Friedensdorf Oberhausen

„Sie strahlen ungeheure Lebensfreude aus“

Thomas Jacobs zieht sich als Leiter der Hilfsorganisation Friedensdorf International zurück.

Thomas Jacobs zieht sich als Leiter der Hilfsorganisation Friedensdorf International zurück.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Oberhausen  Thomas Jacobs gibt nach zehn Jahren die Leitung des Oberhausener Friedensdorfes ab. Noch ein Jahr lang wird er in der zweiten Reihe mitarbeiten.

. Der gelernte Baustoffhändler und studierte Sozialpädagoge Thomas Jacobs arbeitet seit 1981 fürs Friedensdorf Oberhausen und leitet seit 2009 die Kinderhilfseinrichtung. Ende Juni legt der bald 65-jährige Duisburger aus Rheinhausen die Führung nieder – eine Doppelspitze übernimmt: Birgit Stifter und Kevin Dahlbruch. Beide sind langjährige Mitarbeiter des Friedensdorfes.

Herr Jacobs, Sie geben nach zehn Jahren das Ruder des Friedensdorfes aus der Hand. Was geht in Ihnen nun vor?

Thomas Jacobs Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich werde mich nun auf ein ganz neues Leben einstellen müssen. Wahrscheinlich habe ich davor mehr Angst als davor, die Leitung abzugeben. Jahrelang gab es für mich keine 40-Stunden-Wochen und keine Feiertage. Da ich aber nicht von 1000 auf Null falle, sondern noch ein Jahr weiterarbeite – nur eben nicht in der Leitung – ist es ein langsamer Abschied. Jetzt werde ich mich vor allem um den Neubau des Operationsraumes im Dorf kümmern. Mit mir scheidet im Grunde eine ganze Generation aus dem Friedensdorf aus. Jede Generation tickt anders. Ich musste erkennen, dass die Jungen eine ganz andere Ansprache brauchen als wir damals. Und die finde ich heute nicht mehr. Mit Kevin Dahlbruch und Birgit Stifter haben wir zum Glück eine gute Lösung für die Leitung des Friedensdorfes gefunden. Beide kennen die Einrichtung seit vielen Jahren sehr gut.

Wenn Sie an die vergangenen Jahre denken, welche Ereignisse werden Ihnen in besonderer Erinnerung bleiben?

Es sind wohl Tausende von Erlebnissen und Eindrücken, an die ich mich erinnern werde. Ganz heftig war es in den Jahren 1984/85, als wir nicht wussten, ob wir das Friedensdorf überhaupt würden retten können. Wir waren de facto pleite. Auch der Tod von Ronald (Anmerkung der Redaktion: Gegenfurtner, 26 Jahre Leiter des Friedensdorfes ) im Jahre 2009 hat mich sehr getroffen. Ein unglaublich bewegendes, positives Ereignis hingegen war, als wir am 24. Dezember 1988 mit der ersten Gruppe afghanischer Kinder nach Deutschland unterwegs waren und wir den hell erleuchteten Kölner Dom überflogen. Da sitzt du mit schwerst verletzten Kindern aus Afghanistan in einem Flugzeug und siehst dieses eindrucksvolle Bild. Ebenso bewegt hat mich der erste Gaza-Einsatz, bei dem wir die Kinder aus dem Sinai holen mussten. Und dann sind da die unzähligen Begegnungen mit einzelnen Kindern aus den Kriegs- und Krisengebieten. Es beeindruckt mich immer, wie sie ihr Schicksal annehmen, nur selten klagen und eine ungeheure Lebensfreude ausstrahlen.

Sie haben gesagt, dass eine solche Aufgabe nicht mit einer 40-Stunden-Woche funktioniert. Was gab Ihnen die Kraft für Ihr Engagement?

