Westwind-Festival

Ovationen für clowneske Bewegungswunder im Theater

Bewegungswunder und stoische Clowns: Guillaume Martinet und Eric Longequel sowie David Maillard, der Live-Musiker und Regisseur im Hintergrund, begeisterten als Compagnie Defracto das Große Haus. 

Bewegungswunder und stoische Clowns: Guillaume Martinet und Eric Longequel sowie David Maillard, der Live-Musiker und Regisseur im Hintergrund, begeisterten als Compagnie Defracto das Große Haus. 

Foto: Pierre Morel / westwind

Oberhausen.  Mit dem Jonglage-Programm „Flaque“ entzückt die Compagnie Defracto das Festival-Publikum. Jung und Alt freuen sich im Theater an großer Artistik.

Dreimal setzt das entzückte Publikum im fast ausverkauften Großen Haus des Theaters an zu tosendem Applaus – und dreimal legen die Bewegungswunder der Compagnie Defracto noch eine Pointe nach, jagen sogar bis hinauf in die Loge – und stolpern wieder zurück auf die Bühne. Mit ihrer gut einstündigen Show „Flaque“ hatten die französischen Artisten für einen in jeder Hinsicht bezaubernden Ausklang des „Westwind“-Festivalsonntags gesorgt.

Dabei provoziert zumal der stoppelbärtige Eric Longequel mit seinem Stoizismus zunächst Skepsis: Mit leerem Blick mampft er eine Banane – ja, sie wird noch mitspielen beim ältesten aller Slapstick-Gags. Sein „Welcome to the Show“ klingt alles andere als enthusiastisch. Aus dem Saal ruft ein Kind „Ich will auch eine Banane“ – doch dann legen Eric und sein kongenialer Partner Guillaume Martinet schon los.

Sie fangen Tennisbälle, als wären sie ihnen angeklebt

Sie lassen sich schütteln wie Schlenkerpuppen. Die Körpermechanik eines normalen menschlichen Skelett- und Gelenk-Systems scheint für diese beiden Gummimenschen nicht zu gelten. Und mit diesem wilden, scheinbar willenlosen Geschlenker fangen sie Tennisbälle, als wären sie ihnen in die Hände geklebt.

Diese sich immer wieder beschleunigende oder plötzlich verlangsamende Artistik mit einem mimischen Understatement, als wären Jacques Tati und Buster Keaton gemeinsam am Werk, massiert dem Zuschauer früher als später ein Dauergrinsen ins Gesicht. Da scheinen die Tennisbälle der Jongleure in der Luft zu stehen – und stattdessen schmeißen sich Eric und Guillaume durch den Raum. Selbst den Jüngsten im Publikum dürfte staunend klar sein, dass sie hier große Artistik erleben.

Bestimmt hundertmal werfen die beiden Genies der Ausdauer und Variation ihren Ball rechtshändig unter der linken Achsel über die Schulter: eine schwindelig machende Kreisbewegung, zu der sie einander auch noch rennend umrunden. Irgendwann fliegt sogar der Laptop ihres Live-Musikers und Regisseurs David Malliard – und wird natürlich sicher gefangen. „Das ist echt“, staunt ein fassungsloser Junge.

Aus der vermeintlich simplen Jonglage mit drei Bällen machen die Drei eine fast schon existenzialistisch anrührende Nummer von höchster Rasanz, unterlegt von einem ungemütlichen elektronischen Brummen: Immer wenn einer dem anderen den dritten Ball wegschnappt, lässt sich dieser „in Ohnmacht“ fallen. Ein Fallen, Aufstehen, Rennen, Jonglieren von unfassbarer Rasanz und choreographischer Finesse. Guillaume, das große Kind mit einem Afro, der den Stauneblick noch betont, rutscht vom Parkett sogar über den Bühnenrand hinaus.

Bäuchlings agil wie Seehunde

Aber diese höchst lebendigen Marionetten scheinen ja – wie alle großen Slapstick-Künstler – unverletzlich. Selbst ermattet auf den Bühnenbrettern liegend, jonglieren sie weiter. Und zeigen sich sogar bäuchlings agil wie junge Seehunde.

Im Angesicht der stehenden Ovationen zum Schluss zeigt sich selbst Eric nicht mehr ganz so stoisch: „Dankeschön“, sagt er auf Deutsch. „Jetzt kann die Show beginnen!“

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