Kurzfilmtage

Schräge Prozession zum Happyland

„Das Renaissance-Genie der Philippinen“ – so präsentierten die Kurzfilmtage in der LIchtburg die filmische Retrospektive von  Khavn De La Cruz. Im Zentrum Altenberg zeigte sich der 44-Jährige als Künstler und Musiker.

„Das Renaissance-Genie der Philippinen“ – so präsentierten die Kurzfilmtage in der LIchtburg die filmische Retrospektive von Khavn De La Cruz. Im Zentrum Altenberg zeigte sich der 44-Jährige als Künstler und Musiker.

Foto: Michael Dahlke

Oberhausen.   Mit einer Prozession vom Hauptbahnhof zum Zentrum Altenberg eröffnete am Freitag die „Happyland“-Ausstellung von Khavn de la Cruz.

Die Bahnhofshalle ist freitagsabends kein Ort der Besinnung. Normalerweise. Denn Reisende passieren sie gewöhnlich zügig. Diesmal aber versammeln sich hier rund 200 Menschen wie zu einer Andacht. Der Strom der Reisenden scheint unterbrochen. In ihrer Mitte: Khavn de la Cruz, das künstlerische Allround-Talent von den Philippinen, Star der 63. Kurzfilmtage.

Der 44-Jährige trägt einen lindgrünen Mantel, auf dem Frösche aufgedruckt sind, und eine kunstvoll gestylte Brille. Umgeben ist er von lauter schrillen Typen, einem Mann mit langen grauen Haaren und einem Mantel aus bunten, aufgedruckten Maskengesichtern und einem Anderen, der unter einem rot-weißen Sternenmantel nur Shorts trägt und dem eine Schlangenfigur um den Hals hängt. Eine Frau trägt ihre Haare schulterlang – aus Stroh, eine andere, mit buntem Strohhut zum passenden Sommerkleid, scheint eine Touristin zu sein. Der Meister hatte diese „Modenschau“ angekündigt.

Musikerinnen stimmen mit Posaune und Trompete eine stetig wiederholte Tonfolge an. Die Klänge einer Röhrenglocke verleihen ihrem Spiel spirituellen Charakter. Im Rhythmus dazu beginnt der Mann mit dem bunten Mantel, sich mit Hölzern an einem Seil über die Schulter auf den Rücken zu schlagen, zu geißeln. Was mag er verbrochen haben, dass er so Buße tut?

Weihrauch wabert vor dem Eingang

Khavn, der Meister, führt jetzt eine Prozession an, die von der Bahnhofshalle durch die Unterführung zum Zentrum Altenberg zieht. Durchs Megafon macht er dabei Ansagen, die aber am Ende des langen Zuges nicht zu verstehen sind.

„Happyland“ liest man von weitem über der sonst so nüchtern wirkenden Halle des Vereins für aktuelle Kunst im Hof der alten Zinkfabrik. So heißt ein Slum-Viertel in Manila. Vor dem Eingang steigt Weihrauch auf, durch den jeder gehen muss, der die Halle betreten will.

Blinkendes Blaulicht flößt der Prozession Achtung ein. Ein Uniformierter kommt ihnen entgegen. In der Hand hält er eine Maschinenpistole aus Holz, dreht an ihrem Kurbelmechanismus, macht damit schnarrendes „Dauerfeuer“.

Als die Letzten der Prozession die Halle erreichen, hat der Meister drinnen längst an einer Orgel Platz genommen und spielt darauf sakrale Musik. Die Band stimmt darin mit ihrer immergleichen Melodie ein. Jetzt ist das große Slum-Wohnhaus bewohnt, das Khavn hier hat errichten lassen. Die Besucher bewegen sich andächtig durch seine Ausstellung, betrachten die Bilder an den Wänden. Man erkennt nackte Prostituierte, gelangt an eine Wand mit Plakaten philippinischer Autokraten und zum Gemeinschaftssarg der Staatsoberhäupter Ferdinand Marcos und Corazon Aquino. Marcos’ Frau Imelda soll 5000 Paar Schuhe besessen haben. Im Slum, die Fotos zeigen es, ist man barfuß unterwegs.

„Ihr habt Glück, ihr seid arm!“

Halt finden die Slum-Bewohner nicht an ihren Potentaten, sondern am Marien-Altar. Und an Einkünften aus dem Tourismus. Eine Photo-Box ist aufgestellt. Zwei Frauen dokumentieren lächelnd mit einer Aufnahme vor Bretterbau-Kulisse, dass sie hier waren.

Khavn de la Cruz hat sein Orgelspiel beendet und hält jetzt eine Ansprache: „You are lucky, you are poor“, ist zu hören. Danach geht es mit rockiger Musik weiter. Der Mann mit der Schlange ist zum Buffet übergegangen. Sein Haar ist in Wellen gelegt. Es scheint, als habe er das Angebot des Allround-Meisters angenommen, sich von ihm die Haare schneiden zu lassen. Der Friseurstuhl ist jetzt aber leer. Und die Weihrauch-Quelle am Eingang entpuppt sich inzwischen als Grill, dessen Spießchen heiß begehrt sind.

Khavns Kino: Familienleben und Gewalt-Groteske

Khavns Oeuvre, heißt es treffend im Katalogbuch der Kurzfilmtage, „ist numerisch ausufernd, dabei gestalterisch unvorhersehbar, dauernd im Wandel“.

Khavns Kunst heißt Geschwindigkeit. Anders ließe sich ein Werkverzeichnis von 150+ Filmen gar nicht erschaffen. Und das hatte schon vor 20 Jahren, als er mit Vaters Video-Kamera drehte, einen rauen Charme: Am Tag bevor die Stromgesellschaft den familiären Hinterhof für eine neue Trasse planieren wird, filmt der Anfänger alles: Küche und Werkstatt, freilaufende Hühner und Hunde im Zwinger – und sieht im Chaos das Leben, wie Khavn de la Cruz es liebt.

Die rhythmische Musik aus Coladose und Sandale nennt der Katalog „zwei Minuten Glaube an das Gute, den Sport und die Fantasie“. Denn der Junge, den die subjektive Kamera erst jubelnd zum Schluss zeigt, schießt sein unhaltbares Tor an Krücken, als Einbeiniger.

Und dann gibt’s den Khavn der Gewalt-Grotesken wie in „Mondomanila“, das die Nase eines großmäuligen Studenten als bizarre Delikatesse in der Suppe zeigt. Grobe, großzügig Kunstblut verkleckernde C-Movie-Ästhetik. Aber selbst hier glänzt das Allround-Talent mit geradezu lyrisch gewählten Worten.

Ein geschichtsbewusster Shakespeare der Bretterbuden und tropischen Wolkenbrüche, der mit „Aswang“ sogar den verschollenen ältesten philippinischen Tonfilm re-imaginierte.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben