Selbsttest

Schwitzen unter Strom - So fühlt sich ein EMS-Training an

Aber bitte mit Haltung:Trainer Jascha Telaar (li.) erklärt in Oberhausen die Übungen beim EMS-Training, Autor Dirk Hein steht ordentlich unter Strom.

Aber bitte mit Haltung:Trainer Jascha Telaar (li.) erklärt in Oberhausen die Übungen beim EMS-Training, Autor Dirk Hein steht ordentlich unter Strom.

Foto: Tom Thöne

In Oberhausen absolvieren Sportler seltsam anmutende Übungen. Dahinter steckt ein Training mit Elektro-Stimulanz. Wir wagten den Selbstversuch.

Wer schon einmal an der Oberen Marktstraße auf die Straßenbahn gewartet hat, der kennt den Anblick — und die immer gleichen Fragen: Was machen die Leute da in diesen merkwürdigen schwarzen Anzügen hinter den Schaufensterscheiben? Warum gehen sie in die Hocke? Warum sind sie verkabelt und warum starren sie auf einen kleinen Kasten, der ein bisschen wie die Kommandobrücke im Raumschiff Enterprise aussieht?

Um eine wichtige Antwort vorweg zu nehmen: Es geht um Sport. Um elektronische Muskelstimulation genauer gesagt, die meistens nur als EMS abgekürzt wird. Die Franchise-Kette Bodystreet betreibt dort ein Sportstudio, das ich mir genauer anschauen möchte. Schließlich wirbt das Unternehmen mit einer vielversprechenden Botschaft: Schon 20 Minuten Training sollen pro Woche ausreichen.

Fitness-Studio sieht nach Tanz-Club aus

Die Glastür knirscht, meine Gelenke tun es nicht. Das Training soll ja betont gelenkschonend sein. Ein freundlicher Herr mit blonden Haaren und Bart stellt sich vor. Jascha Telaar, der Trainer. Erst müssen wir sprechen, sagt er. Und verschwindet im hinteren Bereich des kleinen Studios.

Während er nach einem Klemmbrett mit Papieren sucht, mustere ich das Ladenlokal.

Sieht es nach Fitnessstudio aus? Gar nicht! Wo sind die Langhanteln? Wo stehen die anderen Folterwerkzeuge, die sonst für Muskelkater und Katzenjammer sorgen? Stattdessen: Stylische Tische, knappe Theken und zentral diese zwei wunderlichen Terminals. Es sieht nach Tanz-Club aus, aber keine anderen Leute sind da. Hmm.

Arme ausstrecken wie Superman

Jascha Telaar taucht wieder auf. Gesundheitsfragen, erkenne ich auf einem Papierbogen. Und es wird eine Menge abgefragt und abgehakt. Vorerkrankungen? Herzschrittmacher, Implantate, Epilepsie? Schwanger? Es wird deutlich: Nicht für jeden eignet sich das EMS-Training. Es folgt weitere Body-Bildung, ich nicke.

Okay. Jetzt geht es für mich hinter die Kulissen. Die Sportklamotten stellt das Studio. Elastische schwarze Trainingshosen. Dinge, die ich schon immer einmal nicht tragen wollte. Die dazu korrespondierende, nicht minder eng anliegende Weste hat ein Innenleben. Überall sitzen Elektroden, die nun mit Pausen niedrigen Reizstrom senden. Warum? Die elektrischen Impulse werden an die Muskeln weitergeleitet, der Muskel zieht sich zusammen. So wie unter Anstrengung. Los Muskel, wachs!

Es wird ernst. Es geht an die „Enterprise“-Steuereinheit, die der Trainer bedient. Viele Knöpfe und Rädchen. Hier lässt sich die Intensität steuern. Jascha Telaar winkelt die Beine an, Arme nach vorne. Körperspannung. Grundstellung! Aha, kaum registriert, fängst es an zu kribbeln. Es fühlt sich an wie ein Ameisen-Haufen beim Betriebsausflug.

20 Minuten, eine Uhr tickt runter. Waren das wirklich erst 30 Sekunden? Telaar zeigt schon die nächste Übung. Und mir wird klar, warum nur zwei Terminals im Studio stehen. Jede Einheit ist ein Einzeltraining. Der Trainer begutachtet die Übungen, korrigiert.

Nichts für scheue Gemüter

Also stehe ich auf einem Bein, strecke wie Superman die Arme nach vorne. Nichts für scheue Gemüter. Ich schaue zur Straßenbahnhaltestelle. Zwei junge Mädels und ein älterer Herr mit Schlapphut und Rollator mustern meine Bewegungen, tuscheln. Lächeln geht bei mir nicht mehr. Trainer Jascha Telaar dreht am Rad. Ich stehe unter Strom. Ein bisschen mehr Impuls, sagt er. Ameisen, überall Ameisen.

Ich zähle die Sekunden. Strom aus! Mein Körper fühlt sich durchgeschüttelt an. Die schwarzen Trainingsklamotten sind ein Fall für die Waschmaschine. Duschen, Nachbesprechung. Haut ganz schön rein? Ja. Denke ich. Muss aber erst einmal durchatmen.

EMS-Training ist nicht für jeden Sportler geeignet

Elektronische Muskelstimulation (EMS) ist in Deutschland ein Fitness-Trend, der auf das Lifestyle-bewusste Publikum mit wenig Zeit zielt. Bei der vergangenen Fitnessmesse „Fibo“ in Köln füllte dieses Verfahren eine ganze Halle mit verschiedenen Anbietern.

Unter Medizinern gibt es recht unterschiedliche Meinungen über EMS, das ursprünglich aus dem Reha-Sport stammt. Während einzelne Experten bei anfälligen Personen eine mögliche Gefahr der Überlastung kritisieren und eher auf klassische Bewegungsübungen verweisen, nennen andere das Training eine effektive und zeitsparende Art, um Muskeln aufzubauen. Manche Leitungssportler nutzen EMS für ein zusätzliches Training.

Den Hausarzt um Rat fragen

Unsichere Anfänger sollten vor einem Training auf jeden Fall ihren Hausarzt um Rat fragen. Bei bestimmten Erkrankungen ist von EMS abzuraten. Der Sportler unterschreibt im Studio ein Protokoll, in dem Vorerkrankungen angegeben werden müssen.

Der Anbieter Bodystreet an der Oberen Marktstraße arbeitet ausschließlich mit Terminen. Das Studio öffnet von Montag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr und am Samstag 10 bis 14 Uhr. Weitere Termine gibt es nach Absprache. Das Training hat seinen Preis: Ein Probetraining kostet mit Gutschein rund 20 Euro. Die Mitgliedspreise beginnen je nach Laufzeit bei 25 Euro pro Woche. Darin enthalten sind Check-Ups, die die Motivation für ein regelmäßiges Training hoch halten sollen und den sportlichen Erfolg überprüfen. Es befinden sich im Studio Umkleidekabinen und eine Dusche. Nach dem Training gibt es einen veganen Eiweiß-Drink.

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