Revolutions-Nostalgie

Musiker fragen spöttisch „Wem ham se die Krone jeklaut?“

Die vier Grenzgänger (v.li.) Gitarrist Frederic Drobnjak, Sänger und Gitarrist Michael Zachcial, Cellistin Annette Rettich und Akkordeonist Felix Kroll.

Die vier Grenzgänger (v.li.) Gitarrist Frederic Drobnjak, Sänger und Gitarrist Michael Zachcial, Cellistin Annette Rettich und Akkordeonist Felix Kroll.

Foto: Frank Oppitz

oberhausen.   Das Bremer „Grenzgänger“-Ensemble blickt aufs Revolutionsjahr 1918. Zuschauer in der Fabrik K 14 applaudieren tüchtig nach exzellentem Abend.

Es hätte der Höhepunkt der deutschen Arbeiterbewegung werden können, als Kaiser Wilhelm II. am 9. November 1918 zur Abdankung gezwungen wurde und die Monarchie zusammenbrach. Tatsächlich aber haben die revolutionären Ereignisse von damals die politische Linke in Deutschland unumkehrbar gespalten. Einen musikalischen Rückblick auf diese Zeit der Wirren am Ende des Ersten Weltkriegs gab es in der Fabrik K 14. Dort war das Quartett „Die Grenzgänger“ um den Sänger und Gitarristen Michael Zachcial aus Bremen zu Gast. Das mehrfach preisgekrönte Ensemble überzeugte vor den rund 70 Zuhörern mit exzellent dargebotener Musik.

„Schritt für Schritt ins Paradies“

Schnell wurde deutlich, wie vor 100 Jahren die Stimmung in Deutschland gewesen sein muss, nach einem Krieg, der wie keiner zuvor die Völker Europas in Mitleidenschaft gezogen hatte. Das Lied „Schritt für Schritt ins Paradies“ gab gleich zu Beginn der Sehnsucht nach dem Aufbau eines ganz neuen Landes Ausdruck. „Mein Michel, was willst du noch mehr?“ rechnete mit dem alten Obrigkeitsstaat ab. Und der Gassenhauer „Wem ham se die Krone jeklaut“ machte sich über den nach Holland geflüchteten Kaiser lustig, der einst so verehrten Autorität.

Zachcial führte jeweils aus linker Perspektive kurz in die Themen der einzelnen Lieder ein. „Die Schere zwischen Arm und Reich ging auch damals immer weiter auseinander“, erklärte er. Das habe das politische Klima im Lande vergiftet. Klassenkampf lag in der Luft. In „Vom Baum der Großstadt“ beschrieb er diesen Zustand einer Gesellschaft, in der es für viele Menschen am Nötigsten fehlte.

Das Volk will „Brot, Kartoffeln, Kohle“

Friedrich Ebert, damals SPD-Vorsitzender und Regierungschef, befürchtete einen Bürgerkrieg, wenn nicht schnell der in dem langsamen Walzer „Brot, Kartoffeln, Kohle her“ vorgetragenen Forderung gehorcht würde. Dafür ging Ebert ein Bündnis mit den alten Obrigkeiten ein. Aber die angeheuerten Freikorps-Truppen richteten im März und Mai 1919 in Berlin und München unter denen, die eine konsequente politische Umgestaltung forderten, Blutbäder mit jeweils über tausend Todesopfern an. Die radikale Linke schloss nie mehr Frieden mit der jungen Republik.

In „Vögel der Freiheit“ besang Zachcial einen solchen Revolutionär, Ernst Toller, der auch unter den neuen Regierenden bald in Haft kam. Dann erinnerte ein Lied an Max Hoelz, einen überzeugten Kommunisten, der zu Unrecht wegen Mordes verurteilt worden war. Prominente wie Bert Brecht, Albert Einstein und Thomas Mann setzten sich mit Erfolg für die Aufhebung dieses Urteils ein. Schließlich war noch ein vertontes Gedicht des jungen Karl Marx zu hören, den schon als 18-Jährigen die soziale Schieflage in Deutschland umtrieb. Die Zuschauer quittierten all das mit kräftigem Applaus.

>>>>>>> Mit schwer atmendem Akkordeon

Die meisten Lieder des Abends wurden in hohem Tempo gespielt. Dabei erwies sich Michael Zachcial selbst als kraftvoller Rhythmus-Gitarrist. Frederic Drobnjak steuerte auf der Konzertgitarre immer wieder verspielte Soli bei. Annette Rittich sorgte auf dem Cello, ob gezupft oder gestrichen, für die nötigen tiefen Töne. Felix Kroll am Akkordeon ließ sein Tasten-Blasinstrument manchmal schwer atmen, um den Ernst der Kriegszeiten und Nachkriegsnot zu betonen.

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