt daran, dass die Luft langsam schlecht wird in der Aula und die Konzentration nachlässt, aber auch daran, dass dieses Thema offensichtlich mit Emotionen überladen ist – schon seit Monaten, wie Lehrer Jens Koberstein nach der Debatte erzählt. „Wir haben sowohl Erdoğan-Befürworter wie auch Gegner. Das ist hier eine ziemliche Kontroverse.“

Die Schärfe, mit der diskutiert wird, ist zu spüren. Nachdem türkische Zeitungscover mit Merkelbildern und Hitlervergleichen projiziert werden, beschwert sich Ahmet darüber, dass Erdoğan in deutschen Medien als Diktator dargestellt wird – „und wenn zurückgeschossen wird, heißt es, das darf man nicht. Das ist heuchlerisch.“ Applaus und Jubel. Im Knast seien nur diejenigen, die Terror-Propaganda betrieben hätten. Über den inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel sagt er: „Der hat geschrieben, dass die Deutschen aussterben sollen. Warum wollt ihr ihn zurückhaben?“

AfD-Mann Uwe Kamann ergreift die Chance, das Ruder rumzureißen. „Ich mag Yücel persönlich nicht, aber wir müssen alles dafür tun, dass er frei kommt. Die Meinungsfreiheit ist das höchste Gut, das wir haben.“ Den anderen Diskutanten bleibt nichts anderes übrig, als zuzustimmen.

Doch dies stößt nicht überall auf Verständnis. Nachdem Leonhard zu Bedenken gibt, dass Nazi-Karikaturen von mangelndem Respekt vor den Opfern des Weltkriegs zeugen, meldet Serdar sich zu Wort: „Und was ist mit dem Respekt vor den Opfern des Putschversuches?“ Nach lautem Lachen und Rumoren legt er nach: „Ich darf doch meine Meinung sagen, oder?“ Darauf Dirk Vöpel trocken: „Du bist ja nicht in der Türkei – du darfst.“

Sachlichen und respektvollen Umgang wollten die Schüler mit der außergewöhnlichen Veranstaltung üben. Es gelang ihnen ebenso gut wie ihren Gästen. Aufregung gab es nur zwei weitere Male: Als Patrick Voss (Grüne) beim Thema Schule nicht mehr an sich halten konnte und „Die AfD ist eine rechte Partei!“ rief und als Marie-Luise Dött (CDU) sagte: „Der IS kämpft natürlich mit deutschen Waffen, weil deutsche Waffen gut sind.“ Dass wortgewandte Erklärungen folgten, überraschte kaum.

Dass viele Schüler jedoch in der Lage waren, genauso eloquent aufzutreten wie die Profis, ist keineswegs selbstverständlich und verdient großes Lob.

Mit Spannung erwartet wurden die Ergebnisse des „Urnengangs“ vor und nach dem Polittalk. Hier die Ergebnisse: Vorher: SPD 31,9 %, CDU 27,8 %, Grüne 11,6 %, FDP 8,1 %, AfD 7 %, Linke 5,2 %. Nachher: SPD 36,5 %, Linke 15,6 %, Grüne 13,1 %, AfD 7,8 %, FDP 6,9 %, CDU 6,2 %.

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