Theater-Premiere

Theater-Premiere plädiert für die Unschuld des Vereins

Das Vereinsleben in Oberhausen ist bunt und nicht nur ein bisschen exotisch – folgt man den Expeditionen von Mervan Ürkmez, Banafshe Hourmazdi und Emilia Reichenbach.

Das Vereinsleben in Oberhausen ist bunt und nicht nur ein bisschen exotisch – folgt man den Expeditionen von Mervan Ürkmez, Banafshe Hourmazdi und Emilia Reichenbach.

Foto: Katharina Kemme / Theater Oberhausen

Oberhausen.  Uraufführung im Hochhaus: Das Ensemble spielt für 25 Gäste „Vereinsleben“, feiert Hobby als Widerstand und gewinnt mit Aufwand neue Mitglieder.

Zuerst die schwere Frage: Was macht den „Verein“, die letzte Theater-Inszenierung dieser Spielzeit aus? Logisch wäre an dieser Stelle eine Antwort. Doch die eine konkrete gibt es nicht. Nur so viel vorab: Paillettenschnecken, die Katzen ähneln, sind noch das normalste im Verein. Doch die 25 Gäste im „Oberhaus“, dem Hochhaus an der Friedrich-Karl-Straße, hätten nach zweieinhalb Stunden Spielzeit sicher eine Mitgliedschaft beantragt.

Nötig ist das für die Gründer nicht. Dramaturgin Elena von Liebenstein hat Schwierigkeiten sich zu entscheiden: „Kampfsport, Stenografie oder Fußball-Fanclub – was soll ich machen?“ So wie ihr geht es dem Ensemble: Hobby und Arbeit sind für Theatermenschen dasselbe. Wofür also brennen, kämpfen und rackern, damit Freizeit Sinn ergibt?

Kameradschaft auf der Bierbank

Im Schnellrestaurant um die Ecke gibt’s die erste Antwort. Mit Sandwich auf dem Tisch weiht Emilia Reichenbach eine vierköpfige Gruppe ein. „Kennt ihr das auch?“ Sie erzählt von ihrem wiederkehrenden Traum, dem Restaurant als Déjà-vu, samt der Menschen vor ihr. Diese seien sonst mampfend vorm Lokal, der Rest gleich. Ihre Angst vorm Krabbeln in der Decke des Vereinsheims beklemmt Emilia, damit sei sie ja nicht mehr allein. Ratlose Gesichter. Ist das Teil der Show? „Zugehörigkeit“, schließt die 24-Jährige und lädt ein ihr zu folgen, „das war mir wichtig es mit euch zu teilen.“

Auf einer Bierbank im „Vereinsheim“ kehrt umgehend Kameradschaft ein: Rotwein, vegane Currywurst und selbst geschnittene Pommes werden brüderlich geteilt. Dann die Moralkeule: „Allein machen sie dich ein, schmeißen sie dich raus, lachen sie dich aus. Und wenn du was dagegen machst, sperr’n sie dich in den nächsten Knast.“ Rio Reisers Band Ton, Steine, Scherben und die zeitlose Sozialkritik passt perfekt zum „Verein.“

Rund zwei Monate suchten Schauspieler, Regisseur und Dramaturgin nach der Essenz von Vereinen. Sie trafen in Oberhausen auf schwere Brocken („Powerlifter“, zu Deutsch: Kraftdreikampfsportler), die über schwere Fragen philosophierten „Was würdet ihr an der Welt ändern?“ Sie trafen einen Doggen-Klub, der die Riesenhunde trainiert. Krude Hobbys wie „Roller Derby“, eine Vollkontaktsportart auf Rollschuhen, so die Nachricht, gibt’s auch in Oberhausen.

Quilten – aber kapitalismusfrei

Zwischendrin unterhalten die Gründungsmitglieder Banafshe Hourmazdi, Emilia Reichenbach und Mervan Ürkmez mit ihren neu erlernten Hobbys. Paillettenschnecken stecken, Töpfern, Malen oder einen Quilt nähen – bleiben jedoch kapitalismusfrei. „Meine gebastelten Namensketten wollte jemand kaufen – da habe ich aufgehört. Ist ja ein Hobby“, sagt Banafshe Hourmazdi vehement.

„Der Verein“ ist kein Spaß, auch wenn viel gelacht und gestaunt wird; „der Verein“ ist nötig. Am Ende der temporären Mitgliedschaft hat der Besucher mitgesungen, mitgewundert und mitgeweint. Letzteres gelingt vor allem durch Einsatz von scharfer Creme unterm Auge. Sei’s drum – die Idee zählt.

Den Verein hinterfragt keiner

Fast alles, was im schuhschachtelkleinen Vereinsheim des „Oberhauses“ passiert, kommt ohne Vorwarnung, ohne Warnschild, dafür aber mit Verve und Empathie. So bejubeln die 25 Gäste erst die späte (22.22 Uhr) Cheerleader-Show der „Pearls“ auf dem benachbarten Parkplatz, um dann frenetisch Regisseur Demian Wohler und dem Ensemble zu applaudieren. Das Theater ist zum Verein geworden – war es das nicht schon immer? Egal. Den Verein muss keiner hinterfragen.

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