Stadtgeschichte

Studenten forschen im Oberhausener Archiv zum Strukturwandel

Bei der Arbeit im Lesesaal des Oberhausener Stadtarchivs: Privatdozent Sebastian Haumann, Merlin Oldenburg, David Dewes, David Reis, Rodi Al und Dennis Yazici (v.li.)

Bei der Arbeit im Lesesaal des Oberhausener Stadtarchivs: Privatdozent Sebastian Haumann, Merlin Oldenburg, David Dewes, David Reis, Rodi Al und Dennis Yazici (v.li.)

Foto: Gerd Wallhorn / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Wie veränderte der Strukturwandel das Knappenviertel? Studenten aus Darmstadt haben in den Akten des Oberhausener Archivs Spannendes entdeckt.

Gerade mal rund 20 Jahre sind die Akten alt, die eine Studentengruppe der Technischen Universität Darmstadt im Oberhausener Stadtarchiv zum Thema Strukturwandel eine Woche lang durchforstet hat. Für die historische Forschung sind das blutjunge Quellen.

Nicht oft haben angehende Historiker die Chance, mit solchem Material zur neueren Stadtgeschichte zu arbeiten. Das verschwindet nämlich in der Regel erstmal in irgendwelchen Rathaus-Kellern oder landet im Stadtarchiv ohne die Möglichkeit der Aufarbeitung – mangels Kapazitäten. Im Oberhausener Stadtarchiv läuft aber bis 2020 ein Projekt des Landschaftsverbandes Rheinland, bei dem nicht erschlossenes Archivmaterial, besonders zum Strukturwandel, in den Fokus rückt. Wie hat sich Oberhausen verändert, als die Montanindustrie und ihre Arbeitsplätze verschwunden sind? Geplant ist dazu eine Ausstellung 2020 im Schloss Oberhausen, erläutert Archivleiter Magnus Dellwig.

Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf

Ein Bestand ist dabei von besonderem Interesse: Im Archiv an der Eschenstraße lagern 88 Akten der Planungsverwaltung zum Oberhausener Knappenviertel. Das wurde 1996 in das Landesprojekt „Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf“ aufgenommen. Ein Stadtteilbüro koordinierte die Projekte in dem rund 7300 Einwohner zählenden Viertel. In den Unterlagen finden sich die Protokolle der Debatten, Anträge, Strukturdaten, politische Beschlüsse, Kommentare von Verantwortlichen.

Ein Glücksfall für die neuere Stadtgeschichtsforschung, die hier anhand eines konkreten Beispiels auf lokaler Ebene den Strukturwandel nachvollziehen kann. Das findet auch Privatdozent Dr. Sebastian Haumann vom Lehrstuhl für Neuere Geschichte der TU Darmstadt, zu dem Magnus Dellwig den Kontakt aufnahm. Denn nur ein Findbuch zu erstellen, also ein Verzeichnis, über das bestimmte Akten von Archivnutzern gefunden werden können, war dem Oberhausener Archivleiter zu wenig. Das Material sollte ausgewertet werden.

Alltag im Strukturwandel rekonstruieren

Eine Woche gastierte Historiker Haumann deshalb mit fünf Studenten aus seinem Seminar im Oberhausener Stadtarchiv. Die jungen Geschichtsforscher haben sich die Akten unter verschiedenen Fragestellungen angeschaut: Migration, Schule/Bildung, Arbeitslosigkeit, Berufsqualifizierung. „Uns geht es vor allem darum, den Alltag im Strukturwandel zu rekonstruieren“, sagt Haumann. Wie hat sich das Viertel verändert, wie haben die Menschen die Prozesse wahrgenommen?

Reibungslos sei das Ganze jedenfalls nicht abgelaufen, „wir haben in den Akten auch Kontroversen gefunden“, sagt Dozent Haumann. Bachelor-Student Rodi Al nennt ein Beispiel: „Es gibt einen Schriftwechsel dazu, ob die Anzahl der Hauptschulabschlüsse ein Kriterium dafür ist, einen Stadtteil als Problemviertel zu deklarieren.“ Die vor rund 20 Jahren geführte Diskussion ist heute noch aktuell, „wir forschen, aber kennen die Antworten noch nicht“, sagt Uni-Dozent Haumann. Vielleicht finden sich ja welche in den Seminararbeiten, die die Studenten jetzt schreiben müssen.

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