Extrembergsteiger

Reinhold Messner verrät, wie er bestattet werden möchte

War ein wenig überrascht über die Kälte im Oberhausener Gasometer: Extrembergsteiger Reinhold Messner am Mittwochabend im Gasometer bei der Ausstellung „Der Berg ruft“. Als erster Mensch stand er im Alleingang auf den höchsten Gipfeln der Erde. Er bezwang alle Achttausender, durchquerte die Antarktis, die Wüste Gobi und die Taklamakan.

War ein wenig überrascht über die Kälte im Oberhausener Gasometer: Extrembergsteiger Reinhold Messner am Mittwochabend im Gasometer bei der Ausstellung „Der Berg ruft“. Als erster Mensch stand er im Alleingang auf den höchsten Gipfeln der Erde. Er bezwang alle Achttausender, durchquerte die Antarktis, die Wüste Gobi und die Taklamakan.

Foto: Gerd Wallhorn / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Der Welt-Bergsteiger Reinhold Messner vergleicht im Gasometer seine Heimat Südtirol mit dem Ruhrgebiet – und gibt private Geheimnisse preis.

Über den Köpfen hängt die Spitze des Matterhorns, der Hall des Beifalls prallt von den stählernen Wänden gleich mehrfach verzögert ab, auf der Filmleinwand sind tief verschneite Berge der Welt zu sehen und die Temperatur nimmt von Minute zu Minute eisigere Züge an – selbst der so weit gereiste Abenteurer und Bergsteiger Reinhold Messner ist überrascht, wie gut man sich im Oberhausener Gasometer, der 118 Meter großen schwarzen Tonne, in luftige Höhen versetzen kann.

„Denken Sie sich jetzt einfach ins Gebirge, die Temperatur hier stimmt ungefähr“, sagt Messner im Laufe seines fast zweistündigen Vortrags über sein abenteuerliches Leben vor 450 Zuhörern. Die sitzen auf Kissen und lauschen den philosophischen Lebensweisen, skurrilen Anekdoten, traurigen Schicksalen und gruseligen Erlebnissen des gerade 75 Jahre alt gewordenen Südtirolers voller Andacht in dieser Industrie-Kathedrale.

Ein wenig eingestimmt auf seinen Vortrag unter dem Titel „Über-Leben“ hat sich Messner zuvor bei einem privaten Rundgang durch die Ausstellung. Es ist schon anrührend zu sehen, wie genau sich der „berühmteste Bergsteiger unserer Zeit“ (Gasometer-Chefin Jeanette Schmitz) die großformatigen Bilder vom Matterhorn und Everest anschaut – der Extrem-Spezialist kennt schließlich die Auf- und Abstiege so vieler berühmter Haufen Stein und Schnee hautnah.

Später beschreibt er, wie er beim alpinen Klettern eins wird mit dem Berg. „Es gilt, alles zu vergessen und selbst Fels zu werden. Nach langer Zeit der vollen Konzentration erreicht man einen Flow-Zustand: Finger und Fels werden eins.“

Was Messner über das Ruhrgebiet denkt

Plaudert man mit dem Schloss-Besitzer bei seinem Rundgang im Gasometer ein wenig über seine Eindrücke übers Ruhrgebiet – schließlich war er bereits vier Mal Redner im Gasometer Oberhausen –, dann zieht er eine erstaunliche Parallele zu Südtirol.

„Das Ruhrgebiet kann man ähnlich schwer bereisen wie meine Heimat – man steht hier ständig im Stau und schadet der Umwelt. Das Ruhrgebiet benötigt ein ganzes Logistikteam von außen, um zu lösen, wie man hier besser von A nach B kommt.“ Insgesamt aber habe sich das Ruhrgebiet in den vergangenen Jahrzehnten „gut gemausert“. Das sei aber auch dringend notwendig gewesen. „Das Ruhrgebiet war gezwungen, sich zu ändern und jetzt ist es sehr ansehnlich.“

Wenn man es nur nüchtern betrachtet, zeigt Messner auf seinen Vortragsreisen eigentlich nur ein paar Diabilder und Kurzfilme aus seinem Leben als Alpinist, Wüsten-, Antarktis-Wanderer, demonstriert die Schönheit und Todesgefahr der Gebirge. Um zu faszinieren, benötigt dies der immer noch fit wie ein Bergschuh wirkende 75-Jährige aber nicht: Allein seine Erzählung selbst, seine Lebensgeschichten, seine angenehme Bass-Stimme schlagen in den Bann – und seine eigene reflektierte Distanz zu seinem lebenslangen Abenteuer-Job im lebensgefährlichen Hochgebirge. „Ein normaler Mensch geht nicht dahin, wo man umkommen könnte. Ich warne davor, mich nachzumachen – das ist vor allem gegenüber den Angehörigen unverantwortlich.“

Aber offenbar kann man im Extremen zu Erkenntnissen kommen, die viele Flachlandtiroler für ihr meist langweiligeres Leben als nützlich empfinden. Nicht ohne Grund wird Messner auch gerne als Manager-Trainer gebucht, sind seine Vorträge ausverkauft. „Sich selbst einzuschätzen, was man mit seinen Fähigkeiten gerade noch bewältigen kann, ist das Wichtigste.“ „Es gibt keinen Bergsteiger, der keine Angst hat. Ich brauche ja nur Mut, wenn ich Angst habe.“ „Jede Generation hat eine unmöglich zu besteigende Wand, die die nächste Generation möglich macht.“ „Der Alpinist geht dahin, wo keiner ist, der alpine Tourist dorthin, wo alle anderen sind.“ „Ich bin kein besonders guter Kletterer, aber ich habe einen Instinkt, der mich in den Bergen leitet.“ „Im Gebirge erfährt man, wie klein der Mensch ist.“ „Im Angesichts des Todes ist das Leben absurd.“

Extremsportler Messner kann vieles, aber nicht schwimmen

Vielkönner Messner gibt auch überraschende Schwächen („Ich kann nicht schwimmen, ich darf in keinen Bergfluss fallen“) und ziemlich private Wünsche preis – etwa wie er bestattet werden will. Sein Vorbild ist die buddhistische Himmelsbestattung in Tibet: Angelockte Geier fressen den Leichnam nach einer Zeremonie in minutenschnelle – das Fleisch löst sich auf, kehrt zurück als Teil der Natur. Mit dem ihm eigenen Humor setzt er hinzu: „Ich weiß aber nicht, ob die EU die Einfuhr so vieler Geier erlaubt.“

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