Kunst in Oberhausen

Oberhausen: Niebuhrg-Ausstellungen sind „Zum Sterben schön“

Wie einen japanischen Schrein inszeniert Frank Gebauer sein Callas-Porträt in der Niebuhrg. Die Arbeit heißt „Harakiri – zum Sterben schön".

Wie einen japanischen Schrein inszeniert Frank Gebauer sein Callas-Porträt in der Niebuhrg. Die Arbeit heißt „Harakiri – zum Sterben schön".

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Frank Gebauer zelebriert japanische Morbidität: „Harakiri“. Die Galerie Underground erkundet das deutsche Schicksalsdatum mit „Eleven Nine“.

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Schwerste deutsche Schicksalstage und die Schönheit des Sterbens – wer mit solchen Ausstellungsthemen aufwartet, sollte doch bitte zum ersten Advent die morbide Kunst wieder einpacken? Frank Gebauer und seine Mitstreiter in der Niebuhrg halten sich nicht daran – und sie haben recht: Sowohl in der Galerie Underground im schmalen Kellergang unter der einstigen Concordia-Lohnhalle als auch im lichten Entree des Theaters in der Niebuhrg zeigen sich bezwingende Werke, die mit tannengrüner Idyllik allerdings nichts zu tun haben.

Frank Gebauer, der Pop-Art-Provokateur im Kreis der Kunstinitiative Ruhr, nennt die Werkschau von zwölf Kreativen in Umkehrung der gängigen „Nine Eleven“-Formel für den 11.9.2001 nun „Eleven Nine“: jenes deutsche Datum, über das ganze Bibliotheken geschrieben wurden. Von der Ausrufung der ersten deutschen Republik 1918 über den Hitler-Putsch 1923 bis zu den Pogromen 1938 – auf deren Folgen sich die meisten Arbeiten beziehen.

„Das schwarze Becken“ zeigt das Freibad der SS-Wachleute

Gebauer selbst schuf eine großformatige Collage, die Weimarer Klassik in Gestalt des Goethe-Schiller-Denkmals mit dem Portal des nahen KZ Buchenwald vereint. Ganz unbearbeitet zeigt er im Foyer ein unfassbares Foto aus der Gedenkstätte Auschwitz, er nennt’s „das schwarze Becken“: Es zeigt das Freibad der SS-Wachleute, links ihre Backstein-Kasernen, rechts der Stacheldrahtzaun des Vernichtungslagers.

Seinem Foto-Kollegen Joachim Dudek will der Ausstellungsmacher zur Finissage einen „Atelierpreis“ verehren: So schlicht, novemberdunkel, aber anspielungsreich sind die Aufnahmen, etwa jene sturmgepeitschter Äste mit dem Titel „Wer Wind sät . . .“ Stolz weist Frank Gebauer auf zwei kleine Gemälde des 78-jährigen Duisburgers Wolfgang Gritschke, der mit einem Blick wie Chagall zwei Rabbiner porträtierte.

Hochästhetisches Miteinander von Todesangst und herber Landschaft

„O schaurig ist’s über’s Moor zu gehen“: Damit gruselte Annette von Droste-Hülshoff etliche Schüler-Generationen. Auch Frank Gebauer und Claudia Wädlich als Lyrikerin zelebrieren in der Niebuhrg-Lohnhalle ein hochästhetisches Miteinander von Todesangst und herber Landschaft: In Doppelungen und achsensymmetrischen Spiegelungen erhebt der Fotograf schüttere Ruhrgebiets-Gehölze zum „Selbstmöderwald“. Mit dem „Waldpoem“ der Oberhausener Autorin wird daraus demnächst ein Fotokunstbuch.

Doch diese Einzelausstellung Gebauers heißt nicht leichtfertig „Harakiri – zum Sterben schön“: Denn im Mittelpunkt steht die Andeutung eines Torii, jenes elegant geschwungenen Portals, wie es in Japan die Grenze zwischen profaner und sakraler Welt markiert: Hier rahmt es ein Porträt der Diva Maria Callas – und steht in Sichtachse zu einem besonderen Schrein aus einem verrotteten Aktenschränkchen zwischen zwei alten Schreibmaschinen: Die in die Walzen eingespannten Gedichte heißen „Hiroshima“ und „Nagasaki“.

Frank Gebauer wäre allerdings nicht der rasant arbeitende Pop-Art-Porträtist, wenn er sein strenges Thema wirklich durchhalten könnte. Etliche Bilder sind viel mehr eine Feier des Lebens als ein „Memento mori“. Sei es die als 80-jährige Bürgerrechtlerin ungemein hoheitsvolle Nichelle Nichols (die meisten kennen sie als „Lieutenant Uhura“) oder die barocken inszenierten Fotos im Look von Velazquez und Vermeer: Diese Schönheit kann gar nicht des Todes sein.

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