Nostalgie

St.-Antony-Fest als Schmelztiegel der Geschichte

Schnnaufende Dampftraktoren zogen beim St.-Antony-Fest am Sonntag Kinder über den Festplatz.

Schnnaufende Dampftraktoren zogen beim St.-Antony-Fest am Sonntag Kinder über den Festplatz.

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE FotoServices

Oberhausen.  Kostümierte Menschen, zischende Dampfmaschinen und Soldaten im Gleichschritt: St.-Antony-Fest entführt Besucher in die Vergangenheit.

Mit sichtlichem Vergnügen beobachtete Gottlob Jacobi am Sonntag das bunte Treiben vor seiner Direktorenvilla. 26 Jahre lang hatte er die Geschicke der St.-Antony-Hütte, des ältesten Eisenwerks an Rhein und Ruhr, gelenkt, bis zu seinem frühen Tod 1823. Alljährlich schickt das LVR-Industriemuseum, das bei ihm eingezogen ist, zum Fest rund um das Industriedenkmal einen als Jacobi kostümierten Gästeführer ins Rennen. Und das kommt an. Tausende Besucherinnen und Besucher kamen auch diesmal, um sich an verkleideten Menschen und zischenden Dampfmaschinen zu erfreuen.

Mit dem Segen der Kirche

Jacobi, in Frack und Zylinder, mischte sich mit vornehmem Gehstock unter die Menschen, suchte das Gespräch mit einem Polizeioffizier und auch mit dem Reporter. „Ich habe mir die modernen Produktionsmethoden alle in England abgeschaut“, gestand der Hüttendirektor. Heute nenne sich das Industriespionage und werde von anderen Ländern betrieben. Weltanschaulich ist der Direktor mit sich im Reinen. Das soziale Elend im Ruhrgebiet, es trat erst lange nach seiner Zeit auf. Schließlich war der Domkapitular zu Münster Begründer „seiner“ Hütte. Die ganze Ruhrindustrie wurde sozusagen mit dem Segen von Mutter Kirche ins Leben gerufen, versprach sie doch neue Einkünfte.

„Wir hatten schon nach einer Stunde 800 Besucherinnen und Besucher“, freute sich Kornelia Panek, Leiterin des Industriemuseums. Beim Hüttenfest im vergangenen Jahr seien es insgesamt 2700 Menschen gewesen. Wie ein Schmelztiegel der Geschichte wirkte das Geschehen auf den Betrachter. Da empfing ein Drehorgelspieler die Gäste mit seinem Spiel. Das aber ging wenige Meter weiter in Jazzmusik aus den 1930er Jahren aus dem Lautsprecher über. Auf den Anhängern zweier Dampfmaschinen fuhren Kinder auf und ab.

Im Gleichschritt marschiert

Gaukler oder wandernde Heiler mit wundersamen Apparaturen waren ebenso gekommen wie eine fein gekleidete Dame mit ihrem hölzernen Fahrrad aus den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts. So mancher Herr in Perücke mit Zopf und Uniform des friderizianischen Zeitalters gab sich die Ehre. Ein Trupp Soldaten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, also 150 Jahre später, zog im Gleichschritt über den Platz. Eine Frau stolzierte stampfend hinterher und parodierte das. Zu Zeiten des Hüttendirektors wäre das Erregung öffentlichen Ärgernisses gewesen.

Mittendrin betreute Herbert Gröne aus dem Kreis Unna seinen kleinen Dampftraktor englischer Herkunft. Seit seinem Ruhestand widmet sich der gelernte Zahntechniker diesem Hobby. Der Traktor verliert Wasser. „Das ist nicht normal“, sagte er. Aber nach der Ursache könne er erst daheim suchen, wenn die Dampfmaschine kalt sei. „Dann nehme ich Pressluft, um die undichte Stelle zu finden.“

Erinnerungen an die Dampflokzeit

Vom fast lautlosen Spiel des Ventils und des Schiebergestänges dieser Dampfmaschine war nicht nur Joachim Winkler aus Buschhausen angetan, der mit seiner Frau über den Platz spazierte. „So etwas zu sehen, interessiert mich“, erklärte er. Es erinnere ihn an seine Jugendzeit. „Wir haben als Jungs immer von der Brücke in Sterkrade auf die Dampfloks heruntergeschaut, die es damals noch gab. Die Lokführer haben dann extra Dampf abgeblasen“, erinnerte er sich.

Herbert Gröne nahm unterdessen wieder auf dem Sitz seines Dampftraktors Platz. Er löste die Bremse, drehte eine Spindel in Richtung Vorwärtsfahrt, betätigte langsam den Dampfregler und setzte sich damit langsam schnaufend durch die Menschenmenge in Bewegung.

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