Bezirksvertretung Sterkrade

Rätsel um Fällung eines 100 Jahre alten Silberahorns gelöst

Von dem stattlichen Silberahorn an der Otto-Weddigen-Straße blieb im Juni dieser Stumpf übrig. Er stand fünf Meter von der Hausgrenze entfernt auf städtischem Grundstück.

Von dem stattlichen Silberahorn an der Otto-Weddigen-Straße blieb im Juni dieser Stumpf übrig. Er stand fünf Meter von der Hausgrenze entfernt auf städtischem Grundstück.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Mit acht Fragen an die Stadt wollten Anwohner in Sterkrade die Hintergründe einer kuriosen Baumfällung erforschen. Zunächst mit mäßigem Erfolg.

Die Anwohner der Otto-Weddigen-Straße nahe der Sterkrader Innenstadt haben ihn geliebt: den herrlich-stattlichen, rund 100 Jahre alten Silberahorn. Er war ein Prunkstück der kleinen Siedlung – doch im Juni ist er überraschend mit mächtigen Sägen gefällt worden. Die Nachbarn empörten sich nicht nur im Sommer in aller Öffentlichkeit. Denn es blieb lange Zeit ein Rätsel, warum der Ahorn sterben musste. War es Willkür? War die Feuerwehr als Ratgeber nur vorgeschoben? Hat die Politik getrickst?

Selbst eine Einwohnerfragestunde und eine anschließende weitere Diskussion in der Bezirksvertretung brachten nicht die wahren Auslöser der so brutal wirkenden Fällaktion ans Tageslicht. Nicht nur die anwesenden Anwohner, sondern auch andere hatten den Eindruck, hier würden Tatsachen verschleiert, extra viele Nebelkerzen von Fachleuten und Politikern gezündet. So waberten wilde Gerüchte durch Sterkrade. Doch nun ist das Rätsel einigermaßen gelöst – hartnäckiges Nachfragen der Redaktion brachte nach Wochen ans Tageslicht: Ein alter Fluchtlinienplan von 1954 ist für den Tod des schönen Baumes verantwortlich.

Feuerwehr gab den Ausschlag

Die Anwohner hatten sich vor allem daran gestoßen, dass es nach den Stellungnahmen der Stadt die Feuerwehr gewesen sein soll, deren Empfehlung die Fällung auslöste. Der Silberahorn stand an einem Grundstück, auf dem bereits die Baugrube für das genehmigte Mehrfamilienhaus ausgehoben wurde, als die Baukommission der Bezirksvertretung die Lage prüfte. Denn der Eigentümer hatte einen Antrag auf Fällung des Baumes gestellt. Die üppige Krone ragte weit ins Grundstück hinein. Er stand nur fünf Meter von der Hausgrenze. Vor Ort zeigte sich: Der Baum versperrte den sogenannten zweiten Rettungsweg aus dem Gebäude, wenn er stehen bleiben würde. Für die Feuerwehr wäre es nahezu unmöglich, eine Drehleiter aufzustellen. Für die Baumkommission war das Grund genug, der Fällung zuzustimmen.

Da sie aber nur eine Empfehlung abgeben durfte, weil eigentlich die Bezirksvertretung selbst zuständig war, sahen Bezirksbürgermeister Ulrich Real (SPD) und Holger Ingendoh (CDU) höchste Eile für geboten. Sie wollten die Bauarbeiten nicht behindern und segneten die Fällung als Angelegenheit von „äußerster Dringlichkeit“ per sogenanntem Dringlichkeitsentscheid ab. Das ist in bestimmten Ausnahmefällen zulässig, wenn die Bezirksvertreter ihre Entscheidung nachträglich genehmigen. Der Baum wurde quasi über Nacht gefällt.

Lauxen: keine Gefälligkeiten

In der Einwohnerfragestunde ging es vor allem um die Frage, wieso die Feuerwehr überhaupt ins Spiel kam. Die Bürger hatten den Verdacht, sie könnte vorgeschoben worden sein, um die Fällung zu rechtfertigen. Beigeordnete Sabine Lauxen wies diesen Vorwurf zurück, man habe dem Bauherrn eine Gefälligkeit erweisen wollen.

Die Vertreter der Feuerwehr erklärten ihr ungewohntes Erscheinen beim Ortstermin damit, dass sie bis dahin nicht mit dem Fall befasst waren. Tatsächlich muss nach den Brandschutzvorschriften beim Bau von normalen Wohngebäuden die Feuerwehr nicht eingebunden werden – ein Gutachten eines staatlich anerkannter Brandschutzexperten würde reichen. Doch in diesem Fall gab es gar kein solches Papier, das genug Platz für die Drehleiter vor dem Haus bescheinigte.

Erst weitere Recherchen brachten Klarheit: Ein uralter Fluchtlinienplan von 1954, Vorläufer der heutigen Bebauungspläne, sieht eine zwingende Baulinie entlang der Straße vor. Die Bauherren müssen ihre Häuser direkt an dieser Linie errichten. Deshalb geriet der Baum zu nah ans Haus. Das Amt oder die Bezirksvertreter hätten ihn nur retten können, wenn sie die Baulinie zurückgenommen hätten. Aber über solche Bauprojekte werden die Lokalpolitiker, anders als in der Nachbarstadt Duisburg, in der Regel nicht informiert.

Ein sogenannter kleiner Sonderbau

Dass die Feuerwehr doch ins Spiel kam, lag nach Auskunft von Stadtsprecher Martin Berger daran, dass es sich bei dem geplanten Gebäude an der Otto-Weddigen-Straße nicht um ein normales Mehrfamilienhaus handelt, sondern um einen sogenannten kleinen Sonderbau mit Publikumsverkehr. Für solche Sonderbauten ist die Feuerwehr zuständig – sie wurde hier aber irrtümlicherweise zunächst nicht eingebunden. Mit dem späten Ortstermin wurde das, so Berger, nachgeholt.

Jens Carstensen (Linke Liste) zog bei der Aktuellen Stunde für sich das Fazit, es wäre wohl sinnvoll, wenn die Baumkommission direkt im Zusammenhang mit Baugesuchen ihre Besichtigungen durchführen würde und nicht erst nach bereits erteilter Baugenehmigung. Dazu kam Widerspruch von Birgit Axt (Grüne), das könne man nicht leisten. Ulrich Real hielt schon in der Sitzung alle Fragen für beantwortet. Die Anwohner nicht.

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