Brustkrebs

Sabine Linde ist Oberhausens erste Tastuntersucherin

Auch die Lymphdrüsen werden abgetastet. Findet Sabine Linde etwas Auffälliges, kommt der Arzt zur weiteren Abklärung dazu.

Auch die Lymphdrüsen werden abgetastet. Findet Sabine Linde etwas Auffälliges, kommt der Arzt zur weiteren Abklärung dazu.

Foto: Ayla Yıldız

Oberhausen.   Sabine Linde bietet eine Brustkrebsfrüherkennung der besonderen Art. Dank „Discovering Hands“ fand die Sehbehinderte eine berufliche Perspektive.

Heute morgen hat Sabine Linde eine Postkarte aus Berlin erhalten. Keine Urlaubsgrüße von Freunden, sondern Komplimente einer Patientin – und die gehen runter wie Öl. „Vielen Dank für die kompetente und empathische Untersuchung.“ Jetzt hat die 55-Jährige es schwarz auf weiß: Sie macht ihn richtig gut, ihren neuen Job als Medizinische Tastuntersucherin in der Frauenarztpraxis von Dr. Jörn Cremer in Schmachtendorf. Dabei ist es erst zwei Jahre her, dass sie nach einer dramatischen Diagnose am Boden zerstört war.

Eine totale Netzhautablösung, das muss man erst einmal verkraften. 2017 wurde die bei Sabine Linde festgestellt, es traf die lebensfrohe, voll berufstätige Frau wie aus dem Nichts. Mit einem rechten Auge, das nur noch zum Tunnelblick fähig ist, und dem Abhandenkommen des dreidimensionalen Sehens konnte sie nicht länger ihren Beruf als Hygienefachkraft ausüben. Keine Arbeit mehr zu haben, kam für sie jedoch nicht in Frage. „Ich hätte mich in die Ecke stellen und heulen können“, sagt sie, „aber dann hätte ich zu viel Zeit verloren. Ich war ja schon über 50.“

Auf der Suche nach neuem Sinn

Auf der Suche nach neuem Sinn besuchte Sabine Linde eine Messe für Sehbehinderte. Und fand ein Angebot, das ihr neuen Lebensmut geben sollte: „Discovering Hands“, ein gemeinnütziges Unternehmen, gegründet vom Mülheimer Frauenarzt Dr. Frank Hoffmann. Dieser hatte die Idee, sehbehinderte oder blinde Frauen zu Medizinischen Tastuntersucherinnen auszubilden. Weil bei ihnen der Tastsinn oftmals ausgeprägter ist als bei normal Sehenden, sollen sie mögliche Veränderungen im Brustgewebe frühzeitig erkennen. Eine Aufgabe, die zwar der Gynäkologe routinemäßig durchführt, für die er sich jedoch längst nicht so viel Zeit nehmen kann wie die Frauen von „Dis­covering Hands“.

„Im Normalfall haben wir eine bis zwei Minuten Zeit dafür“, sagt Jörn Cremer. Der Mediziner bietet seinen Patientinnen seit drei Monaten Termine mit Sabine Linde in seiner Praxis an. Für Frauen ab 50 gebe es die Mammografie, ein radiologisches Diagnoseverfahren für Brustkrebs. Doch das sei schmerzhaft und auch umstritten: „Es gibt eine hohe Fehlerquote.“ Und die Frauen unter 50 Jahren, auf die laut Discovering Hands etwa 20 Prozent der Brustkrebserkrankungen entfallen, die fielen durchs Raster. Die Arbeit der Tastuntersucherin mit ihren sensiblen Händen sei deshalb sehr wertvoll – auch wenn sie die Mammografie nicht ersetze: „Die ganz frühen Anzeichen von Krebs kann man nur da sehen, aber sie kann einen Knoten sehr früh entdecken, bevor die Krankheit streut.“

Auf der Suche nach diesen Knoten tastet sich Sabine Linde nun tagtäglich mithilfe eines Diagnosestreifens durch weiches und festes Brustgewebe, 30 bis 60 Minuten lang. Beim Plaudern versucht sie den Frauen die Angst zu nehmen, auch das gehört zu ihrem neuen Job. „Ich hatte auch schon eine Patientin, die eingeschlafen ist“, erzählt sie. Die Atmosphäre von Frau zu Frau scheint zu stimmen.

>>> 46,50 Euro pro Sitzung

Etwa 70 000 Frauen erkranken jährlich in Deutschland an Brustkrebs. Eine frühzeitige Behandlung verbessert die Überlebenschancen erheblich, doch Angebote zur Früherkennung sind laut „Discovering Hands“ nicht optimal. Die Mammografie wird erst ab 50 Jahren angeboten, die Tastuntersuchung durch den Arzt unter hohem Zeitdruck durchgeführt. Ihre Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTU) könnten etwa 30 Prozent mehr und viel kleinere Gewebeveränderungen (6 bis 8 Millimeter) finden als Ärzte (1 bis 2 Zentimeter).

Mit der Ausbildung von sehbehinderten und blinden Frauen will das mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Unternehmen zugleich ein sinnvolles Betätigungsfeld für Menschen mit Behinderung schaffen. Derzeit sind 30 MTU an 40 Standorten in Deutschland beschäftigt. Die Kosten von 46,50 Euro pro Untersuchung werden von zwölf gesetzlichen Krankenkassen und allen privaten Versicherern übernommen. Informationen zur neunmonatigen theoretischen und praktischen Ausbildung gibt es auf www.discovering-hands.de.

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