Das habe ich nie als Belastung empfunden. Klar, es gab Zeiten, in denen ich körperlich erschöpft war. Das war für mich aber selbstverständlich. Ich kam als junger Kerl aus der Friedensarbeit, wir haben damals riesige Friedensdemos organisiert. Und diese Einstellung wollte ich auch in meinem Beruf leben. Das war für mich immer der Kern meiner Motivation. Und deshalb ist für mich auch unser Friedensdorf Bildungswerk so wichtig. Wir müssen unseren Finger noch viel mehr als bisher in die Wunden unserer Zeit legen – vor allem angesichts aktueller, verhängnisvoller rechtspopulistischer Tendenzen überall.

Welche Aufgaben sehen Sie zurzeit ganz oben auf der Agenda des Oberhausener Friedensdorfes und was werden Herausforderungen der Zukunft sein?

Ganz wichtig ist, dass es gelingt, die Einzelfallhilfe für die Kinder zumindest auf dem heutigen Stand zu erhalten. Das wird sehr schwierig angesichts des zunehmenden Kostendrucks, unter dem die Kliniken stehen. Einen Beitrag dazu wollen wir mit dem Bau eines neuen Operationsbereiches in Schmachtendorf leisten. Kontinuierlich müssen wir die friedenspolitische Arbeit fortsetzen und nach Möglichkeit ausbauen. Und schließlich müssen wir sicherstellen, dass die angestoßenen Projekte in den Heimatländern der Kinder weiter gefördert werden. Die Zahl solcher Projekte haben wir in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Die Projekte helfen, die Lage vor Ort zu verbessern. Wir haben im Friedensdorf nie sehr langfristig geplant, denn wir haben oft erlebt, wie schnell die finanzielle Basis ins Wanken kommen kann. Deshalb planen wir in der Regel nur über zwei bis drei Jahre – von Großprojekten wie Revitalisierung und Operationsraum mal abgesehen.

Wenn Sie im Jahre 2020 endgültig in den Ruhestand gehen – was machen Sie dann mit der vielen freien Zeit?

Da kann ich nur sagen: Kommt Zeit, kommt Rat. Aber eines gilt auch für mich: Einmal Friedensdorf, immer Friedensdorf. Ich werde mich auch im Ruhestand engagieren. Und dann habe ich noch drei Enkel, denen kann ich dann jede Menge Blödsinn beibringen.

Mit einigen Anlaufschwierigkeiten

Bevor Thomas Jacobs die Nachfolge von Ronald Gegenfurtner als Leiter des Friedensdorfes übernahm, mussten sich die Beiden erst zusammenfinden. Jacobs: „Als Ronald Leiter wurde, habe ich gekündigt, weil ich mit ihm nicht arbeiten wollte. Das war im Jahre 1984.“ Ein Mitarbeiter brachte die Zwei dann doch zusammen: „Unser erstes Gespräch dauerte mal locker die ganze Nacht. Dabei hat er mir seine Vision vom Friedensdorf vorgestellt – und ich habe mich da wiedergefunden.“ Jacobs bewarb sich erneut und wurde schließlich 1988 stellvertretender Leiter der Kinderhilfseinrichtung, vor zehn Jahren, im Jahre 2009, dann Leiter.

Mit großer Dankbarkeit denkt er auch an den vor einigen Jahren verstorbenen ehemaligen stellvertretenden Dorfleiter Phung. Der Mann aus Vietnam war gelernter Diplomat: „Mit ihm habe ich häufig philosophische Debatten geführt, bei denen ich viel gelernt habe.“ Ein Dankeschön richtet er an die Städte Oberhausen und Dinslaken: „Oberhausen hat uns vor allem bei der Revitalisierung des Dorfes in Schmachtendorf ungemein geholfen.“

Ferner gilt seine Anerkennung allen ehrenamtlichen Helfern, die im Bundesgebiet die Arbeit der Hilfseinrichtung unterstützen: „Ohne sie würde das nicht gehen.“ Das treffe auch auf die festangestellten Mitarbeiter zu, die die Hilfe für schwer kranke oder verletzte Kinder möglich machen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben