Sterben

Oberhausener können eigene Trauerfeier zu Lebzeiten sehen

Im Trauerbüro vor der Herz-Jesu-Kirche können Besucher ihre eigene Zeremonie für die Theater-Inszenierung „Sterben in Oberhausen“ planen. Damit erinnern die Macher auch an den verstorbenen Oberhausener Künstler Christoph Schlingensief. 

Im Trauerbüro vor der Herz-Jesu-Kirche können Besucher ihre eigene Zeremonie für die Theater-Inszenierung „Sterben in Oberhausen“ planen. Damit erinnern die Macher auch an den verstorbenen Oberhausener Künstler Christoph Schlingensief. 

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  In einem Trauerbüro am Altmarkt in Oberhausen können Besucher ihre eigene Trauerfeier planen – und anschließend auf einer Bühne sehen.

Nirgends wird mehr gelogen als auf Beerdigungen. Und wer behauptet, schon immer ohne jede Hemmung über den Tod plaudern gekonnt zu haben, der flunkert häufig nicht minder. Der etwas abgehangene Spruch, der postum verteilte Lobhudeleien an den Verstorbenen auf die Schippe nimmt, ist wahrscheinlich eine der wenigen Ausnahmen. Viele hätten die anerkennenden Worte wohl sowieso lieber zu Lebzeiten gehört. Bei der Trauerfeier ist es zu spät – zumindest bis jetzt: In Oberhausen gibt es Trauerfeiern für Lebende.

Das Theater Oberhausen startet eine außergewöhnliche Inszenierung, genauer gesagt: das Regieduo Saskia Kaufmann und Raban Witt. „Sterben in Oberhausen“ lautet der Titel und bringt damit ein Tabuthema auf die Bühne. Dafür öffnet das Schauspielhaus ab sofort bis zum Sonntag, 1. November, ein Trauerbüro im Herzen der Oberhausener Innenstadt. Die Anfangsstation einer, streng genommen, zweiteiligen Angelegenheit.

Trauerfeier soll Solidarität zwischen Menschen stiften

Einer der unscheinbaren Pavillons neben dem Altmarkt ist dafür gründlich umgebaut worden. Wer ihn betritt, der steht vor einem schmalen Glastisch. Dahinter schimmert durch eine durchsichtige Gardine in violetter Neonschrift: „Erobert euer Grab!“ Vor den Toren der Herz-Jesu-Kirche öffnen sich von Dienstag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr für Besucher die Trauerbüro-Türen.

Wer hinterher auf der großen Theaterbühne betrauert werden möchte, kann sich hier anmelden. „Die Menschen erzählen aus ihrem Leben“, sagt Saskia Kaufmann. Vorlieben, Sehnsüchte, Anekdoten und persönliche Lebenswege werden aufgeschrieben. Das Ensemble baut dies hinterher in die Aufführung ein. 18 davon sind geplant.

Jede einzelne Zeremonie bleibt natürlich nicht für Außenstehende verborgen. Wer die Trauerfeier eines anderen Menschen besuchen möchte, kann sich beim Theater Oberhausen telefonisch, über das Internet oder an der Kasse für 5 Euro eine Eintrittskarte kaufen. Nichts ist umsonst, nicht einmal der Tod: Für den Betrauerten kostet es 10 Euro.

„Sterben in Oberhausen“ steuert auf keine verletzende Grenzüberschreitung hin, sondern möchte Solidarität zwischen den Menschen stiften. Die Inszenierung soll den Blick auf das eigene Leben schärfen – und anregen, etwas mit seinem wertvollen Leben anzufangen. Immersives Theater heißt das. Die Grenze zwischen Schauspiel und Besuchern wird aufgehoben.

Schlingensief ließ Altar aus Herz-Jesu-Kirche nachbauen

Zum ersten Mal wird „Sterben in Oberhausen“ vom Freitag, 23. Oktober, bis Sonntag, 25. Oktober, zum Kultur-Festival „Schlingensief 2020“ auf die Bühne gebracht. Die Klammer zum verstorbenen Allround-Künstler aus Oberhausen ist eng. Christoph Schlingensief inszenierte im Jahr 2008 „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ und ließ dafür den Altar und Innenraum der Herz-Jesu-Kirche, in der er selbst als Messdiener stand, nachbauen.

Damit nahm Schlingensief seine eigene Trauerfeier vorweg, die zwei Jahre später tatsächlich in der Herz-Jesu-Kirche gehalten wurde. Im August 2010 starb der Oberhausener Filmemacher und Künstler an Lungenkrebs.

Ein Video-Mitschnitt von „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ wird am Samstag, 24. Oktober, ab 19 Uhr in der Herz-Jesu-Kirche vorgeführt. Der Eintritt ist frei. Die Inszenierung zeigte Schlingensief ursprünglich vor zwölf Jahren bei der Ruhrtriennale. Sie wurde von der Neuen Zürcher Zeitung als eine seiner dichtesten, besten Arbeiten geadelt.

Damals zitierte Schlingensief einen Satz des Kunsttheoretikers Joseph Beuys: „Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt.“

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