Stadtgeschichte

Neue Stolperstein-Ausstellung zeigt berührende Dokumente

Die Ausstellung in der Gedenkhalle berichtet über die Schicksale von 16 Oberhausenern und über das Projekt des Künstler Gunter Demnig (Bild im Vordergrund). Kuratorin Mareike Otters an einer Station mit Videoclips.

Foto: Christoph Wojtyczka

Die Ausstellung in der Gedenkhalle berichtet über die Schicksale von 16 Oberhausenern und über das Projekt des Künstler Gunter Demnig (Bild im Vordergrund). Kuratorin Mareike Otters an einer Station mit Videoclips. Foto: Christoph Wojtyczka

oberhausen.   In der Nazi-Diktatur wurden sie verfolgt und ermordet. Die neue Stolperstein-Ausstellung in der Gedenkhalle erzählt von ihren Lebensgeschichten.

„Dir zur Nachricht, dass ich Dir hiermit die letzten Zeilen schreiben werde . . .“, beginnt August Zilians Brief aus der Todeszelle an seine Frau Maria am 25. August 1944. Er endet mit „Lebwohl“. Der Oberhausener KPD-Mann wird am gleichen Tag in Dortmund im Gefängnis hingerichtet. Die Nationalsozialisten hatten den Familienvater wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt.

Die Abschrift von Zilians Abschiedsbrief ist in der gestern eröffneten Ausstellung „Stolpersteine. Es war gleich nebenan“ in der Gedenkhalle zu lesen. Es sind Dokumente wie diese, Fotos, Auszüge aus Akten, Pläne und Texte, die die Lebensgeschichte von 16 Menschen aus Oberhausen nachvollziehbar machen. 16 Menschen aus Oberhausen, aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Opfer der nationalsozialistischen Diktatur wurden.

Dass ihre Schicksale dem Vergessen entrissen wurden – dafür hat bereits die Verlegung der „Stolpersteine“ im März dieses Jahres gesorgt. Die Ausstellung in der Gedenkhalle ergänzt die Aktion und erzählt das, was auf einem kleinen, im Boden eingelassenen Messingquadrat keinen Platz findet. Kuratorin Mareike Otters, wissenschaftliche Volontärin der Gedenkhalle, liefert aber auch allgemeine Informationen zu dem „Stolperstein“- Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. So können sich Besucher der Ausstellung mit Hilfe von Videoclips über die erste Stolperstein-Verlegung in Oberhausen 2008 informieren, über die Herstellung der Gedenktäfelchen, Beschädigungen oder auch die Kritik an dieser Form des Gedenkens, die zum Beispiel in München nicht unumstritten ist und von der dortigen jüdischen Gemeinde abgelehnt wird. „Eine legitime Auseinandersetzung“, sagt Mareike Otters, „dass wir darüber streiten, wie wir der Opfer gedenken und was Alternativen sind“. In Oberhausen hat die jüdische Gemeinde der Verlegung von Stolpersteinen zugestimmt, „aber es gibt immer wieder einzelne Familien, Nachkommen, die das nicht wollen“. Dann wird auch kein Stein verlegt.

Tiefer Einschnitt für die Menschen

Gunter Demnigs Idee ist seit 1997, jeweils am letzten selbst gewählten Wohnort der Verfolgten der Nationalsozialisten mit einem Gedenkstein im Bürgersteig an sie zu erinnern. Um zu zeigen: Die Opfer wohnten gleich nebenan. Und um mit den Stichworten zur Biografie deutlich zu machen, welch tiefen Einschnitt die Verfolgung für die Menschen bedeutete, ob sie nun ermordet wurden oder letztendlich entkommen konnten.

61 000 dieser Steine sind bereits in Europa verlegt worden, in Deutschland in mehr als 1160 Orten, in Oberhausen sind es 187 Steine bzw. Erinnerungsorte. Zu denen weitere kommen sollen. Dafür müssen sich Paten finden, die 120 Euro pro Stein bezahlen und die Recherche der Lebensgeschichte der Opfer übernehmen. Bei Organisation und Spurensuche unterstützt die Gedenkhalle die Paten, auch das ist Teil der Ausstellung: Zu zeigen, wo welche Informationen zu finden sind, an wen man sich wenden kann.

So wird auch der Aufwand deutlich, der für die Rekonstruktion der Schicksale notwendig ist. Es entstehen Kontakte – und dann kann es geschehen, dass eine Angehörige erst über die „Stolpersteine“ erfährt, was mit ihrem Vater geschah: Wie die Tochter von Friedrich W. Herkendell, der wegen „Arbeitsverweigerung“ ins KZ Neuengamme kam und dort starb. Ein lebenslanges Leid für seine Tochter.

>>>>>> Öffnungszeiten, Programm und Patenschaft

Die Ausstellung ist bis zum 27. August in der Gedenkhalle Schloss Oberhausen zu sehen (Konrad-Adenauer-Alle 46). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm, das mit einer Führung am Sonntag, 21. Mai, um 14 Uhr startet (kostenlos, keine Anmeldung, Dauer ca. eine Stunde). Ebenfalls am Sonntag, 21. Mai, wird um 18.30 Uhr der Film „Sarahs Schlüssel“ über die Verfolgung jüdischer Familien im Paris der 1930er und -40er Jahre in der Lichtburg gezeigt (Elsässer Straße 26). Platzreservierung: 0208-60705310. Weitere Infos zum Programm folgen (Termine auch auf gedenkhalle.de).

Wer eine Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen möchte, wendet sich an Mareike Otters: 0208-6070531-14; mareike.otters@oberhausen.de.

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik