NOSTALGIE

1897 begann die Geschichte der Straßenbahn in Oberhausen

Eine Straßenbahn der „Linie 17“ der „Vestischen“ 1968 an der Stadtgrenze zu Bottrop.

Foto: Michael Dahlke

Eine Straßenbahn der „Linie 17“ der „Vestischen“ 1968 an der Stadtgrenze zu Bottrop. Foto: Michael Dahlke

Osterfeld/Sterkrade.   Auf der „Sterkrader Linie“ fuhren die ersten „Elektrischen“ im heutigen Oberhausener Norden. Ihr Aus kam in den 70er Jahren.

Vier Straßenbahnlinien haben einmal das nördliche Stadtgebiet erschlossen. Aber als sich fast jeder Haushalt ein Auto leisten konnte, da haben die politisch damals Verantwortlichen sie alle aufgehoben. Im Stadtbild erinnert heute fast nichts mehr daran.

Der Bottroper Klaus Giesen hat nicht nur drei Bücher über Straßenbahnen im Ruhrgebiet veröffentlicht. Er hat sich von Kindesbeinen an zum Experten dafür entwickelt. Wir haben ihn zur Geschichte der früheren Straßenbahnen befragt.

Start mit der „Sterkrader Linie“

Die begann nämlich 1897, also mehr als 30 Jahre bevor Sterkrade und Osterfeld nach Oberhausen eingemeindet wurden. Damals richteten die Stadtwerke ihre „Sterkrader Linie“, zuletzt „Linie 1“ genannt, zwischen dem Werksgasthaus Gutehoffnungshütte (GHH) und der Endstation Hagelkreuz ein.

Zwischenstationen waren der Kaisergarten, das Stadion, die Bottroper Straße, Eisenheim, Dorstener Straße, Johanniterstraße, evangelische Kirche, die Bahnhofstraße, die damals Osterfelder Straße hieß, und der Marktplatz. Die Linie begann am Werksgasthaus, weil im gleichen Jahr die spätere „Linie 2“ zwischen Hauptbahnhof, Werksgasthaus und dem Industriegebiet an der Essener Straße ihren Betrieb aufnahm. Fahrgäste aus Stadtmitte mussten dort also umsteigen.

„1901 wurde die spätere ,Linie 2’ zur ,Osterfelder Linie’“, berichtet Klaus Giesen. Damals wurde sie vom Neuen Walzwerk an der Osterfelder Straße unter dem Tunnel hindurch über die Vestische Straße, die Zeche Osterfeld, die Kapellenstraße und die Teutoburger Straße („Dreilinden“) bis zum Bahnhof Sterkrade verlängert. Im Volksmund blieb es aber immer die „Osterfelder Linie“. Denn wer von Alt-Oberhausen nach Sterkrade wollte, benutzte damals entweder die Eisenbahn oder die kürzere „Sterkrader Linie“.

Als Osterfeld noch zu Bottrop gehörte

1909 erreichte dann die erste Linie der späteren „Vestischen“, über die Bottroper Straße kommend, die Osterfelder St.-Pan­kratius-Kirche. Sie kam aus Gladbeck. Und sie nannte sich ab 1913 „Linie A“, zuletzt, ab 1957, dann „Linie 10“. „Osterfeld gehörte ja damals noch zu Bottrop“, gibt Klaus Giesen zu bedenken.

1912 verlängerten die Stadtwerke Oberhausen ihre „Linie 1“ vom Hagelkreuz bis zur Zeche Hugo an der Weseler Straße. Und 1913 wurde die „Linie 2“ bis Buschhausen verlängert. Sie stieß dort auf eine Straßenbahn aus Hamborn.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die weitere Entwicklung. Aber 1921 wurde die „Linie A“ aus Gladbeck bis zum Osterfelder Markt verlängert. Von dort ging es dann – eingleisig – 1927 über die Bergstraße hinauf bis zur Teutoburger Straße.

Ende mit der „Sterkrader Linie“

1927 war das Jahr der letzten bedeutenden Erweiterung: Die „Linie 1“ wurde von der Weseler Straße bis nach Holten Bahnhof verlängert. „Auf der Westseite des Bahnhofs endete damals die Straßenbahn aus Hamborn“, ergänzt Klaus Giesen. Im gleichen Jahr erreichte eine neue Linie der „Vestischen“ das heutige Oberhausener Stadtgebiet: die „Linie 22“. Sie gelangte, von Bottrop-Boy aus kommend, auf die Sterkrader Straße, fuhr von dort zur Teutoburger Straße und weiter auf einem gemeinsamen Gleis mit der „Osterfelder Linie“ bis zum Bahnhof Sterkrade. Zuletzt hieß sie übrigens „Linie 17“. Sie war auch der Grund dafür, weshalb die „Linie A“, die spätere „Linie 10“, am Ende der Bergstraße endete.

Hatte der Aufbau dieses Netzes 30 Jahre gedauert, so war der Rückbau nach neun Jahren beendet: 1965 wurde die „Linie 2“, die Osterfelder Linie, eingestellt. 1968 folgten die „Linie 10“ der „Vestischen“ (auf Oberhausener Gebiet, 1981 dann ganz) und die komplette „Linie 1“, die „Sterkrader Linie“. Von da an fuhr auch die „Linie 17“ nur noch bis zur Bergstraße. 1974 lief sie auf Oberhausener Gebiet ganz aus, 1976 überhaupt.

Schneller als Tempo 50 ging es nicht

Die ersten Straßenbahnen waren zweiachsig und boten neben 20 Sitzplätzen etwa zwölf Stehplätze, also Platz für über 30 Personen. Jede Achse wurde von einem 24 PS starken Elektromotor angetrieben. Bei 5,3 Tonnen Eigengewicht reichte das aber nur für maximal 20 Stundenkilometer, immerhin das Vierfache der Geschwindigkeit eines Fußgängers.

In den 1920er Jahren kamen stärkere Zweiachser auf. Damit konnte viel leichter mit Anhänger gefahren werden. Die Kapazität stieg mit Anhänger auf 60 Fahrgäste pro Bahn, die Höchstgeschwindigkeit auf 40 Kilometer pro Stunde.

In den 1950er Jahren eingeführte Vierachser (110 Plätze) brachten es bei 18 Tonnen Gewicht auf zwei Mal 136 PS Motorleistung und sogar auf 50 km/h Höchstgeschwindigkeit. Diese Spitze wurde auch von den noch moderneren Gelenktriebzügen mit sechs Achsen (160 Plätze) nicht überschritten. Denn sämtliche Linien auf Oberhausener Gebiet verfügten nach Angaben von Klaus Giesen über keinen eigenen Gleiskörper, verliefen also in den Straßen. Damit war eine Beschleunigung nur schwer möglich. 1968 hat die „Vestische“ übrigens den Schaffner auf jeder Bahn abgeschafft.

Gebaut wurden die Straßenbahnen alle in Meterspur und damit deutlich schmaler als die Eisenbahn (1,43 Meter). Sie sollten, sagt Klaus Giesen, der Eisenbahn keine Konkurrenz machen können. Betrieben wurden sie mit Gleichstrom, dessen Antrieb technisch einfacher ist als der mit Wechselstrom.

Ein Straßenbahnfan seit seiner frühesten Kindheit

Klaus Giesen (56), von Beruf Chemie-Ingenieur, wohnt seit 21 Jahren in Bottrop. „Ich bin in Essen aufgewachsen“, erzählt er. Schon als Kind sei er vom Straßenbahnfahren begeistert gewesen. Er sei damit regelmäßig zu den Großeltern nach Bottrop gefahren.

Als Jugendlicher begann er damit, sämtliche Strecken im Ruhrgebiet abzufahren, ab Mitte der 70er Jahre auch mit der Kamera. Anfang der 80er Jahre dehnte er seine Exkursionen dann als Student auf ganz Westdeutschland und darüber hinaus aus. In den 80er Jahren schrieb er auch für ein Fachmagazin.

1993 entstand mit einem Co-Autoren sein erstes Buch über den Wagenpark der Essener Straßenbahn und 2014 – ebenfalls mit Co-Autor – ein Buch über die „Linie 10“ – die längste Linie im Ruhrgebiet. 2016 folgte ein Buch über die Straßenbahnen in Bottrop, Gladbeck und Kirchhellen. Wer an seinen Büchern interessiert ist, kann sich per E-Mail an kgiesen@ gelsennet.de an ihn wenden.

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