Betuwe-Sicherheit

Behörden grübeln über schnelle Abschaltung der Oberleitung

Die Abschaltung und Erdung der Oberleitung nach Unglücksfällen an der künftig dreigleisig ausgebauten Betuwe-Linie stellt ein zentrales Sicherheitsproblem dar.

Die Abschaltung und Erdung der Oberleitung nach Unglücksfällen an der künftig dreigleisig ausgebauten Betuwe-Linie stellt ein zentrales Sicherheitsproblem dar.

Foto: Kerstin Bögeholz

Oberhausen.   Bei Bahnunfällen wird der Einsatz der Rettungskräfte unnötig verzögert. Schuld sind veraltete Vorschriften zum Arbeiten unter dem Fahrdraht.

Sie ist die bedeutendste Güterbahn in Europa, die Verbindung zwischen den beiden Häfen von Rotterdam und Genua in Italien. Und sie, die sogenannte Betuwe-Route, durchquert, von Emmerich kommend, Oberhausen. Von zwei auf drei durchgehende Gleise wird sie in den nächsten Jahren ausgebaut. Damit soll sie für das Transportaufkommen der Zukunft gewappnet sein. Über wichtige Gesichtspunkte der Sicherheit wurde im März 2017 zwischen den Verantwortlichen Einigkeit erzielt. Ein Sicherheitsproblem aber ist bis heute ungelöst: die schnellstmögliche Abschaltung und Erdung der Oberleitung nach einem Zugunglück.

Sie ist immer dann nötig, wenn die Oberleitung mit ihren 15.000 Volt Spannung abgerissen wird. Nur erledigen die örtlichen Feuerwehren diese Aufgabe nicht selbst. Aber: Ohne Erdung können sie nicht arbeiten, das wäre zu gefährlich.

Notfallmanager der Bahn kommen zu spät

Zuständig für die Erdung der Oberleitung ist der Notfallmanager der Bahn. So sieht es eine Vereinbarung zwischen den Innenministern der Länder und der Deutschen Bahn von 1998 vor. Demnach hat sich die Bahn verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ihr Notfallmanager den Feuerwehren spätestens 30 Minuten nach seiner Alarmierung zur Verfügung steht.

Genau daran setzt die Kritik an der über 20 Jahre alten Regelung an. Denn erstens gilt für die Feuerwehren heute eine Alarmierungszeit von etwa acht Minuten. Und zweitens haben sich in letzter Zeit die Unglücksfälle gehäuft, bei denen die Notfallmanager nicht einmal die 30 Minuten eingehalten haben oder sehr lange gebraucht haben, bis die Oberleitung geerdet war und die Einsatzkräfte ungehindert arbeiten konnten.

Feuerwehren üben Kritik

Zum Beispiel beim Auffahrunfall eines Regional-Expresszuges auf einen Güterzug bei Meerbusch am 5. Dezember 2017. 105 Minuten dauerte es damals, bis die Einsatzkräfte den Verletzten im Zug Hilfe leisten konnten. Oder beim Brand eines Güterzuges bei Unkel am Rhein am 7. Februar. Dabei vergingen anderthalb Stunden, ehe die Feuerwehr löschen konnte. Aus dem Schwelbrand war da längst ein Großbrand geworden.

Entsprechend sparten weder die Feuerwehren noch der Verband der Bürgerinitiativen (BI) entlang der Betuwe-Linie nicht an Kritik. Wiederholt forderten die BI vom NRW-Innenministerium, sich konsequent für eine Änderung des Notfallmanagements einzusetzen. Entweder, indem die Anzahl der Notfallmanager der Bahn so stark erhöht wird, dass sie überall kurz nach der Feuerwehr eintreffen können. Oder indem nach dem Vorbild des niederländischen Abschnitts der Betuwe-Linie, der bereits seit 2007 in Betrieb ist, die Feuerwehren selbst an die Oberleitung gehen können.

Weitere Treffen im Sommer

Wie eine Nachfrage beim NRW-Innenministerium ergab, ist das Problem längst erkannt. Seit 2018 wird dort daran gearbeitet, die Vereinbarung mit der Bahn von 1998 zu ändern. Dazu wurde in einer Arbeitsgruppe mit den 15 anderen Innenministerien vorberaten. Ende 2018 gab es ein erstes gemeinsames Treffen mit der Deutschen Bahn AG und dem Eisenbahnbundesamt. Das Amt ist die Aufsichtsbehörde für den Bahnverkehr.

Alle möglichen Lösungen würden durchgespielt, berichtete eine Sprecherin. Noch würde sich keine Lösung abzeichnen. Im Sommer seien weitere Treffen geplant. Je früher eine Einigung zustande käme, desto eher könnte sie beim Ausbau der Betuwe berücksichtigt werden.

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