Tipps für junge Eltern

Stress mit Sex nach der Geburt lässt Familien scheitern

„Reden hilft“: Darin sind sich Dr. Jörg Signerski-Krieger (links, Chefarzt des Kompetenzzentrums für seelische Gesundheit am KKO und Sexualtherapeut) und Dr. Carsten Böing(Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und spezielle Geburtshilfe am KKO) einig.

„Reden hilft“: Darin sind sich Dr. Jörg Signerski-Krieger (links, Chefarzt des Kompetenzzentrums für seelische Gesundheit am KKO und Sexualtherapeut) und Dr. Carsten Böing(Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und spezielle Geburtshilfe am KKO) einig.

Foto: Gerd Wallhorn

Oberhausen.   Für viele Beziehungen wird die Zeit nach der Geburt des ersten Kindes zur Belastungsprobe. Oberhausener Chefärzte geben Tipps.

Nach der Geburt eines Kindes bleibt die Partnerschaft oft auf der Strecke. Nicht umsonst war im Jahr 2017 laut Statistischem Bundesamt in fast jeder fünften Familie mit mindestens einem minderjährigen Kind die Mutter oder der Vater alleinerziehend. Selbst Forscher zeigten sich überrascht davon, wie unglücklich viele Eltern das erste Kind zu machen scheint.

Woran liegt es? Die Chefärzte Dr. Carsten Böing und Dr. Jörg Signerski-Krieger sind sich einig: „Ein Hauptproblem ist die Tabuisierung des Themas Sex nach der Geburt.“ Für Aufklärung soll deshalb ein Gesprächsabend am 23. Mai sorgen.

Glaube an die harmonisch fortgesetzte Partnerschaft

Böing, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie am St. Clemens-Hospital (Katholisches Klinikum Oberhausen), erläutert: „Mit der Geburt eines Kindes ändert sich alles.“ Schon die Geburt selbst sei für die Mutter ein Stressereignis. „Die Stresshormone steigen allein beim Betreten des Kreißsaales an.“ Komme der Vater dazu, schössen die Hormone weiter in die Höhe. „Versucht er zu helfen, erreicht der Stresspegel das Limit.“

Das scheint der heute gängigen Vorstellung von der gemeinsam erlebten Geburt zu widersprechen? „Ja, die meisten Paare glauben, es müsste sich alles so erfüllen, wie sie es sich vorstellen, die tolle Geburt, die harmonisch fortgesetzte Partnerschaft – aber die Realität sieht anders aus“, sagt Böing. „Jede Frau bekommt ihr eigenes Kind, durchlebt eine eigene Geburt.“

Väter rücken nach der Geburt an den Rand

Allen gemeinsam bleibt: „Der Vater rückt während und nach der Geburt an den Rand“, betont Signerski-Krieger, Chefarzt des Kompetenzzentrums für seelische Gesundheit am KKO. Und das sei das Normalste der Welt. „In der ersten Zeit dreht sich bei der Mutter eben alles ums Kind – das muss man wissen und akzeptieren.“

Dazu kommt: Gynäkologen raten aufgrund des infektiösen Ausflusses dazu, vier bis sechs Wochen nach der Geburt auf Sex zu verzichten. „Mal ganz abgesehen davon, dass die meisten Mütter dann eh dank durchwachter Nächte und Schmerzen durch Damm- oder Kaiserschnitt nicht der Sinn danach steht“, sagt Böing. Statt dessen drehe sich – auch im als besonders babyfreundlich ausgezeichneten St. Clemens-Hospital – alles um den Körperkontakt zum Baby.

Da können die Väter nur leer ausgehen? „Ja und nein“, meint Signerski-Krieger lachend. Die Geburt und die erste Zeit danach beinhalten eine echte Chance zusammenzuwachsen. Ganz einfach dadurch, dass sich die jungen Eltern gegenseitig unterstützen.

Chefarzt: „Lieber Kuscheln und Reden“

Väter könnten ihrer Partnerin helfen, indem sie nachts auch mal das Fläschchen geben (geht auch mit abgepumpter Milch) oder tagsüber mit dem Kind spielten. Die Experten raten: „Junge Eltern sollten bewusst die Nähe zueinander suchen, sich gegenseitig in den Arm nehmen.“

Das wirke Wunder. Übrigens auch im Kreißsaal. „Signalisiert der Vater nur durch seine körperliche Nähe, Schatz, du kannst dich auf mich verlassen, sinken die Stresshormone der Mutter und sie lässt sich fallen“, erzählt Böing. Gleiches gelte für die erste Zeit nach der Geburt: „Kein Stress mit dem Sex, statt dessen lieber Kuscheln und Reden“, sagt Signerski-Krieger. Dann verwandelt sich die Zweierbeziehung auch langsam in eine tragfähige kleine Familie.

>>> Info: Veranstaltung für junge und werdende Eltern

Die KKO-Chefärzte Dr. Carsten Böing und Dr. Jörg Signerski-Krieger wollen das Tabu-Thema „Sex nach der Geburt“ verstärkt öffentlich machen.

Sie laden deshalb werdende und junge Eltern sowie alle Interessierten am Donnerstag, 23. Mai, 18.30 Uhr zu einem Gesprächsabend rund ums Thema ein. Veranstaltungsort ist die Cafeteria im St. Clemens-Hospital, Wilhelmstraße 34. Anmeldung unter: Tel. 0208 837 4401.

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